Wortbedeutung und Etymologie
Wörtlich bedeutet der griechische Begriff mit dem Adjektiv esoteriki ( [γνώση]) „das innere, innerliche, verborgene oder geheime [Wissen]“ oder „zum inneren Kreis gehörig“ (esôteros – das Innere). Etymologisch ist daher keine klare Bedeutung abzuleiten, und entsprechend war und ist auch der Wortgebrauch sehr heterogen.[„Der lexikalische Gehalt des Wortes Esoterik ist wenig ausgeprägt (…). Wie ein jedes Wort, das an sich selbst ziemlich bedeutungsleer ist, hat sich auch dieses als dehnbar, durchlässig und semantisch überdeterminierbar erwiesen. Von der Etymologie ist denn auch keine Auskunft zu erwarten, es gilt vielmehr, den Begriff auf seine Funktion hin zu befragen, und die besitzt die Eigenart, ein ganzes Bündel von Haltungen und eine Vielzahl von Diskursen aufrufen zu können.“ Antoine Faivre: Esoterik im Überblick, 2001, S. 11] Vielfach wird das Wort „Esoterik“ als Bezeichnung für Geheimlehren verwendet, die nur Eingeweihten zugänglich gemacht werden (Arkanprinzip); im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff der Exoterik eine offene und für jeden zugängliche Lehre. Dem steht aber eine Fülle von als esoterisch bezeichneten Publikationen gegenüber, die allgemein zugänglich und in diesem Sinne gar nicht geheim sind.[Faivre, S. 13] Gebräuchlich ist auch die Verwendung des Wortes zur Kennzeichnung eines inneren Erkenntnisweges, etwa synonym mit Mystik, wobei vieles, was sonst ebenfalls „Esoterik“ genannt wird, als „Pseudo-Esoterik“ ausgeschlossen wird.[Gerhard Wehr: Gnosis, Gral und Rosenkreuz. Esoterisches Christentum von der Antike bis heute, 2007, S. 11-22]
Eine allgemein gültige Umschreibung gibt der Esoterikforscher Kocku von Stuckrad: „Dreh- und Angelpunkt aller esoterischen Traditionen sind Erkenntnisansprüche, die auf das 'eigentliche' oder das absolute Wissen abheben, und die Modi, dieses Wissen verfügbar zu machen – sei es durch einen individuellen Aufstieg des Suchenden, wie in gnostischen oder neuplatonischen Entwürfen, sei es durch ein Initiationsgeschehen, wie in den Geheimgesellschaften der Neuzeit, sei es durch Kommunikation mit geistigen Wesen, wie im 'Channeling' des zwanzigsten Jahrhunderts. (…) Die Modi, in denen sich ein Diskurs absoluter Erkenntnis entfaltet, haben mit der Dialektik von Verborgenem und Offenbartem zu tun, also durchaus mit 'Geheimnis', jedoch nicht in dem Sinne, dass die esoterische Wahrheit nur Eingeweihten zugänglich ist. Was einen Diskurs esoterisch macht, ist die Rhetorik einer verborgenen Wahrheit, die auf einem bestimmten Weg enthüllt werden kann und gegen andere Deutungen von Kosmos und Geschichte – nicht selten die der institutionalisierten Mehrheit – in Stellung gebracht wird.“[Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens, 2004, S. 21]
Der Gebrauch des Substantivs „Esoterik“ (frz. ésotérisme) ist historisch erstmals 1828 nachgewiesen, das Adjektiv „esoterisch“ wurde aber schon lange davor verwendet. Etabliert hat sich das Substantiv dann Mitte des 19. Jahrhunderts, zunächst in der freimaurerischen Literatur.[Faivre, S. 11, 108 und 111]
Geschichte
Antike

Phytagoras, dargestellt auf einer Antiken Münze
Allgemein gilt
Pythagoras (ca. 570 - 500 v. Chr.) und die von ihm in Kroton (heute
Crotone,
Kalabrien, Süditalien) gegründete
pythagoräische Bruderschaft, welche dem Schweigegelübde verbunden war, als erste historisch erfassbare Erscheinung der (europäischen) Esoterik. Pythagoras lehrte, dass der Mensch eine vom Körper ablösbare
Seele besitze, die nach dem körperlichen Tod weiter bestehe und sich in einem anderen Körper wieder inkarniere (
Reinkarnation). Er prägte auch den Begriff des
Kosmos als einer harmonisch geordneten Welt, welcher das Chaosen gegenübersteht. Die Bewegung der
Planet setzte er in Beziehung zu den
Intervallen der Musik („Sphärenharmonie“). Seine Reinkarnationslehre wurde von bedeutenden Philosophen wie
Parmenides von Elea,
Empedokles und
Platon übernommen und modifiziert, wobei die beiden ersteren daraus die Forderung nach einem strengen
Vegetarismus ableiteten, um das Verspeisen von als Tiere wiederverkörperten Menschen auszuschließen.
