Verschiedene Definitions- und Bedeutungsansätze
Erziehung ist...
- nach dem Grundgesetz (Art. 6 Abs. 2): 'Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.'
- die zielgerichtete und absichtsvolle Etablierung erwünschter Verhaltensweisen, Werte und Normen bei Kindern und Jugendlichen. Ziel der Erziehung ist nicht etwa lediglich positive Sozialisation, d.h. die Eingliederung des Zöglings in soziale Gruppen wie z.B. der Familie und die Heranführung an das Leben und Überleben in der Gesellschaft. Auch Erziehung zur Mündigkeitenen und Selbstbestimmung sollten wesentlicher Bestandteil des erzieherischen Einwirkens sein. Entscheidend ist, dass Erziehung immer nur im sozial Kontext - also durch andere Individuen - stattfinden kann, und anders als Bildung ausschließlich für die Orientierung im sozialen Umfeld nützlich ist. Dennoch ist eine scharfe Abgrenzung zwischen Bildung und Erziehung nicht immer möglich und sinnvoll. Oftmals werden Bildungsinhalte in einen gesellschaftlichen Kontext gerückt, so dass diese wiederum zunächst zur Erziehung werden, z. B. das Händewaschen nach der Toilette. In vielen Sprachen gibt es deshalb auch nur ein Wort für beide Begriffe, z. B. das englische „education“. Bei Erwachsenen wird der Begriff Erziehung im Allgemeinen nicht mehr als Prozess verstanden, da man davon ausgehen sollte, dass die Entwicklung des Erwachsenen in großen Teilen abgeschlossen ist. Man verwendet hier den Begriff Erwachsenenbildung, wenn man von Weiter- und Fortbildung spricht.
- die (unmittelbare) Reaktion von Eltern und Gesellschaft auf die Tatsachen, dass ein Individuum sich entwickelt und dafür Hilfe benötigt.
- Die Selbsterziehung, bei der man sich selbst zu etwas erzieht, bei der also dieselbe Person Erzieher und Zögling zugleich ist. Manchmal besteht die Selbsterziehung auch in bewusster Abkehr vom bisherigen Weg - siehe z. B. Umkehr oder Wende.
- Die Ausbildung spezieller Fähigkeiten, wenn sie als Suffix auftaucht, z. B. in musiklichealische Erziehung, sport Erziehung, Verkehrserziehung.
- die eigene Erziehung, also die Verhaltensweisen, Werte und Normen, die uns Eltern, Verwandte, Schule und andere pädagogische Einrichtungen auf den Weg ins Erwachsenenleben mitgegeben haben.
- Das Heranziehen von Tieren zu einem erwünschten Verhalten (siehe auch Dressur) oder von Nutzpflanzen zu einem günstigen Wuchs.
Erläuterung
Im Folgenden sind Methoden und Bedingungen von Erziehung unter modernen pädagogischen (erziehungswissenschaftlichen) Gesichtspunkten dargestellt.
In der Erziehungswissenschaft unterscheidet man zwischen Intentionaler Erziehung und Funktionaler Erziehung. Typischerweise wird Erziehung in ersterem Sinne verstanden, also als das absichtsvolle, nicht im Affekt getätigte Bereitstellen oder Ausnutzen von Lernmöglichkeiten. Dabei geht man bewusst, planvoll, methodisch und zielgerichtet vor und kann dieses Vorgehen auch verantworten. Das heißt, der Erziehende macht sich vorher darüber Gedanken, was er erreichen möchte. Er überlegt die Erziehungsziele, die zu ihrer Realisierung geeigneten Methoden und kann auch begründen, warum dieses Vorgehen nötig ist.
Dieser Vorgang geschieht grundsätzlich in personaler Interaktion. Das heißt, der Erzieher reagiert auf ein Verhalten des zu Erziehenden und/oder umgekehrt. Die dabei entstehende Wechselwirkung (keine Manipulation) zwischen Erzieher und zu Erziehendem bzw. zu Erziehenden unterscheiden die Erziehung von der bloßen Konditionierung oder einer Abrichtung.
