Herkunft
Kerngebiet des chattischen Siedlungsraumes waren die Ebene von Fritzlar-Wabern und das Kasseler Becken sowie die westhessische Senkenlandschaft. Der Ursprung des Stammes liegt bis heute weitestgehend im Dunkeln, nach neuestem Forschungs- und Kenntnisstand wanderten die Chatten aber nicht als gesonderter Stamm in das Gebiet zwischen Rothaargebirge und Rhön ein. Vielmehr gerieten kleinere versprengte Sueben-Gruppen aus der Zeit des Ariovist sowie andere rhein-weser-germanische Völkerschaften und kleinere keltische Ethnien in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v.Chr unter die Oberhoheit eingewanderter elbgermanischer Neusiedler. Mit der Errichtung des Markomannen-Reiches unter Marbod, 3 v. Chr in Böhmen geht der Abzug der elbgermanischen Bevölkerungsgruppen aus Hessen einher. Zeitgleich wandern neue, mit der rhein-weser-germanischen Kultur verbundene Gruppen ins nördliche Hessen ein und füllen das dort entstandene Machtvakuum. Im Vergleich zur eingesessenen Bevölkerung dürfte sich die Anzahl der Neusiedler auf einige hundert Waffen tragende Männer, sowie deren Familien beschränkt haben. Dieser als 'chattischer Traditionskern' in der Wissenschaft angesehene Sippenverband hat vermutlich für die Ethnogese des gesamten Stammes eine wichtige Rolle gespielt. Funde lassen darauf schließen, dass im späten 2. Jahrhundert n.Chr, zur Zeit der Markomannenkriege, ein erneuter Zuzug elbgermanischer Bevölkerungsgruppen einsetzt, der in seiner Größenordnungung jedoch noch schwer abzuschätzen ist. Ob die Stammesbildung friedlicher Natur war oder kriegerisch erfolgte, liegt weiterhin im Dunkel der Geschichte verborgen und kann vorerst wohl noch nicht aufgeklärt werden.
Zeitlicher Abriss
Als die Ubier, die an der unteren Lahn und im Westerwald lebten, 39 v.Chr vom römischen Feldherrn Marcus Vipsanius Agrippa auf linksrheinisches Gebiet umgesiedelt wurden, nahmen die Chatten mit Zustimmung der Römer zeitweise deren Land in Besitz. Nach Konflikten mit den Sugambrern und der Erkenntnis, dass die Römer Pläne zur Eroberung von Magna Germania (Großgermanien, das freie Germanien) hegten, zogen sie sich aus dem Gebiet der umgesiedelten Ubier zurück. Im Jahre 9 n. Chr nahmen die Chatten an der Rebellion des Arminius gegen Varus teil und gingen in den folgenden Jahren eine anti-römische Koalition unter Führung der Cherusker ein. Andererseits soll ein chattischer Adliger mit Namen Adgandestrius an der Ermordung des Arminius beteiligt gewesen sein, die in die Jahre 19 - 21 n.Chr datiert wird. Im Jahre 15 n.Chr wurde Mattium (nicht lokalisiert - die Altenburg in Niedenstein bei Kassel scheidet als Standort aus, da sie bereits früher von Sueben zerstört wurde), einer der Hauptorte der Chatten, beim Rachefeldzug des Germanicus restlos zerstört. Um ca. 58 n.Chr kam es zu Kämpfen der Chatten mit ihren östlichen Nachbarn, den Hermunduren, um einen salzführenden Grenzfluss (vermutlich die Werra).
69 n. Chr beteiligten sich die Chatten am Bataveraufstand unter der Führung des Julius Civilis. Gemeinhin werden die Bataver, die im Gebiet der späteren Niederlande ansässig waren, als ein nach inneren Konflikten abgespaltener und ausgewanderter, früherer Teil der Chatten angesprochen.
83 n. Chr und 85 n. Chr kam es in den sogenannten Chattenkriegen zu größeren Auseinandersetzungen zwischen den römischen Truppen des Domitian und Chatten, die im Vorland von Mainz im Taunus und im Gießener Becken lebten. Dabei gelang den Römern die Unterwerfung des Gebietes der Wetterau, was ein Bestandteil der Germanienpolitik Domitians (Neuordnung der Grenze) war. In der Folge entstanden die Grenzbefestigungen des Taunus- und Wetteraulimes. Im Zusammenhang mit dem Putsch des Saturninus 89 n. Chr gegen Domitian kam es zu weiteren Kämpfen mit Chatten, die gelegentlich als Zweiter Chattenkrieg Domitians bezeichnet werden. [Thomas Fischer: Die Römer in Deutschland. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1999.]
