Begriff
Der Begriff Dialektik stammt ursprünglich von dem griechischen
medialen Deponens dialegesthai, das
ein Gespräch führen bedeutet.
Dialegesthai setzt sich zusammen aus der Präposition
dia und der Wurzel
leg-, die in
logos (Grundbedeutung:
Rede; auch:
Rechnung,
Verhältnis,
Vernunft) und
legein (
sagen, reden) enthalten ist. Der Infinitiv
dialegesthai wird bei
Herodot,
Thukydides und
Gorgias im Sinne des Gesprächs gebraucht.
Dialektikê tritt zuerst bei
Platon adjektivisch
[Platon, Menon 75 d] und als Substantiv
[Platon, Politeia, 534e] auf und wird hier und in der Folge zu einem technischen Terminus einer Methode bzw. zur Bezeichnung einer Wissenschaft.
[Rolf Geiger: dialegesthai, in: Christoph Horn / Christof Rapp: ''Wörterbuch der antiken Philosophie, München 2002, Seite 103]
Dialektik ist ein schon in der Antike nicht einheitlich gebrauchter Begriff. Bis in die Neuzeit jedoch behält er im wesentlichen die Bedeutung einer auf einem Gespräch fundierten Disziplin oder Methode bei, die zur Wahrheitsfindung dient. Seit dem 18. Jahrhundert hat der Begriff viele andere Verwendungen erfahren.
Geschichte
Antike
In der antiken Philosophie wird mit dem Begriff 'Dialektik' eine Methode oder Disziplin bezeichnet um Wissen zu erwerben oder zu überprüfen. Zunächst und zumeist wird dabei von einer Frage-Antwort-Situation ausgegangen. Argumente sind Fragen in einer Gesprächsituation oder werden als in einer Gesprächsituation befindlich aufgefasst. Der Argumentationsfortschritt ergibt sich allein dadurch, dass die vom Fragenden ausgesagten Prämissen vom Antwortenden bejaht oder verneint werden (oder als bejaht oder verneint gedacht werden).
[Vgl. A. A. Long /D. N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare, übersetzt von Karlheinz Hülser, Stuttgart 2000, 222 ISBN 3-476-01574-2] Nach Aristoteles ([fr. 65] nach Diog. IX 25ff und VIII 57) soll der Erfinder der Dialektik
Zenon von Elea gewesen sein.
Platon
Zum ersten Mal findet sich der Ausdruck 'Dialektik' bei
Platon. Er grenzt die Dialektik von dem
rhetorischen Monolog und der
Eristik der
Sophisten ab, welche er als Methode zur Durchsetzung beliebiger Meinungen betrachtet.
[Rolf Geiger: dialegesthai, in: Christoph Horn / Christof Rapp: ''Wörterbuch der antiken Philosophie, München 2002, Seite 103] Platons Dialektikbegriff ist vieldeutig:
In den frühen Dialogen ist Dialektik eine argumentative Form der Gesprächsführung:
Sokrates stellt unter der Verwendung des
Elenchos eine ungeprüfte Meinung eines
Proponenten auf den Kopf bzw. widerlegt sie. Oft enden diese Gespräche in einer
Aporie, d.h. nach dem dialektischen Gespräch ist nur bewiesen, dass die alte These zu verwerfen ist, aber eine neue ist dadurch (noch) nicht gefunden.
In späteren Dialogen (insbesondere dem Phaidon, der Politeia, dem Phaidros und dem Sophistes) ist Dialektik Platons Fundamentalwissenschaft. Sie stellt die Methoden bereit, mit der in der Philosophie sachgerecht unterschieden werden soll und Wissen über die Ideen - insbesondere über die Idee des Guten - erlangt werden soll: das Hypothesis-Verfahren und das Dihairesis-Verfahren.