Voraussetzung für das Gelingen von Erziehung ist ein Vertrauensverhältnis und eine gewisse Autorität des Erziehers, die früher mehr als heute betont wurde, sowie das Eingebundensein in die jeweilige Peer Group, die von Erziehenden gelegentlich unterschätzt wird. Ohne diese Voraussetzungen ist der Jugendliche auf sich allein gestellt, und kann bei ungünstigen Voraussetzungen in eine soziale Abwärtsspirale geraten, die ihn je nach Veranlagung sogar bis in die Kriminalität oder in die Krankheit (psychiatrische Anstalt) führen kann.
In einer alternativen, von Wolfgang Brezinka präferierten Definition werden unter Erziehung Handlungen verstanden, mit deren Hilfe versucht wird, andere Menschen dahin gehend zu beeinflussen, dass ihr Gefüge der psychischen Dispositionen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft verbessert wird, oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten. Andererseits soll auf diese Weise die als schlecht bewertete Entstehung von Dispositionen verhütet werden.
Erziehungsmaßnahmen
Erziehungsmaßnahmen sind Reaktionen des Erziehenden, die im Anschluss auf ein positiv oder negativ empfundenes Verhalten des zu Erziehenden folgen. Die pädagogischen Handlungen und Mittel werden eingesetzt, um ein Erziehungsziel (individuell) zu erreichen bzw. ein gewünschtes Verhalten angemessen zu erzielen.
Erziehungsmittel sind z.B. Lob, Tadel, Übung, Ermahnung, Erinnerung, Arbeit, Spiel, Gewöhnung, Gespräch,
Beispiel, Vorbild, Strafen, Züchtigung etc. Im modernen Sinn versteht man jede Form von positiven (Belohnung) und negative Rückmeldungen (Sanktionen; im Sinne von Druckmitteln) als Erziehungsmittel. Die Wahl der Erziehungsmittel kann nicht wertfrei sein, weil die Anwendung von Erziehungsmitteln immer das Interesse des Erziehenden zu den Interessen des zu Erziehenden in eine wertende Beziehung setzt. Ungeachtet dessen versuchen soziologische Felduntersuchungen über Erziehungspraktiken gesellschaftlicher Gruppen und experimentelle Untersuchungen die Folgen von Erziehungspraktiken und den Einsatz von Erziehungsmitteln für das Individuum herauszufinden.
Eine positive Verstärkung ist eine Erziehungsmaßnahme, die auf ein vom Erziehenden als positiv empfundenes Verhalten folgt, in der Absicht, dass der zu Erziehende dieses Verhalten öfters zeigt.
Eine Strafe ist eine Erziehungsmaßnahme, die auf ein vom Erziehenden als negativ empfundenes Verhalten folgt, in der Absicht, dass der zu Erziehende dieses Verhalten unterlässt.
Erziehungsmaßnahmen suggerieren in der Regel ihre Wirksamkeit im Hinblick auf den zu Erziehenden. Dabei wird die Eigendynamik des Kindes oft unterschätzt. Sehr deutlich ist dieses Verhältnis im Umkreis der Strafe zu erkennen: Strafe wirkt meist nicht so, wie es vom Erziehenden intendiert ist. Aber auch die kontinuierliche Verstärkung etwa schafft Abhängigkeit vom Erziehenden, obwohl z. B. Selbstständigkeit beabsichtigt ist.
Erziehungsnormen
Normen sind Sollensforderungen, die einen religiösen bzw. weltanschaulichen, gesellschaftlichen oder sachlichen Ursprung haben. In der Regel sind Normen der verschiedenen Herkünfte miteinander verknüpft und verschränkt. Normen geben Handlungsrichtungen und Handlungsverpflichtungen an, ohne einzelne Handlungen festzulegen.
Die Frage der Normen hat besonders bei der Erziehung einen kritischen Stellenwert. Die jeweils für wichtig empfundenen Normen sollen vom Zögling verinnerlicht und so zur Richtschnur seines Handelns werden. Gelingt dieser Prozess, verhält sich ein Individuum diesen Normen konform.
