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Geändert: 2007-12-16
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Kategorie: Anthropologie Kulturwissenschaft Rechtsmedizin Ethnologie Evolution Allgemeine Pädagogik

Anthropologie

Anthropologie (von griechisch: ánthropos „Mensch“ und λόγος lógos „Lehre“), ist frei übersetzt „die Wissenschaft vom Menschen“. Die einzelnen Disziplinen zusammenfassend wird unter diesem Oberbegriff die wissenschaftliche Erklärung dessen verstanden, was der Mensch ist. Charakteristisch für die Anthropologie ist ihre (auf I. Kant zurückgehende) Spaltung in einen materialistisch-physischen Zweig und einen idealistisch-pragmatischen Zweig: die Naturwissenschaften beschreiben den Menschen aus der Evolutionstheorie heraus als ein zwar hoch entwickeltes, sich aber nur quantitativalitalit vom Tier unterscheidendes Wesen, während die Geisteswissenschaften in der Freiheit der Entscheidung und der Selbstbestimmung, d.h. in der Personät, das spezifisch menschliche Wesen entdecken, welches sich qualitativ vom Tier unterscheidet. In Deutschland wird unter dem Universitätsfach „Anthropologie“ im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern ausschließlich die biologische oder physische Anthropologie verstanden.

1 Disziplinen
2 Bekannte Anthropologen
3 Siehe auch
4 Quellenangaben
5 Literatur
6 Weblinks

Disziplinen

Geisteswissenschaftlicher Ansatz

Kulturanthropologie

Hauptartikel: Kulturanthropologie

Die Kulturanthropologie ist eine empirisch gestützte Wissenschaft von der menschlichen Kultur. Sie entwickelte sich im 20. Jahrhundert aus der Volkskunde, hat ihren Schwerpunkt im Gegensatz zu dieser aber in interkulturellen, ethnologischen und soziologischen Themen und Modelle. Unter den anthropologischen Fachrichtungen nimmt die Kulturanthropologie eine Mittelposition zwischen den biologisch und den philosophisch orientierten Richtungen ein und ist damit in ihrem Themenspektrum am weitesten gefasst. So hat sich im deutschen Sprachraum bisher keine genauere Definition des Forschungsgegenstandes durchgesetzt.

Sozialanthropologie

Hauptartikel: Sozialanthropologie

Industrieanthropologie

Hauptartikel: Industrieanthropologie

Philosophische Anthropologie

Hauptartikel: Philosophische Anthropologie

Theologische Anthropologie

Hauptartikel: Theologische Anthropologie

Historische Anthropologie

Hauptartikel: Historische Anthropologie

Naturwissenschaftlicher Ansatz

Biologische Anthropologie

Ziel der biologischen Anthropologie mit ihren Teilgebieten Primatologie, Evolutionstheorie, Sportanthropologie, Paläoanthropologie, Bevölkerungsbiologie, Industrieanthropologie, Genetik, Wachstum (Auxologie), Konstitution und Forensik ist die Beschreibung, Ursachenanalyse und evolutionsbiologische Interpretation der Verschiedenheit biologischer Merkmale der Hominiden (Familie der Ordnung Primaten, die fossile und rezente Menschen einschließt). Ihre Methoden sind sowohl beschreibend als auch analytisch.
Die biologische Anthropologie ist eine Teildisziplin der Humanbiologie.
Institutionen im deutschsprachigen Raum gibt es an Universitäten und an Museen in Kiel, Hamburg, Berlin, Göttingen, Jena, Gießen, Mainz, Ulm, Freiburg, München, Zürich und Wien. Meist ist dort die Bezeichnung nur 'Anthropologie', Zusätze wie biologisch werden erst in jüngerer Zeit notwendig, weil der konkurrierende amerikanische Begriff von 'anthropology' auch hier bekannt wird.

Forensische Anthropologie

Forensische Anthropologie ist eine der drei gerichtlichen Wissenschaften vom Menschen, neben der Rechtsmedizin und der forensischen Odontologie.

Gebiete der forensischen Anthropologie:

  • Identifikation nach Bildern. Die meisten bearbeiteten Fälle betreffen Ordnungswidrigkeiten im Verkehr, also Schnellfahrer und Rotmissachter, die spektakulären Fälle betreffen Bankräuber oder auch zeitgeschichtliche Personen.
  • Identifikation von Skeletten und teilskelettierten Leichen, auch in Massengräbern
  • Altersdiagnose, insbesondere bei jungen Straftätern
  • Abstammungsgutachten
  • Zwillingsdiagnose

Die forensische Anthropologie dient mit den Mitteln der Anthropologie bei der Aufklärung von Verbrechen. Forensische Anthropologen haben vor allem mit der Identifikation von Bankräubern, Schnellfahrern etc. zu tun, dann auch häufig mit stark verwesten oder vollständig skelettierten Leichen. Nicht selten sind sie die letzte Hoffnung zur Aufklärung eines Verbrechens. In Deutschland gibt es eine starke institutionelle Dominanz der Rechtsmedizin, das aber verhindert manchmal den Zugang zu der eigenständigen Kompetenz der Anthropologie.