[Stuckrad, S. 28-30]
Bei Platon (427-347 v. Chr.), dessen Schriften anders als die der Vorgenannten ausführlich erhalten sind, ist die unsterbliche Seele der eigentliche, wahre Kern des Menschen, der Körper dagegen, in den sie sich nur vorübergehend inkarniert, ihr „Grab“. Das steht in scharfem Kontrast zu der älteren, von Homer repräsentierten Anschauung, in dessen Ilias der Begriff der Seele (psyche) zwar erstmals nachweisbar auftaucht, aber nur als Attribut der ganz mit dem Körper identifizierten Person. Platons Seelenlehre wurde wieder aufgegriffen und modifiziert im Neuplatonismus, vor allem durch Plotin (205-270 n. Chr.), wobei das christliche Motiv der Erlösung hinzukam.[Stuckrad, S. 26-28. Siehe auch Konrad Gaiser: Platons esoterische Lehre, in: Peter Koslowski (Hrsg.): Gnosis und Mystik in der Geschichte der Philosophie, 1988, S. 13-40]
Eine andere Traditionslinie ist die Hermetik, die sich auf Offenbarungen des Gottes Hermes beruft und eine Synthese griechischer Philosophie mit ägyptischer Mythologie und Magie darstellt. Hier taucht das Motiv des Mittlers auf, der – ob als Gott oder als „aufgestiegener“ Mensch – höheres Wissen offenbart. Inhaltlich handelt die hermetische Literatur neben philosophischen Themen von Magie, Alchemie und Astrologie. Teilweise nahm sie auch neuplatonische Elemente auf, darunter das Konzept der unsterblichen Seele und das der Erlösung bis hin zum Einswerden mit Gott.[Stuckrad, S. 34-41]

Vertreibung der Katharer aus der Stadt Carcassonne
, 1209. Nach ihnen wurden die „
Ketzer“ benannt
Vieles von den bisher angesprochenen Lehren fand auch Eingang in Teile des frühen Christentums. Die sich staatlich etablierende Kirche wendete sich jedoch gegen derartige Tendenzen und „verfluchte“ sie als
Häresie (Ketzerei). Erst dadurch wurden die betreffenden Lehren schließlich „esoterisch“. In diesem Zusammenhang wurden auch die Bezeichnungen Gnosis und
Gnostizismus geprägt, deren Gebrauch heute allerdings umstritten ist, weil sie aus der Perspektive der Ketzerverfolgung entstanden und im Grunde nur ein Abweichlertum kennzeichnen. Eine wesentliche Differenz zwischen der etablierten Kirche und den von ihr so genannten Gnostikern bestand darin, dass letztere die eigene Erkenntnis (griech.
gnosis) des Einzelnen betonten und eine „Selbstermächtigung des erkennenden Subjekts“ (Stuckrad) propagierten, während die Kirche großen Wert auf die Begrenztheit des menschlichen Erkenntnisvermögens legte und die höchsten Wahrheiten nur in der „göttlichen Offenbarung“ gegeben sah, die allein in den von ihr anerkannten (
kanonisierten) Schriften sowie in den von ihr vorgegebenen festen Bekenntnisformeln zu finden sei. Im Konkreten ging es dabei besonders um Fragen der
Astrologie und
Magie. Ab dem 4. nachchristlichen Jahrhundert hatte sich die Macht der Kirche so weit gefestigt, dass bereits geringfügige Abweichungen vom „rechten Glauben“ mit dem Tod durch Feuer oder Schwert geahndet wurden.