162 n. Chr fielen die Chatten in Obergermanien und Rätien ein, 170 n.Chr plünderten sie die römische Provinz Belgica. Um 213 n. Chr begingen chattische Frauen Suizid, um nicht in die römische Sklaverei verschleppt zu werden.
Die Chatten in der Germania des Tacitus
[[Bild:Germanische-ratsversammlung_1-1250x715.jpg|thumb|240px|left|Germanische Ratsversammlung, wie sie wohl auch bei den Chatten üblich war (Relief an der Marc-Aurel-Säule in Rom)
]]
Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet in seiner Germania, dass die Chatten mehr als andere germanische Stämme Bergbewohner seien und aus diesem Grund über festere Körper, sehnigere
Glieder und einen regsameren Geist verfügten. In ihrer Disziplin und ihrem Organisationsgeschick vergleicht Tacitus die Chatten mit den Römern. Wie die römischen Legionäre hörten sie auf die Befehle
ihrer Heerführer, ständen in fester Schlachtordnung und verschanzten sich über Nacht. Des Weiteren nennt Tacitus einen Brauch der Chatten: Diese würden, sobald sie erwachsen seien, ihr Haupt- und Barthaar wachsen lassen und einer Gottheitn weihen. Über dem getöteten Feind und den Beutewaffe schneiden sie sich Haupt- und Barthaar ab und verkünden, dass sie nun ihres Stammes und ihrer Eltern würdig seien und ihre Geburt bezahlt hätten.
Eingliederung in den fränkischen Stammesverband
Gegen Ende des
5. Jahrhunderts gerieten die Chatten wohl langsam unter die Oberhoheit der
Franken und wurden unter der Herrschaft
Chlodwigs I endgültig in das fränkische Königreich eingegliedert. Das Gebiet der Chatten diente den Franken zudem als Ausgangsbasis für Feldzüge gegen die nördlich siedelnden
Sachsen, die immer wieder in chattisches und fränkisches Gebiet eindrangen. Die Behauptung einer gewissen Teilautonomie der Chatten gegenüber den Franken führte dazu, dass sich ihr Stammesname, in abgewandelter Form, bis heute halten konnte. Die Eingliederung in das
fränkische Stammeskönigtum führte allerdings auch dazu, dass aus dem Siedlungsgebiet der Chatten bzw. Hessen im
Frühmittelalter kein eigenes
Stammesherzogtum hervorging.

Taufe germanischer Heiden (oben) Martyrium des Bonifatius in Friesland (unten)
Missionierung der Chatten
Unter Oberherrschaft der bereits ab 498 zum Christentum übergetretenen
Franken kamen von Westen her in das Stammesgebiet der Chatten schon früh irische Missionare, die mit der Christianisierung begannen und erste Stützpunkte aufbauten. Die von starkem Sendungsbewustsein geprägten
Missionare aus
Irland und
Schottland missionierten mit mehr oder weniger großem Erfolg die Bewohner des chattischen Stammesgebietes und versuchten sie zum zum Übertritt zum
christlichen Glauben zu bewegen. Auch Bevölkerungsteile im benachbarten
Thüringen waren von ihnen missioniert worden, wie aus Sendschreiben des Papstes an den späteren, vom Papst eingesetzten Missionar und Kirchenreformer
Bonifatius hervorgeht.
Es wirkte also bereits eine, in Konkurrenz zur Römischen Kirche stehende,
iro-schottische Kirchenorganisation im hessischen bzw. thüringischen Raum, als Bonifatius hier auftrat. Nachgewiesene Spuren und Zentren dieser vorbonifatischen Mission ab der 1. Hälfte des
7. Jahrhunderts in Hessen finden sich in
Büraburg,
Hersfeld,
Kesterburg,
Amöneburg,
Wetter,
Schotten, dem Gießener Becken, der
Wetterau und
Würzburg. Die älteste Schicht der Kirchen (
Eigenkirchen) ließen meist Laien bauen, insbesondere der örtliche Adel, sowie die Grafen und Herzöge des Frankenreiches bis hin zum König selbst. Der iro-schottische Abt
Beatus schenkte z.B. im Jahre 778 acht Eigenkirchen an sein St. Michaelis-Münster bei
Straßburg. Diese Kirchen standen in Mainz, in Hausen bei Lich, in Wieseck bei Gießen, in Sternbach, in Bauernheim bei Friedberg, in Rodheim bei Hungen, in Horloff zwischen Hungen und Nidda, und in Buchonia (vermutlich Schotten).