Andere und Mischformen

Kybernetische Anthropologie

Hauptartikel: Kybernetische Anthropologie

Anthropologische Medizin

In den 20er- und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts von Viktor von Weizsäcker, Richard Siebeck und Ludolf von Krehl praktizierte Medizin. Viktor von Weizsäcker: Der Arzt und der Kranke. In: V. von Weizsäcker (Hrsg), Stücke einer medizinischen Anthropologie. Erschienen in: Die Kreatur, II. Jahrgang. 1927, Lambert Schneider; Berlin, Stuttgart: K.F. Koehler Verlag (1949): Seite 62-88 Es geht hierbei nicht um die Behandlung von Krankheiten, sondern um die Behandlung des kranken Menschen. Der Patient ist hierbei nicht mehr das Objekt, sondern der Arzt tritt dem Kranken als Subjekt in eine persönliche Beziehung ein. 'Das Ganze des Leib-Seele-Wesens Mensch' steht dabei im Vordergrund. Die anthropologische Medizin versteht sich der wissenschaftlichen Medizin zugehörig und gehört somit nicht zu den alternativmedizinschen Methoden oder der anthroposophischen Lehre.

Pädagogische Anthropologie

Die Pädagogische Anthropologie ist der Teilbereich der Pädagogik, der sich mit implizitemem und explizit Menschenbild von Bildungstheorie und Erziehungsspraxis beschäftigt. Sie nutzt Erkenntnisse aus allen anthropologischen Fächern, sowohl der philosophischen Anthropologie (z.B. Arnold Gehlen) als auch der Naturwissenschaft (z.B. der Gehirnforschung) und ist bestrebt, diese in ihre Theorie zu integrieren.

Empirische Einzeldaten sollen unter einem einheitlichen pädagogischen Grundgedanken zusammengefasst werden, dazu dienen Kategorien. Anthropologische Fundamentalkategorien der Pädagogik sind die Erziehungsbedürftigkeit und die Erziehungsfähigkeit bzw. die Bildsamkeits des Menschen. Zu den Unterkategorien der pädagogischen Anthropologie gehört beispielsweise die Theorie des Lernen.

Literaturbeispiele:

Prof. Dr. H. Herbert Becker (Hrsg.): Anthropologie und Pädagogik, Bad Heilbrunn: Klinkhardt 1977
Christoph Wulf: Einführung in die päd. Anthropologie, Weinheim, Basel: Beltz 1994
Kamper D./ Wulf Ch. (Hrsg.): Anthropologie nach dem Tode des Menschen, edition suhrkamp 1906, Frankfurt/M. 1994
J. Uher (Hrsg.): Pädagogische Anthropologie und Evolution, Erlanger Forschungen Reihe A, Band 73,Erlangen 1995

Anthropologie in den Sozialwissenschaften

Die zwei fast schon klassischen Menschenbilder, wenn auch bereits von ihren Schöpfern nur als analytische, vereinfachende Modelle, und nicht als ganzheitliche Beschreibung des Menschen gedacht, sind der homo oeconomicus der Wirtschaftswissenschaften und der homo sociologicus der Soziologie. Eine 'realistische' Variante des individualistischen homo oeconomicus ist das RREEMM-Modell des Menschen, allerdings wird in der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung wegen Operationalisierungsproblemen auch weiterhin überwiegend auf die einfacheren Modelle zurückgegriffen.

Anthropologie als Oberbegriff bzw. Dachwissenschaft

Manchmal wird „Anthropologie“ als Oberbegriff für mehrere der oben genannten Einzelwissenschaften aufgefasst. Insbesondere in den USA gibt es dementsprechende Bestrebungen, Biologische Anthropologie, Kulturanthropologie, Ethnolinguistik und Archäologie unter einem Dach zu vereinen.