[Stuckrad, S. 41-47; Wehr, S. 32-34. Siehe auch Christoph Markschies: Die Gnosis, 2001; Kurt Rudolph: Die Gnosis. Wesen und Geschichte einer spätantiken Religion, 3. Aufl. 1990; Michael Allen Williams: Rethinking «Gnosticism»: An Argument for Dismantling a Dubious Category, 1996]
Mit der Gnosis vergleichbare Richtungen gab es auch im Judentum und im Islam, wo sich im Unterschied zum Christentum ein ausgeprägter Pluralismus entfalten konnte.[Stuckrad, S. 50-59 und 74f]
Mittelalter

Hildegard von Bingen: „Buch von den göttlichen Werken“, Darstellung einer Vision des Menschen als Teil des Kosmos
Im
Mittelalter gerieten große Teile dieser
antiken Lehren im christlichen Kulturraum in Vergessenheit, während sie im islamischen Raum bewahrt und vielfach aufgegriffen wurden und teils auch in die jüdische
Mystik einflossen. Im 12. Jahrhundert entstand in Südfrankreich die mystische Geheimlehre der jüdischen
Kabbala, die zunächst im Judentum eine große Bedeutung erlangte, später aber auch außerhalb desselben in der Geschichte der Esoterik eine bedeutende Rolle spielen sollte. Ursprünglich auf die Deutung der Heiligen Schrift (
Tora) beschränkt, entwickelte die Kabbala bald auch eine eigenständige theologische Lehre (siehe
Sephiroth), die mit magischen Elementen (
Theurgie) verbunden war. Manche Kabbalisten (am prominentesten
Abraham Abulafia) vertraten (wie die christlichen Gnostiker) die Ansicht, dass man nicht nur durch Interpretation der Tora, sondern auch durch direkte mystische Erfahrung zu „absolutem“ Wissen gelangen könne.
[Stuckrad, S. 58-77. Siehe auch Johann Maier: Die Kabbalah. Einführung – Klassische Texte – Erläuterungen, 1995; Gershom Scholem: Ursprung und Anfänge der Kabbalah, 1962]
Bis ins 13. Jahrhundert finden sich auch innerhalb des offiziellen Christentums noch wesentliche Teile dessen, was man später als Esoterik bezeichnen würde, darunter kosmologische Lehren, das Denken in Entsprechungen, die Imagination und die Idee der spirituellen Transformation. Beispiele dafür sind in Deutschland die Mystikerin Hildegard von Bingen, in Frankreich die Schule von Chartres (Bernardus Silvestris, Guillaume de Conches), von Italien ausgehend die Franziskaner, in Spanien die neuplatonisch geprägte, der Kabbala nahestehende Lehre des Mallorquiners Ramon Llull und in England die Schule von Oxford (Theosophie des Lichts bei Robert Grosseteste, Alchemie und Astrologie bei Roger Bacon). Um 1300 setzte sich jedoch in der Theologie der Averroismus durch, der den Rationalismus betont und Imaginatives ablehnt.[Faivre, S. 50-52]
Esoterische Praktiken wie die Magie und die Astrologie waren im Mittelalter verbreitet. Zur Magie gehörte auch die Beschwörung (Invokation) von Dämonen und Engeln, wobei die Existenz von Dämonen als gefallener Engel auch in der Theologie anerkannt war (Dämonologie). Die Alchemie erlangte erst im 12. Jahrhundert eine gewisse Bedeutung, ausgehend von arabisch-muslimischen Quellen in Spanien.[Stuckrad, S. 77f; Faivre, S. 53f]
Frühe Neuzeit

Corpus Hermeticum, flämische Ausgabe von 1643
In der
Renaissance, in der man sich auf die Antike zurückbesann, erlebte auch die Esoterik einen Aufschwung. Maßgeblich dafür waren die Wiederentdeckung bedeutender
hermetischer Schriften (
Corpus Hermeticum), die Erfindung des Buchdrucks, durch den sich ein viel breiteres Publikum erschloss, und auch die Auswirkungen der
Reformation.