Während für das griechische Denken gemeinhin die Absonderung und die Trennung der Begriffe charakteristisch sind, hat Platon den Gedanken gefasst, dass die Ideen erst in ihrem Werden und ihrer wechselseitigen Durchdringung den Inhalt der Erkenntnis erzeugen. Das Entgegengesetzte kann dann nicht mehr schlechthin als logischer Widerspruch gelten, da er in diesem gemeinsamen Denkprozess befasst ist, wodurch er erst seine Bestimmtheit als Einzelnes erhält. Als eigentümliche Aufgabe der philosophischen Erkenntnis erscheint es damit, dass Begriffe, die einerseits streng abgegrenzt sind, andererseits wiederum in ihrer Vereinigung und gemeinsamen systematischen Vermittlung gedacht werden müssen. Dieser Weg führt dazu, Fragen, die als getrennte Probleme überliefert sind, als in einheitlicher Gesetzlichkeit begriffen zu sehen.[Ernst Cassirer: Leibniz' System in seinen wissenschaftlichen Grundlagen. Gesammelte Werke, Bd. 1. ECW 1. Hamburg 1998, S. 200f ISBN 3-7873-1401-6)]
Aristoteles
Von
Aristoteles liegt die erste schriftlich ausgearbeitete Dialektik vor, die sich in seiner
Topik findet. Dialektik ist eine methodische Argumentationsanleitung, die er folgendermaßen beschreibt:
- “ein Verfahren, aufgrund dessen wir in der Lage sein werden, über jedes vorgelegte Problem aus anerkannten Meinungen (endoxa) zu deduzieren und, wenn wir selbst ein Argument vertreten, nichts Widersprüchliches zu sagen.“
[Aristoteles, Topik I, 1, 100a 18 ff.; zitiert nach: Aristoteles: Topik übersetzt und kommentiert von Tim Wagner und Christof Rapp, Stuttgart 2004.]
Dialektische Argumentationen sind Deduktionen. Sie unterscheiden sich formal dabei nicht von wissenschaftlichen, sondern nur durch die Art ihrer Prämissen: wissenschaftliche Prämissen sind besondere, nämlich „wahre und erste Sätze“, dialektische hingegen anerkannte Meinungen, d.h. Sätze, die
- entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten oder den Fachleuten und von diesen entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten und anerkanntesten für richtig gehalten werden.
[Aristoteles, Topik I, 1, 100a 22; zitiert nach: Aristoteles: Topik übersetzt und kommentiert von Tim Wagner und Christof Rapp, Stuttgart 2004.]
Der Dialektiker operiert in der Argumentation mit verschiedenen argumentativen Werkzeugen und insbesondere mit den Topen. Letztere sind Argumentationsschemata für bestimmte Argumentationsszenarien, die gemäß der Eigenschaften der in den Prämissen verwendeten
Prädikatenen vom Dialektiker aufgefunden und angewandt werden.
Nützlich ist Dialektik nach Aristoteles als geistige Gymnastik, bei Begegnungen mit der Menge, und auch durch das Durchspielen entgegengesetzter Positionen bei der Erörterung philosophischer Probleme.[Aristoteles, Topik I, 2, 100b 25 ff.; zitiert nach: Aristoteles: Topik übersetzt und kommentiert von Tim Wagner und Christof Rapp, Stuttgart 2004.]
Hellenistische Philosophie
Die
megarische Schule wurde als „dialektisch“ bezeichnet, da sie sich dadurch besonders auszeichnete logische Probleme sowie Trugschlüsse zu behandeln. Teilweise wurde das dortige Vorgehen auch „
eristisch“ genannt.
Die skeptisch geprägte Akademie des Arkesilaos fasste Dialektik auf als ein Verfahren, jede These, jede Behauptung von Wissen mit einem Argument für die gegenteilige These zu entkräften.
Nach stoischem Sprachgebrauch ist Dialektik (neben der Rhetorik) ein Teil der (im weiteren Sinne als heute verstandenen) stoischen „Logik“. Sie wird (vermutlich durch Chrysipp) definiert als: „Wissenschaft von dem, was wahr, von dem, was falsch, und von dem, was keins von beiden ist.“[Diogenes Laertios, 7.42; zitiert nach: A. A. Long /D. N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare, übersetzt von Karlheinz Hülser, Stuttgart 2000, 215 ISBN 3-476-01574-2] Die Dialektik ist damit das Instrument des Stoikers zur Unterscheidung wahrer und falscher Vorstellungen und umfasst dabei insbesondere auch die stoische Erkenntnistheorie. Die Gliederung der stoischen Dialektik in ein Gebiet „Über die Stimme“ und „Über das Bezeichnete“ zeigt jedoch, dass auch andere heutige Disziplinen wie Phonetik, Semantik, Sprachphilosophie und Stilistik unter sie fallen.
Mittelalter
Boethius knüpft an die Topik von Aristoteles und Ciceron an und entwickelt aus den
locus besondere
Maxime des Argumentierens.
Berengar von Tours,
William of Shyreswood und
Petrus Hispanus entwickeln weitere Ansätze.