Nachdem Bonifatius die Donareiche, ein germanisches Naturheiligtum, bei Geismar, nahe Fritzlar, im Jahre 723 gefällt hatte, konnte er mit starker Unterstützung der fränkischen Herrscher durch deren eingesetzte Gaugrafen und nach erneuter Missionstätigkeit die Bevölkerung Althessens scheinbar endgültig für das Christentum gewinnen. Die fränkischen Königsburgen und -höfe dienten ihm dabei als Stützpunkte. Man huldigte dem neuen Glauben anfangs meist weniger aus Überzeugung, sondern weil die Macht des Königs dahinterstand und weil man sich davon Vorteile erhoffte und auch erhielt. Die Bischöfe von Mainz und Würzburg führten wiederholt Klage, dass ihre Schäflein „... immer noch und immer wieder heimlich an ‚heiligen‘ Bäumen, Felsen und Quellen opferten.“ Die „Bekehrten“ fürchteten offenbar die Rache der Ahnen, so ganz wollte man es sich mit ihnen nicht verderben.
Bonifatius machte sich die bereits bestehende
kirchliche Organisationsstruktur zunutze, verdrängte dabei nach und nach die iro-schottischen Mönche und strukturierte in päpstlichem Auftrag die Kirche nach Vorbild der
römischen Kirche um (u.a. entstand dabei das
Bistum Mainz). Den bereits vor seiner Mission zum Christentum gelangten Chatten, Thüringer und Franken bescheingte er wiederholt, dass „
...sie auf Irrwege geraten und nicht rechten Christentums seien“. Das kommt auch darin zum Ausdruck, dass er den bis dahin üblichen irisch-fränkischen Grundrißtyp der Kirchen ablöste, der aus einem rechteckigen Schiff mit einem eingezogenem rechteckigen Chor bestand. Bonfatius führte bei neuen Kirchen die Bauform der römischen Basilika mit Querschiff und Apsis ein. Der Charakter seiner Missionstätigkeit war daher mehr ein organisatorischer, als ein theologischer. Zentren der Aktivitäten des Bonifatius und seiner Nachfolger waren
Fritzlar und die
Büraburg im nördlichen Althessen, die
Amöneburg und der
Christenberg im südwestlichen Teil Althessens, sowie
Fulda und
Hersfeld im Osten.
Wandlung des Stammesnamen
Im Jahre 738 n.Chr trat der neue Name Hessen zum ersten Mal in der Geschichte auf:
In einem Sendschreiben Papst Gregors III an Bonifatius wird von einem chattischen Teilstamm, dem Volk der Hessen (populus hassiorum), berichtet, das an der unteren Fulda siedelte. Der Name Hessen wurde fortan als Sammelname auf alle chattischen Teilstämme in Ober- und Niederhessen angewendet.
Die linguistische Herleitung der Namenswandlung von Chatten zu Hessen verlief in mehreren Zwischenschritten:
Chatti (ca. 100 n.Chr.) → Hatti → Hazzi → Hassi (um 700 n.Chr.) → Hessi (738 n.Chr.) → Hessen
Siehe hierzu auch die zweite Lautverschiebung in der deutschen Sprache.
Die etymologische Herleitung des Namens der Hessen blieb - mangels der langen Überlieferungslücke zwischen der letzten Erwähnung der Chatten 213 und der ersten Erwähnung der Hessen 738 - nie unumstritten. Versuche, durch archäologische Befunde eine Kontinuität zwischen Chatten und Hessen zu begründen, werden in der Forschung als überzeugender betrachtet. Entscheidend waren dabei die Ausgrabungen in den Wüstungen Geismar und Holzheim bei Fritzlar in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Beide Orte waren von der jüngeren Eisenzeit bis ins Hochmittelalter durchgehend besiedelt.
Unterstämme und/oder Abspaltungen
Weitere Informationen
Literatur
- Dietwolf Baatz, Fritz-Rudolf Herrmann: Die Römer in Hessen. K. Theiss-Verlag, Stuttgart 1982, ISBN 3-8062-0267-2
- Cornelius Publius Tacitus: Germania. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2001
- Walter Pohl: Die Germanen. Oldenbourg, München 2000 (Enzyklopädie deutscher Geschichte)
- Arnulf Krause: Die Geschichte der Germanen. Campus, Frankfurt/Main 2002
- Reinhard Wolters: Die Römer in Germanien. C.H.Beck, München 2000
- Hannsferdinand Döbler: Die Germanen - Legende und Wirklichkeit von A-Z. Orbis Verlag, München 2000
- Berichte der Kommission für Archäologische Landesforschung in Hessen 3, 1994 / 1995, Dr. Rudolf Habelt GmbH, Bonn 1995
- Dorothea Rohde, Helmuth Schneider: Hessen in der Antike - Die Chatten vom Zeitalter der Römer bis zur Alltagskultur der Gegenwart. Euregio-Verlag, Kassel 2006
Quellen