[Stuckrad, S. 72 und 79] Antoine Faivre, der Altmeister der Esoterikforschung, sieht im 16. Jahrhundert sogar den eigentlichen
„Ausgangspunkt dessen, was man später als Esoterik bezeichnen sollte“ und degradiert damit die antike und mittelalterliche Esoterik zu bloßen Vorläufern:
„als sich die Naturwissenschaften von der Theologie ablösten und man begann, sie um ihrer selbst willen zu betreiben (...), da konnte sich die Esoterik als eigener Bereich konstituieren, der in der Renaissance zunehmend die Schnittstelle zwischen Metaphysik und Kosmologie einnahm“.
[Faivre, S. 18f]
Das Corpus Hermeticum, eine Sammlung von Schriften des Hermes Trismegistos, wurde 1463 in Mazedonien entdeckt und gelangte in den Besitz des Mäzens Cosimo de' Medici in Florenzs. Diese Texte schienen sehr alt zu sein, sogar älter als die Schriften Mose und damit die gesamte jüdisch-christliche Überlieferung, und eine Art „Urwissen“ der Menschheit zu repräsentieren. Cosimo gab deshalb sofort eine Übersetzung ins Lateinische in Auftrag, die 1471 erschien und großes Aufsehen erregte. Das Corpus wurde als „ewige Philosophie“ (Philosophia perennis) betrachtet, die der ägyptischen, griechischen, jüdischen und christlichen Religion als gemeinsamer Nenner zugrunde liege. Dank des Buchdrucks erlangte es weite Verbreitung, und bis 1641 kamen 25 Neuauflagen heraus; auch wurde es in verschiedene andere Sprachen übersetzt. Im 16. Jahrhundert kamen jedoch Zweifel an der korrekten Datierung dieser Texte auf, und 1614 konnte der Genfer Protestant Isaac Casaubon nachweisen, dass sie erst in nachchristlicher Zeit entstanden sein konnten. Da hatten sie ihre enorme Wirkung jedoch längst entfaltet.[Stuckrad, S. 90-92; Faivre, S. 59-61. Siehe auch Carsten Colpe, Jens Holzhausen: Das Corpus Hermeticum Deutsch. Übersetzung, Darstellung und Kommentierung in drei Teilen, 1997; Martin Mulsow (Hrsg.): Das Ende des Hermetismus: Historische Kritik und neue Naturphilosophie in der Spätrenaissance, Tübingen 2002]

Marsilio Ficino, Büste im Dom von Florenz
Der Übersetzer des Corpus Hermeticum,
Marsilio Ficino (1433-1499), übertrug auch die Werke Platons und etlicher Neuplatoniker ins Lateinische und verfasste eigene Kommentare und Einführungen in die platonische Philosophie. Die Neuplatoniker wurden dadurch nach langer Vergessenheit überhaupt erst wieder bekannt, und Platon wurde im Wortlaut verfügbar. Auch das hatte enorme Auswirkungen. Platonisches Gedankengut wurde gegen die
aristotelisch geprägte Theologie in Stellung gebracht. Ein Aspekt dieser Kontroversen betraf die Frage, wie weit menschliche Erkenntnis reichen kann, womit ein wesentlicher Konflikt aus Zeiten des frühen Christentums wieder auflebte (vgl. oben). Manche Neuplatoniker der Renaissance vertraten sogar
pantheistische Positionen, was aus Sicht des
monotheistischen Christentums an
Ketzerei grenzte.