Neuzeit
Transzendentale Dialektik bei Kant
Kant kannte eine
transzendentale Dialektik, die ansetzt als eine
Logik des Scheins. Das sind die erklärbaren - aber nicht auflösbaren - kosmologischen Widersprüche, in die sich die
reine Vernunft verwickelt, wenn sie ausschließlich auf Basis der transzendentalen Kategorien und ohne Zuhilfenahme von Anschauung Fragen wie
Was war vor dem Anfang der Welt? stellt. Diese
natürliche Dialektik wird kritisch einer transzendentalen Vernunftkritik unterzogen, mit der die 'endlosen Streitigkeiten der
Metaphysik' beendet werden sollen.
Nach Kant
Kants Dialektik wurde von späteren Philosophen wie etwa
Schopenhauer als abgeschlossen angesehen. Andere gingen davon aus, dass Kants Auffassung der Dialektik durchaus noch verbessert werden könne, so etwa
Serol,
Fichte und
Schelling.
Hegels Dialektik
Die Dialektik ist nach
Hegel die Anstrengung des denkenden Subjekts, über sich selbst hinauszugehen
['Das Logische hat der Form nach drei Seiten: α) die abstrakte oder verständige, β) die dialektische oder negativ-vernünftige, γ) die spekulative oder positiv-vernünftige.', G.W.F. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, Näherer Begriff und Einteilung der Logik, § 79].
Der
Verstand, das endliche Subjekt, setzt eine These
['α) Das Denken als Verstand bleibt bei der festen Bestimmtheit und der Unterschiedenheit derselben gegen andere stehen; ein solches beschränktes Abstraktes gilt ihm als für sich bestehend und seiend.', G.W.F. Hegel: ebd., § 80].
Die dialektische Vernunft entäußert sich, indem eine Antithese sich der ursprünglichen Setzung als Objekt gegenüberstellt und damit verneint. Es entsteht so ein Widerspruch. Die begrifflichen Gegensätze wie Subjekt und Objekt (Subjekt-Objekt-Spaltung), Endlichkeit und Unendlichkeit widersprechen und negieren einander['β) Das dialektische Moment ist das eigene Sichaufheben solcher endlichen Bestimmungen und ihr Übergehen in ihre entgegengesetzten.', G.W.F. Hegel: ebd., § 81].
Die spekulative Vernunft bewirkt das Zusammentreten von Spruch und Widerspruch in der „höheren“ Vereinigung der Widersprüche, die dadurch aufgehoben werden['γ) Das Spekulative oder Positiv-Vernünftige fasst die Einheit der Bestimmungen in ihrer Entgegensetzung auf, das Affirmative, das in ihrer Auflösung und ihrem Übergehen enthalten ist.', G.W.F. Hegel: ebd., § 82]. Dialektik ist an und für sich die Vereinigung der Gegensätze im Prozess.
Hegel benutzt die Dialektik auch zu seiner Darstellung einer
Geschichtsphilosophie. Dabei haben sich Vernunft, Wahrheit,
Selbstbewusstsein in einem geschichtlichen Prozess zu realisieren.
Legt man eine hegelsche Verwendung des Begriffes 'Dialektik' zugrunde, ist bereits der antike Philosoph Heraklit ein früher Dialektiker. Der Logosen als das Prinzip der Welt, besteht für Heraklit im Streit ('polemos') als 'Vater aller Dinge'. Die sich ständig wandelnde Welt ist geprägt von einem Kampf der Gegensätze, vom ewigen Widerspruch der Polarität. Im Gegensatz zeigt sich eine 'tieferliegende, verborgene Einheit, ein Zusammengehören des Verschiedenen'.
Max Weber stellte in seinen Arbeiten zur Wissenschaftslehre im Anschluss an Heinrich Rickert und Emil Lask der analytischen Logik die emanatistische Logik gegenüber, als welche er eine Begriffslogik verstand, die sich an Hegels Dialektik orientiere.
Materialistische Dialektik
Karl Marx stellt die Dialektik Hegels vom Kopf (Hegels Idealismus) auf die Füße und setzt sie auf historisch-materialistischer Grundlage als Methode zur Kritik der politischen Ökonomie ein.