Die „Theorie der AnthropologieGerhard Medicus: Grundlagen der Anthropologie, Naturwissenschaftliche Rundschau (2006), 59: Heft 2, Seite 65-71 ist Orientierungswissen, das Zusammenhänge zwischen den Disziplinen und Schulen aufzeigt. Der entsprechende Bezugsrahmen ist in seiner Grundstruktur einfach: Er erschließt sich, wenn anhand des Rasters der Vier Grundfragen der biologischen Forschung (nach Nikolaas Tinbergen: Verursachungen [= Ursache-Wirkungsbeziehungen bei den Funktionsabläufen], Ontogenese, Anpassungswert, Phylogenese) gefragt wird und gleichzeitig die Bezugsebenen (vergleiche Nicolai Hartmann; z.B. Zelle, Organ, Individuum, Gruppe) berücksichtigt werden, auf die sich die Fragen richten:

Verursachungen Ontogenese Anpassungswert Phylogenese
Molekül
Zelle
Organ
Individuum
Gruppe
Gesellschaft

Dem tabellarischen Orientierungsrahmen aus Grundfragen und Bezugsebenen lassen sich alle anthropologischen Spezialgebiete zuordnen; er ist Grundlage für eine konsistente Vernetzung und Strukturierung ihrer Ergebnisse.

Bekannte Anthropologen

Siehe auch

Quellenangaben

Literatur

  • Rainer Knußmann: Vergleichende Biologie des Menschen. Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik. 2., völlig neu berarb. Aufl., G. Fischer, Stuttgart 1996
  • Rainer Knußmann (Hg.): Anthropologie. Handbuch der vergleichenden Biologie des Menschen. Bd. 1/I und 1/II, 1988 und 1992
  • Wilhelm E. Mühlmann: Geschichte der Anthropologie. 4. Aufl. Aula, Wiesbaden 1986
  • Ilse Schwidetzky: Das Menschenbild der Biologie. Ergebnisse und Probleme der naturwissenschaftlichen Anthropologie. G. Fischer, Stuttgart 1959 (2. Auflage 1970)
  • Ilse Schwidetzky: Hauptprobleme der Anthropologie. Bevölkerungsbiologie und Evolution des Menschen. Rombach, Freiburg i.Br. 1971
  • Ilse Schwidetzky: Rassen und Rassenbildung beim Menschen. Fischer, Stuttgart 1979
  • Egon v. Eickstedt: Die Forschung am Menschen. 3 Bde., Enke, Stuttgart 1940-1962 (2643 S.)
  • Ilse Schwidetzky: Geschichte der Anthropologie. In: Rainer Knußmann (Hg.): Anthropologie. Handbuch der vergleichenden Biologie des Menschen. Bd. 1/I, Stuttgart 1988, S. 47-126
  • Ilse Schwidetzky: History of Biological Anthropology in Germany. International Association of Human Biologists, Occasional Papers, vol. 3, no. 4, Newcastle upon Tyne 1992
  • Gisela Grupe u.a.: Anthropologie. Ein einführendes Lehrbuch . Springer, Berlin 2005 (490 S.)
  • Uwe Hoßfeld: Geschichte der biologischen Anthropologie in Deutschland. Von den Anfängen bis in die Nachkriegszeit. Steiner, Stuttgart 2005 (504 S.)
  • Joachim Bauer: Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren. Hoffmann und Campe, Hamburg 2006, ISBN 978-3-455-50017-2
  • Christoph Wulf: Anthropologie. Geschichte, Kultur, Philosophie. Rowohlt, Reinbek 2004. ISBN 3-499-55664-2
  • Friedemann Schrenk, Timothy G. Bromage, Henrik Kaessmann: Die Frühzeit des Menschen. Zurück zu den Wurzeln. in: Biologie in unserer Zeit. 32.2002,6, S. 352-359.
  • Winfried Henke, Hartmut Rothe: Menschwerdung. Fischer, Frankfurt M 2003. ISBN 3-596-15554-1.
  • Werner Fuchs u. a. (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie. 2., verbesserte und erweiterte Aufl., Westdeutscher Verlag, Opladen 1978
  • Zeno Bucher, 'Die Abstammung des Menschen als naturphilosophisches Problem.' Koenigshausen & Neumann, Würzburg 1992, ISBN 3-88479-721-2
  • Marvin Harris, Menschen, DTV, München (1996), ISBN 3-423-30530-4.
  • Rüdiger Zymner, Manfred Engel (Hg.): Anthropologie der Literatur. Poetogene Strukturen und ästhetisch-soziale Handlungsfelder. Paderborn: mentis 2004 (Poetogenesis. Studien und Texte zur empirischen Anthropologie der Literatur), ISBN 3-89785-451-1
  • Martin Buber, Ich und Du, Reclam 1995
  • Max Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos in: Gesammelte Werke, Bd. 9, Francke Verlag 1976 (auch als Sonderausgabe bei Bouvier u.a. erhältlich)
  • Oscar Kiss Maerth, Der Anfang war das Ende - Der Mensch entstand durch Kannibalismus, Econ 1971 ISBN 3-430-15460-X (vergriffen, aber antiquarisch erhältlich)

Weblinks

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