[Stuckrad, S. 81-85 und 88f]
Ein dritter wichtiger Einfluss auf die Esoterik der Renaissance ging von der Kabbala aus, indem deren Methoden zur Deutung der religiösen Urkunden auch von Christen übernommen wurden. Die bedeutendsten Vertreter dieser „christlichen Kabbala“ waren Pico della Mirandola (1463-1494), Johannes Reuchlin (1455-1522) und Guillaume Postel (1510-1581). Im Zentrum der christlich-kabbalistischen Hermeneutik stand der Versuch, auch auf der Grundlage der originär jüdischen Überlieferung die Wahrheit der christlichen Botschaft (Christus ist der Messias) zu beweisen. Das war teils mit anti-jüdischer Polemik verbunden (die Juden würden ihre eigenen heiligen Schriften nicht richtig verstehen), rief aber auf der anderen Seite die Inquisition auf den Plan, was 1520 in der Verurteilung Reuchlins durch den Papst kulminierte.[Stuckrad, S. 113-120; Faivre, S. 61-63. Siehe auch Wilhelm Schmidt-Biggemann (Hrsg.): Christliche Kabbala, 2003]
In Deutschland entwickelte der Kölner Philosoph und Theologe Agrippa von Nettesheim (1486-1535) aus Elementen der Hermetik, des Neuplatonismus und der Kabbala eine „okkulte Philosophie“ (De occulta philosophia, 1531). Darin unterschied er drei Welten: die elementare, die himmlische und die göttliche Sphäre, denen beim Menschen Körper, Seele und Geist entsprechen. Die antike Lehre von den vier Elementen (Erde, Wasser, Luft und Feuer) ergänzte er durch eine „fünfte Essenz“, womit er den Begriff der Quintessenz prägte. Größte Bedeutung maß Agrippa der Magie bei, die er als höchste Wissenschaft und erhabenste Philosophie auffasste. Nicht durch Wissenschaft im herkömmlichen Sinn, die er scharf verurteilte, sondern nur durch den „guten Willen“ könne der Mensch sich in mystischer Ekstase dem Göttlichen annähern.[Stuckrad, S. 107-110]

Paracelsus, 1540
Die neuplatonische Dreiteilung von Mensch und Welt und die Entsprechung von Mikrokosmos (Mensch) und Makrokosmos liegen auch der medizinischen Lehre des
Paracelsus (1493-1541) zugrunde. Neben den vier Elementen maß er besonders den drei Prinzipien der Alchemie (Sal, Sulfur und Mercurius) eine große Bedeutung bei. Der Quintessenz Agrippas entspricht bei ihm der
Archaeus, eine organisierende und formbildende Kraft. Für Paracelsus gehörte auch die Astrologie notwendig zur Medizin hinzu, denn der Mensch trage den ganzen Kosmos in sich, Diagnose und Therapie setzten genaue Kenntnisse der astrologischen Entsprechungen voraus, und die Beurteilung des Krankheitsverlaufs und der Wirkung von Medikamenten müsse unter Berücksichtigung der Planetenbewegungen erfolgen.
[Stuckrad, S. 110-113]
Zu den bedeutenden Esoterikern der frühen Neuzeit gehört auch Giordano Bruno (1548-1600). Er schrieb mehrere Bücher über Magie, die er als mit der empirischen Naturwissenschaft vereinbar ansah (Magia naturalis), und vertrat die Lehre von der Seelenwanderung. Letzteres gehörte zu den Gründen, warum er als Ketzer verbrannt wurde. Mit der im Geiste Brunos sich vom kirchlichen Dogmatismus befreienden Naturwissenschaft schienen esoterische Anschauungen dagegen vielfach kompatibel zu sein. So waren die astronomischen 'Revolutionäre' Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Galileo Galilei (1564-1642) und Johannes Kepler ((1571-1630) überzeugte Anhänger der Astrologie, Kepler und Galilei praktizierten diese sogar, und Isaac Newton (1643-1727), der neben Galilei als Begründer der exakten Naturwissenschaft gilt, verfasste daneben auch Beiträge über Hermetik, Alchemie und Astrologie.[Stuckrad, S. 122f und 143-152. Siehe auch Frances A. Yates: Giordano Bruno and the Hermetic Tradition, 1964]

Jakob Böhme, Alle Theosophischen Schriften, 1682
An die Forderung Martin Luthers, neben der Bibel nur auf einen individuellen Zugang zu Gott zu vertrauen, knüpfte im 16. und 17. Jahrhundert die „klassische“
Theosophie an. Deren wichtigster Vertreter war
Jakob Böhme (1575-1624), ein Schuster, der im Alter von 25 Jahren nach einer schweren Lebenskrise eine
mystische Vision hatte und später darüber schrieb. Nach Böhme ist der Ausgangspunkt allen Seins der „Zorn Gottes“, den er jedoch nicht wie das Alte Testament als eine Reaktion auf menschliche Verfehlungen, sondern als ein willenshaftes Urprinzip beschreibt, das vor der Schöpfung, ja „vor der Zeit“ besteht. Dem Zorn steht die Liebe gegenüber, die als Sohn Gottes oder auch als dessen Wiedergeburt angesehen wird. Diesen „wiedergeborenen Gott“ kann der Mensch nur erkennen, wenn er selbst „wiedergeboren“ wird, indem er mit Gott kämpft und durch einen Gnadenakt von diesem Kampf erlöst und mit absolutem Wissen beschenkt wird. Diese theosophische Lehre Böhmes wurde als
ketzerisch eingestuft, und nachdem ein erstes, nicht zur Veröffentlichung bestimmtes Manuskript in die Hände eines Pfarrers gelangt war, wurde der Autor zeitweilig inhaftiert und schließlich mit einem Publikationsverbot belegt. Jahre später (ab 1619) widersetzte er sich jedoch diesem Verbot, und seine Schriften trugen in hohem Maß zur Ausbildung eines spirituellen Bewusstseins auf der Grundlage des
Protestantismus bei.