Marx äußert sich in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844 über die Hegelsche Dialektik, überhaupt und wie sie in der »Phänomenologie« und »Logik« von Hegel ausgeführt ist, und deren Rezeption durch die Junghegelianer. [Marx: , S. 197. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 765 (vgl. MEW Bd. 40, S. 568)] Ludwig Feuerbach sei der einzige, der hierzu ein kritisches Verhältnis bewiesen habe und als Überwinder Hegels gelten dürfe. Denn Feuerbach habe nachgewiesen, dass Hegels Philosophie die Theologie fortgesetzt habe.['Die Aneignung der zu Gegenständen und zu fremden Gegenständen gewordenen Wesenskräfte des Menschen ist also erstens nur eine Aneignung, die im Bewußtsein, im reinen Denken, i.e. in der Abstraktion vor sich geht, die Aneignung dieser Gegenstände als Gedanken und Gedankenbewegungen, weshalb schon in der »Phänomenologie« - trotz ihres durchaus
negativen und kritischen Aussehns und trotz der wirklich in ihr enthaltnen, oft weit der späteren Entwicklung vorgreifenden Kritik - schon der unkritische Positivismus und der ebenso unkritische Idealismus der spätern Hegelschen Werke - diese philosophische Auflösung und Wiederherstellung der vorhandnen Empirie - latent liegt, als Keim, als Potenz, als ein Geheimnis vorhanden ist.' [Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, S. 206. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 774 (vgl. MEW Bd. 40, S. 573)]]. Hegels Idealismus habe Feuerbach den wahren Materialismus und die reelle Wissenschaft entgegengesetzt.
Das »unglückliche Bewußtsein«, das »ehrliche Bewußtsein«, der Kampf des »edelmütigen und niederträchtigen Bewußtseins« etc. etc., diese einzelnen Abschnitte enthalten die kritischen Elemente - aber noch in einer entfremdeten Form - ganzer Sphären, wie der Religion, des Staats.[Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, S. 207. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 775 (vgl. MEW Bd. 40, S. 573)]
Das Große an der Hegelschen »Phänomenologie« und ihrem Endresultate - der Dialektik der Negativität als dem bewegenden und erzeugenden Prinzip - ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß faßt, die Vergegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und als Aufhebung dieser Entäußerung; daß er also das Wesen der Arbeit faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eignen Arbeit begreift.[Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, S. 207. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 775 (vgl. MEW Bd. 40, S. 573)]
Für Marx ist nichts anderes als die gesellschaftliche Wirklichkeit die Grundlage für den „Gang der Sache selbst“. Nicht die Entwicklung der Begriffe oder des Geistes bestimmen die Wirklichkeit, sondern das Handeln der Menschen, orientiert an der tatsächlichen Befriedigung der Bedürfnisnse und der durch die ökonomischen Verhältnisse bestimmten Interesse, bestimmen ihr Denken und damit die Entwicklung von Ideen.
Gemäß Marx ist die materialistische Dialektik zugleich logisch und geschichtlich. Der Widerspruch vereint nicht zwei Gegensätze zu einem höheren Dritten wie bei Hegel, sondern löst einen Prozess der historischen Durchsetzung der logisch besseren und stärkeren Verhältnisse aus, die so in der menschlichen Praxis als Triebkraft der Geschichte wirken. In der gesellschaftlichen Praxis gestaltet der menschliche Wille die soziale Wirklichkeit, durch willentliche Beeinflussung der gesellschaftlichen Prozesse und der vorgefundenen Verhältnisse entsprechend historisch bestimmten Gesetzen der sozialen Entwicklung.
Die materialistische Dialektik bei Marx und Engels kann somit als Methodologie des Marxismus zur Grundlegung des wissenschaftlichen Sozialismus aufgefasst werden. Sie wird in der weiteren Geschichte der kommunistischen Philosophie zum grundlegenden Bestandteil des historischen wie des dialektischen Materialismus, wie er jedoch nicht immer ganz untereinander übereinstimmend bei Friedrich Engels, Lenin oder dogmatisch stark vergröbert bei Stalin anzutreffen ist. Die dialektischen Gesetze existieren hier zunächst unabhängig vom Bewusstsein. Durch revolutionäre Umgestaltung der Produktionsbedingungen und -verhältnisse sowie der dann möglichen Ausnutzung jener Gesetze bestehen diese sodann in Wechselwirkung mit dem Bewusstsein.
Dialektiker der Frankfurter Schule
Hauptwerk der Frankfurter Schule ist die von
Max Horkheimer und
Theodor W. Adorno verfasste Essay-Sammlung
Dialektik der Aufklärung.
Adorno entwickelte eine Negative Dialektik. Es geht um eine Kritik am theoretischen Abschluss der Philosophie zu einem System. Philosophiehistorische Grundüberlegungen sind ein gesellschaftskritisches Korrelat.
