Das Selbstverständnis eines Faches als angewandte Wissenschaft ist kulturgeschichtlich determiniert. Indem die Ingenieurwissenschaften sich ausdrücklich als angewandt bezeichnen, grenzen sie sich von ihren Grundlagenfächern Mathematik und Physik ab; innerhalb dieser Grundlagenfächer gibt es jedoch auch Arbeitsrichtungen, die sich als Angewandte Mathematik beziehungsweise Angewandte Physik verstehen. Ganz auf interdisziplinäre Fragestellungen sind Angewandte Linguistik und Angewandte Informatik ausgerichtet. Traditionelle Fakultäten wie die Medizin oder die Jurisprudenz hingegen sehen keine Veranlassung, sich als angewandte Wissenschaft zu etikettieren; sie würden eine solche Einstufung eher als nachteilig für das Prestige ihres Faches ansehen.
Fachhochschulen im deutschen Sprachraum sind in den späten 1990er Jahren dazu übergegangen, ihren Namen mit einem englischen Untertitel University of Applied Sciences(Universität für angewandte Wissenschaften) zu ergänzen. Diese Selbstbezeichnung erklärt sich als ein Schachzug im jahrzehntelangen Kampf um Gleichstellung mit den Universitäten, drückt aber zugleich korrekt aus, dass sich die Fachhochschulen dezidiert um anwendungsnahe Ausbildungsgänge bemühen.
Im heutigen Sprachgebrauch dient der Ausdruck Angewandte Wissenschaft – bzw. angewandte wissenschaftliche Disziplin – nurmehr der Unterscheidung zu theoretischer Wissenschaft, also Grundlagenforschung.