[Stuckrad, S. 156-159; Faivre, S. 67-69]
In den Jahren 1614 bis 1616 erschienen einige mysteriöse Schriften, die großes Aufsehen erregten. Ihre anonymen Autoren beriefen sich auf die mythische Gestalt des Christian Rosencreutz, der von 1378 bis 1484 gelebt haben soll und dessen Hinterlassenschaft sie in seinem Grab entdeckt hätten. Die von diesen ersten Rosenkreuzern propagierte Lehre ist eine Synthese verschiedener esoterischer und naturphilosophischer Traditionen mit der Idee einer „Generalreformation“ der ganzen Welt. Ihre Publikation löste eine Flut von zustimmenden und ablehnenden Kommentaren aus; schon 1620 waren über 200 diesbezügliche Schriften erschienen. Der angeblich dahinter stehende geheime Orden bestand nach heutigem Kenntnisstand jedoch wahrscheinlich nur aus wenigen Personen an der Tübinger Universität, darunter Johann Valentin Andreae (1586-1654).[Stuckrad, S. 182-187; Faivre, S. 69-72. Siehe auch Bibliotheca Philosophica Hermetica (Hrsg.): Rosenkreuz als europäisches Phänomen im 17. Jahrhundert, 2002]
Einen wichtigen Wendepunkt in der Rezeption esoterischer Lehren markiert die 1699/1700 publizierte Unparteyische Kirchen- und Ketzer-Historie von Gottfried Arnold, in der erstmals ein Überblick über „alternative“ Anschauungen innerhalb des Christentums gegeben wurde, ohne diese als Irrlehren zu verdammen. Der Protestant Arnold rehabilitierte insbesondere die Gnosis, indem er sie als Suche nach „ursprünglicher Religiosität“ beschrieb.[Stuckrad, S. 160f]
Im 18. Jahrhundert entwickelte sich eine im im Vergleich zu den „Klassikern“ wie Jakob Böhme weniger visionäre, dafür stärker intellektuell geprägte Theosophie. Deren wichtigster Vertreter, Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782), war zugleich auch ein bedeutender Propagator der lurianischen Kabbala im deutschen Sprachraum. Durch die erste deutsche Übersetzung im Jahre 1706 wurde das Corpus Hermeticum breiter bekannt und zum Gegenstand wissenschaftlicher Darstellungen. Populär waren Themen wie Vampirismus und Hexerei, und zwielichtige Gestalten wie der Graf von Saint Germain oder Alessandro Cagliostro hatten Konjunktur. Daneben etablierte sich eine institutionalisierte Esoterik in Form von Geheimen Bruderschaften, Orden und Logen (vor allem die Rosenkreuzer und Teile der Freimaurerei).[Stuckrad, S. 156 und 187-190, Faivre; S. 81, 84 und 88. Siehe auch Helmut Reinalter (Hrsg.): Freimaurer und Geheimbünde im 18. Jahrhundert, 1983]

Emanuel Swedenborg
Eine Sonderstellung im Bereich der Theosophie nimmt der renommierte schwedische Naturwissenschaftler und Erfinder
Emanuel Swedenborg (1688-1772) ein, der ähnlich wie Böhme aufgrund von Visionen, die er 1744/45 hatte, zum Mystiker und Theosophen wurde. Nach Swedenborgs Überzeugung leben wir mit unserem
Unbewussten in einer jenseitigen geistigen Welt, in welcher wir bewusst „erwachen“, wenn wir sterben. Als Autor etlicher umfangreicher Werke avancierte er bald zu einem der einflussreichsten, aber auch umstrittensten Mystiker im
Zeitalter der Aufklärung. Anhänger seiner Lehre gründeten die bis heute bestehende Glaubensgemeinschaft „
Neue Kirche“, unter den Theosophen seiner Zeit blieb er jedoch ein wenig geschätzter Außenseiter, und sein bedeutendster Kritiker war kein geringerer als
Immanuel Kant (1724-1804), der ihm 1766 die Streitschrift
Träume eines Geistersehers widmete.