Nach Horkheimers und Adornos Tod wurden vor allem
Jürgen Habermas,
Karl-Otto Apel und
Oskar Negt für die
Frankfurter Schule repräsentativ. In dieser
Jüngeren Kritischen Theorie wurde eine
Diskursethik ausgearbeitet.
Positivismusstreit
Die Diskussion im Rahmen des Positivismusstreits war von der
Hegelschen Interpretation des Begriffes (vereinfacht: Prinzip
These-
Antithese-
Synthese) und deren Modifikation durch
Marx und der Kritik an diesen Positionen geprägt. Nach dem Selbstverständnis der Dialektiker erfasst die dialektische Theorie durch die dialektische Methode eine Dialektik der Wirklichkeit. Nur die Dialektik kann daher diese Wirklichkeit in ihrer Ganzheit angemessen beschreiben. Weil das Wahre das Ganze ist, muss jeder wahre Satz also ein dialektischer sein. Weil das systematische und
deduktive Denken Widersprüche kategorisch ablehnt und ablehnen muss, da es an der Basis untrennbar an die Logik gekettet ist, muss ihm diese Wahrheit verborgen bleiben. Aus dieser Sicht kann analytisches Denken, gefangen in der Beschränktheit der eigenen Grundannahmen, die Dialektik also nicht verstehen.
Habermas erläuterte diese Problematik an einem Beispiel wie folgt: 'Insofern fällt der dialektische Begriff des Ganzen nicht unter die berechtigte Kritik an den logischen Grundlagen jener Gestalttheorien, die auf ihrem Gebiete Untersuchungen nach den formalen Regeln analytischer Kunst überhaupt perhorreszieren; und überschreitet dabei doch die Grenzen formaler Logik, in deren Schattenreich Dialektik selber nicht anders scheinen kann denn als Schimäre'[Jürge Habermas: Analytische Wissenschaftstheorie und Dialektik. Logik der Sozialwissenschaften 5]
Kritik
Die dialektische Vorgehensweise Hegels ist von Zeitgenossen und in der Nachfolge kritisiert worden.
Schopenhauer sprach von der Philosophie Hegels abschätzig als „
Hegelei“. Seit
Kierkegaard ist eine Protesthaltung gegen das
System der Dialektik nicht unüblich geworden (
Existenzphilosophie). Auch der dialektische Materialismus war besonders in der politischen Diskussion des 20. Jahrhunderts heftig umstritten. Es trat insbesondere die Frage auf, wieso sich die ökonomische Gesellschaft zwangsläufig als
Klassenkampf darstellt, der sich fortschreitend entwickelt.
Die analytische Philosophie kritisierte zuallererst die dialektische Sprache, die sich aus Sicht der Sprachkritik nach der linguistischen Wende nicht an die Standards der Logik halte. Man kann sogar sagen, dass die Feindseligkeit gegen oder Empfänglichkeit für Dialektik eines der Dinge ist, welche im 20. Jahrhundert die Anglo-Amerikanische Philosophie von der sogenannten Kontinentalen Tradition spaltet, eine Kluft, die nur wenige gegenwärtige Philosophen (darunter Richard Rorty) gewagt haben zu überbrücken.
Der analytische Philosoph Georg Henrik von Wright hat der Dialektik eine kybernetische Deutung gegeben, indem er Dialektik als Kette negativer Rückkopplungen deutet, die jeweils zu einem neuen Gleichgewicht führen. Anders als die Dialektiker versteht Von Wright die Verwendung logischer Begriffe innerhalb der Dialektik als metaphorisch, wobei etwa ‚Widerspruch‘ für Realkonflikte steht. Damit trägt er der Kritik an den Dialektikern Rechnung, nach der sie einer Verwechslung zwischen logischen Widersprüchen, die nur zwischen Sätzen und Propositionen bestehen können, und realen Gegensätzen unterliegen würden, etwa zwischen physikalischen Kräften oder auch gesellschaftlichen Interessen.