Das Konzept des mündigen Bürgers beinhaltet allerdings, dass jedes Individuum die Verantwortung dafür trägt, ob es sich blind im Sinne dieser Normen verhält oder selbst diese Normen auf ihre Legitimität überprüft und ggf. diese Normen bricht. Hintergrund dieses Konzepts sind u.a. die Erfahrungen mit gesellschaftspolitischen Normen in der Zeit des Nationalsozialismus.
Gesellschaftliches Zusammenleben erfordert einen allgemeingültigen Maßstab. In der westlichen Welt gelten und/oder galten vor allem christliche Werte wie Nächstenliebe und eheliche Treuen sowie vereinbarte Werte, wie sie etwa in den Menschenrechte Ausdruck finden. Auch die Philosophie stellt im kategorischen Imperativ Immanuel Kants eine solche oberste Handlungsmaxime auf. Diese obersten Handlungsmaximen können jedoch auf der Ebene des konkreten Tuns zu ganz unterschiedlichen, zum Teil gegensätzlichen Handlungen führen. Ein solches Konzept führt zu Problemen,
1. wenn einzelne Mitglieder Normen für sich nicht anerkennen oder anders interpretieren. In diesem Fall kann die Staatsform Verfahren bereitstellen. Es entstehen ebenfalls Probleme,wenn
2. unterschiedliche Normkonzepte aufeinandertreffen.
Ein praktisches Beispiel für den ersten Fall ist die Bewegung des Unschooling oder die des Homeschooling. Die unterschiedliche Auffassung von Elternrecht, ggf.Kinderrecht und staatlichem Recht stehen gegeneinander.
Ein praktisches Beispiel für den zweiten Fall ist die Erteilung nichtchristlichen Religionsunterrichtes an deutschen Schulen. Einerseits besteht nach dem GG Artikel 7 ein grundsätzlicher Anspruch auch nichtchristlicher Religionsgemeinschaften auf Erteilung eines Religionsunterrichts in Übereinstimmung mit ihren Glaubensgrundsätzen, andererseits der Anspruch des Staates, dass jeder Unterricht den Bedingungen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung genügen muss, d.h. den Grundnormen der BRD, die im GG festgelegt sind. Es bleibt abzuwarten, wie sich die jetzt gefundene politische Lösung, den nichtchristlichen Religionsunterricht von verbeamteten Lehrern, die auf das Grundgesetz vereidigt sind und damit normenkonformen nichtchristlichen Religionsunterricht mit ihrer Person in ihrem Unterricht garantieren sollen, in der Praxis bewährt.
Erziehungsstile
In der Erziehung wird zwischen verschiedenen
Erziehungsstilen unterschieden. Unter einem Erziehungsstil versteht man Methoden und Grundsätze sowie den theoretischen Hintergrund, nach denen man eine Erziehung, meist die Kindererziehung, aufbaut. Die Beschreibung verschiedener Erziehungsstile besteht in der Übertragung von Führungsstilen auf das Verhalten in Erziehungsprozessen. Die Anwendung von Erziehungsstilen im Unterricht wird als Unterrichtsstil bezeichnet (vgl. Einsiedler, 2000).
[Einsiedler, W. (2000). Von Erziehungs- und Unterrichtsstilen zur Unterrichtsqualität. In M.K.W. Schweer (Hrsg.), Lehrer-Schüler-Interaktion. Pädagogisch-psychologische Aspekte des Lehrens und Lernens in der Schule (S. 109-128). Opladen: Leske und Budrich)] Analog zu
Kurt Lewin[Kurt Lewin u.a.: Patterns of aggressive behavior in experimentally created 'social climates'. In: Journal of Social Psychology 9 (1939), 10, S. 271-299, .] werden auch hier drei Hauptstile unterschieden, wobei nach
Glen Elder[Glen H. Elder: Structural variations in the child rearing relationship. In: Sociometry 25 (1962), 25, S. 241-262, .] noch zwischen weiteren vier unterschieden wird.
- Autokratischer Erziehungsstil: Bei dem autokratischen Erziehungsstil wird gegenüber dem zu Erziehenden ein hohes Maß an Autorität ausgeübt. Eine mögliche Eigeninitiative und die Meinung des zu Erziehenden werden unterdrückt bzw. nicht berücksichtigt.
- Autoritärer Erziehungsstil: Der autoritäre Stil, der mit einem interventionalen Erziehungsbegriff einhergeht, setzt stark auf die Erziehungsmittel Belohnung und Bestrafung und weniger auf Überzeugung, vermittelt aber meist Sicherheit. Die Meinung des zu Erziehenden wird akzeptiert, zum Schluss bestimmt jedoch der Erzieher, der erst später in den Hintergrund tritt.
- Demokratischer Erziehungsstil: Ein demokratischer Erziehungsstil lässt sich mit dem reformpädagogischen Erziehungsbegriff verbinden. Hier spielt Konsens beim Einsatz von Erziehungsmaßnahmen eine größere Rolle. Erziehungshandeln soll für alle Beteiligten transparent sein. Der zu Erziehende wird als ernster Gesprächspartner betrachtet und soll mit steigendem Alter selbstständiger und eigenverantwortlicher handeln. Die Notwendigkeit, manchmal Grenzen zu setzen, wird im Regelfall besprochen.
- Egalitärer Erziehungsstil: Innerhalb des egalitären Erziehungsstils haben Erzieher und zu Erziehender die selben Rechte und Pflichten. Die Meinung des zu Erziehenden wird nicht nur eingeholt und berücksichtigt, sondern besitzt das gleiche Gewicht wie die des Erziehenden.
- Permissiver Erziehungsstil: Der permissive Erziehungsstil ist eine gemäßigte Form des Laissez-faire-Erziehungsstils. Der Erziehende hält sich bei der Erziehung eher zurück, ein Setzen von Grenzen findet nur selten statt.
- Laissez-faire-Erziehungsstil: Der Laissez-faire-Erziehungsstil korrespondiert mit dem antipädagogischen Erziehungsbegriff. Erziehung wird hier als eine nicht legitime Maßnahme gegenüber Kindern aufgefasst und dementsprechend unterbleiben zielgerichtete Erziehungsmaßnahmen.
- Negierender Erziehungsstil: Beim negierenden Stil kann nicht von bewusster Erziehung gesprochen werden; das Verhalten des zu Erziehenden wird vom Erzieher nicht beeinflusst. Es bestehen keine Erziehungsmaßnahmen und kein Interesse gegenüber der Entwicklung des zu Erziehenden.
Erziehungsstile von „sehr streng“ bis „sehr locker“
| autokratisch
| autoritär
| demokratisch
| egalitär
| permissiv
| laissez-faire
| negierend
|
In der Praxis ist die Unterscheidung eines Erziehungsstils und der damit verbundenen Erziehungsmethoden nicht eindeutig, da zum einen nicht immer eine klare Trennung der Erziehungsstile möglich ist, zum anderen, weil häufig Mischformen auftreten. So kann es zum Beispiel sein, dass Erzieher mit überwiegend demokratischem Stil in einigen Situationen autoritäre Methoden anwenden.
der Psychologie wird nach Baumrind zwischen den zwei verschiedenen Dimensionen Kontrolle (Lenkung) und Responsivität in Bezug auf die Erziehungsstile unterschieden. Daraus ergeben sich vier verschiedene Erziehungsstile:
autoritärer Erziehungsstil: Zeichnet sich durch hohe Kontrolle und geringe Responsivität aus. Die Erzieher sind hierbei dem zu Erziehenden gegenüber sehr zurückweisend und stark kontrollierend. Es werden strenge Regeln aufgestellt und die Autorität darf nicht hinterfragt werden. Bei unerwünschtem Verhalten wird harte Bestrafung angewendet, die auch physisch sein kann. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass autoritär erzogene Kinder eher später selbst zu Aggressionen neigen und sich durch eine geringe
soziale Kompetenz und ein geringes
Selbstwertgefühl auszeichnen.