Eine andere Deutung der Dialektik innerhalb der analytischen Philosophie geht davon aus, dass sich die dialektische Methode nur auf normative Systeme bezieht, wo (deontische) Widersprüche tatsächlich vorkommen, nicht jedoch auf die reale Welt. Die fehlerhafte Deutung durch Hegel und seinen Nachfolgern ist demnach auf den Pantheismus Hegels zurückführbar, da die Möglichkeit, sich eine deontisch bessere Welt als die real gegebene vorzustellen, einer Niederlage des Pantheismus gleichkommen würde. Wegen der marxistischen Vorstellung der Entwicklung der Welt hin auf eine deontisch perfekte Welt, die als pantheistisches Element innerhalb des Marxismus deutbar ist, trifft dieser Kritikpunkt auch auf den Marxismus zu.[W. Stegmüller, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie Bd. II]
Ein Philosoph, der das Konzept dieser Tradition der Dialektik immer wieder kritisiert hat, ist Karl Popper. 1937 veröffentlichte er den Artikel „What Is Dialectic“, worin er die dialektische Methode für ihre Bereitwilligkeit kritisierte, sich mit Widersprüchen abzufinden. Popper schloss den Aufsatz mit den Worten: „Die ganze Entwicklung der Dialektik sollte als Warnung dienen gegen die dem philosophischen Systembau inhärenten Gefahren. Sie sollte uns daran erinnern, dass die Philosophie nicht zur Grundlage für irgendwelche Arten wissenschaftlicher Systeme gemacht werden darf...“. Später behauptete[Kapitel 12 des zweiten Bandes von Die offene Gesellschaft und ihre Feinde] Popper (dieser Auffassung hat u.a. Walter A. Kaufmann widersprochen[Walter A. Kaufmann: The Hegel Myth and Its Method ]
. From Shakespeare to Existentialism: Studies in Poetry, Religion, and Philosophy (Boston: Beacon Press, 1959), S. 88–119), dass Hegels Denken zu einem gewissen Grad verantwortlich für die Erleichterung des Aufstiegs des Faschismus in Europa ist, indem es zum Irrationalismus ermutigt und ihn zu rechtfertigen versucht. Im Abschnitt 17 seines Nachtrags von 1961 zur Offenen Gesellschaft, im englischen Original betitelt 'Facts, Standards, and Truth: A Further Criticism of Relativism', lehnte Popper es ab, seine Kritik an der Hegelschen Dialektik zu relativieren, er argumentierte, dass sie eine große Rolle beim Untergang der Weimarer Republik gespielt hat, indem sie zum Historizismus und anderen totalitären Denkmoden beitrug und dass sie die traditionellen Standards der intellektuellen Verantwortung und Redlichkeit herabgesetzt habe.
Quellen
Literatur
- R. Bubner: Zur Sache der Dialektik. Stuttgart 1980.
- R. Bubner: Dialektik als Topik. Frankfurt 1990
- Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten
. Haffmans Verlag, Januar 2002
- J. Halfwassen: Der Aufstieg zum Einen. Untersuchungen zu Platon und Plotin. Stuttgart 1992 (Beiträge zur Altertumskunde, Bd 9).
- Herbert A. Zwergel: Principium contradictionis. Die aristotelische Begründung des Prinzips vom zu vermeidenden Widerspruch und die Einheit der Ersten Philosophie, Meisenheim 1972
- T. Pinkard: Hegel’s Dialectic. The Explanation of Possibility. Philadelphia 1988
- K. Utz: Die Notwendigkeit der Zufalls. Hegels spekulative Dialektik in der 'Wissenschaft der Logik'. Paderborn 2001
- Erich Heintel: Einige Gedanken zur Logik der Dialektik, 21, Studium Generale, 1968, S. 203ff
- Erich Heintel: Grundriß der Dialektik. Ein Beitrag zu fundamentalphilosophischen Bedeutung. Bd. 1: Zwischen Wissenschaftstheorie und Theologie, Darmstadt 1984
- Werner Flach: Hegels dialektische Methode, in: Hans-Georg Gadamer: Heidelberger Hegel-Tage 1962, Bonn 1964
- Werner Becker: Hegels Begriff der Dialektik und das Prinzip des Idealismus, Stuttgart Berlin Köln Mainz 1969
- Theodor W. Adorno und Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. 275 Seiten. Fischer, Frankfurt am Main 1969, ISBN 3-596-27404-4
- Theodor W. Adorno: Drei Studien zu Hegel. Frankfurt am Main 1963
- Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Frankfurt am Main 1966
- Karl R. Popper: Was ist Dialektik?
. In: Ernst Topitsch (Hrsg.): Logik der Sozialwissenschaften 5, S. 262–290, (51968)
- Dieter Wolf: Zum Verhältnis von dialektischem zu logischem Widerspruch
(104 KB). In: Der dialektische Widerspruch im Kapital. Ein Beitrag zur Marxschen Werttheorie.'' Hamburg 2002, ISBN 3-87975-889-1
Weblinks