autoritativer Erziehungsstil: Zeichnet sich durch hohe Kontrolle und hohe Responsivität (Akzeptanz) der Erziehenden aus und kann deshalb als kinderzentrierter Erziehungsstil bezeichnet werden. Die Eltern haben hohe Erwartungen an das kindliche Verhalten, sie setzen klare Standards und Regeln, auf deren strikte Einhaltung geachtet wird. Generell herrscht eine offene Kommunikation, wobei der kindliche Standpunkt geachtet, der eigene aber auch vertreten wird. Die Kinder zeigen eher hohe soziale und intellektuelle Kompetenzen und besitzen ein hohes Maß an Eigenkontrolle.
permissiver Erziehungsstil (nachsichtig): Hierbei herrscht Akzeptanz und Responsivität vor und die Kontrolldimension wird niedrig gehalten. Die Erziehenden zeichnen sich durch hohe Toleranz und Akzeptanz des kindlichen Verhaltens aus. Es werden selten Kontrolle oder Bestrafung ausgeübt. Die Kinder weisen eher aggressives Verhalten auf, eine geringe Impulskontrolle und einen Mangel an Selbstverantwortungsbewusstsein.
vernachlässigender Erziehungsstil: Hierbei verhalten sich die Eltern zurückweisend und nicht kontrollierend. Das Ausmaß, indem sich die Eltern für das Kind verpflichtet fühlen ist sehr gering, sie investieren nur minimale Kosten an Zeit und Anstrengungen in das Kind und sind sehr stark distanziert. Insgesamt kann dieser Erziehungsstil als der für ein Kind unangenehmste bezeichnet werden. Dies kann unter anderem darin resultieren, dass die Kinder Störungen im Bindungsverhalten aufweisen und starke Defizite in verschiedenen Bereichen (Selbstwert, Selbstkonzept, intellektuelle Entwicklung) haben. Auffallend ist der geringe Grad der Selbstkontrolle und die mangelnde Aggressionskontrolle.
Begriffs- und Problemgeschichte
In früherer Zeit wurde Erziehung als Einweisung in Religion, Brauchtum und Sitte der Bezugsgruppe bzw. Gesellschaft verstanden. Mit der
Industrialisierung veränderte sich die Gesellschaft und damit entstand die Bemühung, die Entwicklung der Gesellschaft bewusst zu planen. Der Bürger wurde als Subjekt gesehen, das autonom seine Geschäfte führt und frei seine Verträge schließt. Damit war aber auch das Grundproblem der Erziehung vorgegeben: die Definition der Beziehung von Individuum und Gesellschaft und die Bewertung seiner Handlungsfähigkeit.
In der weiteren Entwicklung wurde
Erziehung immer mehr auf das Verhältnis
Erzieher - Zögling und die Hilfe zur Persönlichkeitsentwicklung eingeengt.
Heute wird Erziehung häufig als Sammelbezeichnung für das ganze System methodischer und planmäßiger Maßnahmen betrachtet, die individuell oder gesamtgesellschaftlich eingesetzt werden.
Bürgerlicher Erziehungsbegriff
Die bürgerliche Erziehungstheorie hat sich immer wieder Vorstellungen über die Erziehung der „niederen Stände“ gemacht, um die aus dem Gegensatz von Arbeit und Kapital resultierenden Forderungen nach
Arbeitsteilung in Kopf- und Handarbeit Rechnung zu tragen. Gesellschaftstheoretiker, z.B.
John Locke,
Auguste Comte,
Sextro oder
Rochow, hielten die auch als „preußische Sekundärtugenden“ bezeichneten Erziehungsziele
Disziplin (Fleiß und Gehorsam), Religion und Gesetzestreue für angemessene Erziehungsziele der unteren Klassen. Konsequent planten sie auch eigene Erziehungsinstitutionen für die Unterschicht: Industrieschulen, Volksschulen, Arbeitsschulen, Fabrikschulen.
Körperliche Bestrafung war hier lange gang und gäbe, bis sie geächtet wurde.
Erziehung und Emanzipation
Wie Gedanken über schichtenspezifische Erziehungsformen entwickelten sich in der bürgerlichen Erziehung auch Gedanken unter dem
Neuhumanismus, der
Aufklärung und dem
deutschen Idealismus.
Emanzipation sollte nicht nur die eigene Klasse fördern, sondern letztlich allen Menschen dazu verhelfen, sich selbst zu finden, sich voll zu entfalten und ihr Leben bewusst planen zu können, so forderten dies etwa Fichte, Kant, Pestalozzi und Rousseau (siehe individuelle Emanzipation). Erziehung wurde als Motor für jede gesellschaftliche Veränderung gesehen. Diese Gedanken wurden von konservativen Vertretern der bürgerlichen Erziehung und von Vertretern der schichtenspezifischen Erziehung bekämpft. Dieser Kampf findet auch heute noch statt, wenn es um den Erhalt des gegliederten Schulsystems, um die Einführung der
Gesamtschule als ersetzende Schulform oder die Verlängerung der Grundschulzeit geht. Auch ein flächendeckendes Netz von Ganztagsschulen ist in der Diskussion.
Weitere Erziehungsbegriffe
Eine in der Wissenschaft als
alternative, wert- und zielfreie bezeichnete Definition von Erziehung stammt von
Wolfgang Brezinka:
„
Unter Erziehung werden Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten“ (Brezinka, 1981, S. 95).
Die Systemtheorie betrachtet Erziehung gemäß der Definition als Interaktion als permanente gegenseitige Beeinflussung von Individuen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Beeinflussung bewusst und planvoll, oder außerbewusst und zufällig (möglicherweise sogar gegenläufig) stattfindet. Damit gerät in den Blick, dass nicht nur die geplanten Erziehungsaktivitäten wirken, sondern ebenso der gesamte Kontext, in dem diese Aktivitäten stattfinden am Ergebnis der Erziehung beteiligt ist, und dass dieser Kontext auch dann wirkt, wenn gar keine geplanten Erziehungsaktivitäten stattfinden. Aus dieser Sicht ist es
a) nicht möglich, nicht zu erziehen (Interaktion findet immer statt) und
b) ist Erziehung ein lebenslanger Prozess (Individuen sind bis zum Tode Beeinflussungen mit Wirkung ausgesetzt).
Aus einem Lehrbuch der 70er Jahre: Erziehung ist eine von Liebe getragene Einwirkung auf das sich entwickelnde Kind.
Kritik traditioneller Erziehung / Anti-Erziehung
Die Kritik der Erziehung wendet sich insbesondere gegen nicht kindgerechte Methoden von Erziehung. Der Begriff des unbedingten Gehorsams stößt nach den Erfahrungen des Dritten Reichs auf vehemente Ablehnung und markiert ein Ende preußischer Erziehungsideale.
Die aus der Auseinandersetzung mit der Nazizeit und dem Protest gegen den Vietnamkrieg entstandene Protestbewegung der 68er-Generation führte in ihrem Verlauf auch zur antiautoritären Erziehung, einer Strömung, die radikal jegliche autoritären Methoden in der Erziehung ablehnte, da sie zur „autoritären Persönlichkeit“ führen können.
Die neuere Kritik stellt die Notwendigkeit von Grenzen dagegen nicht in Frage, verurteilt aber umso schärfer Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche - ein Trend, der sich seit 1970 durch die Enttabuisierung der Kindesmisshandlung zeigt und in dessen weiteren Verlauf in Deutschland 2000 das Schlagen von Kindern gesetzlich verboten wurde (Kindesrecht auf eine Erziehung ohne Gewalt).
Als tieferer Hintergrund wird angenommen, dass am Verhalten der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft eine bislang unbeachtete Frontlinie verläuft, an der sich persönlicher und gesellschaftlicher Druck entladen. Demzufolge seien alle Verhaltensweisen zu verurteilen, die auf subtilem Wege das systematische Auslöschen des kindlichen Willens verfolgen. Dieses im 18. bis 19. Jahrhundert vielfach noch offen verfolgte Ziel wird heute als schwarze Pädagogik gebrandmarkt.
Kritik der Erziehung
Jedem Erziehungsbegriff liegt ein Manipulationsideal zugrunde, das heißt, die Erzieher und die Erziehungswissenschaftler unterstellen, es gäbe bestimmte Methoden, getrennt von Wissen und Einsichten im Denken der Zöglinge, die zur Ausbildung verschiedener gewünschter Persönlichkeitseigenschaften führen würden. Das Menschenbild, von dem dabei ausgegangen wird, enthält die Voraussetzung, dass dem Individuum ein Bedürfnis nach Orientierung und Moral innewohne, welches durch Erziehung befriedigt werden müsse. Der Begriff der Erziehung bezieht aus diesem Menschenbild - insofern quasi „automatisch“ - die Legitimation seiner Anwendung. Jenseits einer solchen interessegeleiteten Begriffskonstruktion erweist sich aber, dass bei Erziehung sehr alltagspraktische Gegensätze zwischen Erziehern und den zu Erziehenden ausgetragen werden - in der Regel ohne vernunftgeleitete Debatten über Gründe und Erklärungen - um bestimmte bei den Zöglingen erwünschte Verhaltensweisen durchzusetzen bzw. ihnen die Übernahme der jeweils gewünschten Moral nahezulegen. Insofern spielen die Theorien der Erziehung am Ende bei der Erziehungspraxis eine rein ideologische Rolle, je nach dem, unter welchen „höheren moralischen Gesichtspunkten“ und für welche aktuellen gesellschaftlichen Zwecke und Ideale die Erziehung jeweils gerechtfertigt werden soll.
Zitate
Siehe auch
Einzelnachweise
Literatur
- Bernd Seemann, Anna Seemann: Bedienungsanleitung Kind. Berlin: LOBmedia-Lehmanns 2007, ISBN 3-86541-210-6.
- Micha Brumlik (Hrsg.): Vom Missbrauch der Disziplin. Antworten der Wissenschaft auf Bernhard Bueb. Weinheim: Beltz 2007. ISBN 3-407-85765-9.
- Andreas Dutschmann: Das Konfliktlösungstraining für Eltern und Pädagogen (KLT). verlag modernes lernen: Dortmund 2005, ISBN 3938187069
- Rudolf Dreikurs, Vicki Soltz: Kinder fordern uns heraus. Klett-Cotta : Stuttgart 13. Aufl. 2004, ISBN 3608942777
- Geissler Erich E.: Die Erziehung. Ihre Bedeutung, ihre Grundlagen und ihre Mittel. Ergon-Würzburg 2006, ISBN-10 3-89913-535-0
- Freerk Huisken: Erziehung im Kapitalismus. Von den Grundlügen der Pädagogik und dem unbestreitbaren Nutzen der bürgerlichen Lehranstalten, Hamburg: VSA, 1998, ISBN 978-3-87975-722-0
- Jesper Juul: Das kompetente Kind, Rowohlt, 5. Aufl. 2003, ISBN 3499614855
- Monika Löhle: 'Wie Kinder ticken. Vom Verstehen zum Erziehen', Huber Verlag: Bern 2007, ISBN 978-3-456-84496-1
- Michael Köditz: Wenn Kinder schwierig sind. Eine Hilfestellung für Eltern, Lehrer und Erzieher. München (dtv) 2004. ISBN 978-3-423-34117-2
- Norbert Kühne: Erziehen und Fördern - die 100 wichtigsten Fragen (FAQ). Bildungsverlag EINS, Troisdorf 2004, ISBN 3-427-19372-1
- Erika Mann: Zehn Millionen Kinder. Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich, Rowohlt Verlag, Reinbek 1997, ISBN 3-499-22169-1
- Ingo Nickel: Keine Erziehung. Nirgends, Schibri: Berlin 2000, ISBN 3-933978-22-X
Weblinks