[Stuckrad, S. 162-167; Faivre, S. 83]
In der Aufklärung, zu deren wichtigstem Denker Kant durch seine späteren Hauptwerke avancieren würde, war der Esoterik neben den etablierten Kirchen eine weitere mächtige Gegnerschaft erwachsen. Aufgrund seines Verständnisses von Vernunft und Wissen musste Kant, obwohl er in jungen Jahren selbst der Seelenwanderungslehre angehangen hatte, Lehren wie diejenige Swedenborgs ablehnen, und darin folgte ihm bald die große Mehrheit der Gelehrten. Zwar könne man, so Kant, nicht beweisen, dass Swedenborgs Behauptungen über die Existenz von Geistern und dergleichen falsch seien, ebenso wenig aber das Gegenteil, und wenn man auch nur eine einzige Geistererzählung als wahr anerkennen würde, würde man damit das gesamte Selbstverständnis der Naturwissenschaften in Frage stellen.[Stuckrad, S. 165-167]

Philipp Otto Runge: Der Morgen, 1808
Dass Aufklärung und Esoterik nicht notwendigerweise im Gegensatz zueinander stehen mussten, zeigen hingegen die
Freimaurer, bei denen ein aktives Eintreten für die rationale Aufklärung und ein verbreitetes Interesse für Esoterik nebeneinander bestanden und „Aufklärung“ vielfach mit einem Streben nach „höherem“ Wissen gleichgesetzt wurde, verbunden mit dem esoterischen Motiv der Transformation des Individuums. Esoterisch ausgerichteten Orden gehörten im 18. Jahrhundert viele bedeutende Personen an, darunter der preußische Kronprinz und spätere König
Friedrich Wilhelm II, dessen Orden allerdings nur bis zu seiner Krönung bestand, weil er damit aus der Sicht der Ordensleitung seinen Zweck erfüllt hatte. Obwohl auch einige andere Adlige bedeutende Freimaurer waren, spielte das Freimaurertum insgesamt aber eher eine Rolle bei der Stärkung des sich emanzipierenden Bürgertums gegenüber dem
absolutistischen Staat.
[Faivre, S. 93-98; Stuckrad, S. 190f]
In die Naturphilosophie und Kunst der deutschen Romantik floss in erheblichem Maß esoterisches Gedankengut ein. So war Franz von Baader (1765-1841) zugleich ein bedeutender Naturphilosoph und der herausragende Theosoph dieser Epoche. In letzterer Hinsicht knüpfte er stark an Böhme an, allerdings in einer äußerst spekulativen Weise. In der romantischen Dichtung tritt der esoterische Einfluss besonders deutlich bei Novalis (1772-1801) hervor, aber auch etwa bei Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Justinus Kerner (1786-1862) und etlichen anderen bedeutenden Dichtern. Novalis fasste die Natur als ein großes lebendiges Ganzes auf, mit der der Mensch im Zuge einer Initiation erkennend verschmelzen kann. Dabei griff er auch alchemistische und freimaurerische Symbole auf. In der Musik ist vor allem Mozarts in einem freimaurerischen Umfeld entstandene Oper „Die Zauberflöte“ zu nennen, in der Malerei Philipp Otto Runge.[Faivre, S. 98-107; Stuckrad, S. 170-173]
Moderne
Mit der Begründung der modernen Chemie im späten 18. Jahrhundert (vor allem durch die Schriften Lavoisiers 1787/1789) war der Niedergang der „operativen“ Alchemie eingeleitet, was deren Popularität allerdings zunächst wenig beeinträchtigte, und daneben bestand eine „spirituelle“ Alchemie als eine spezielle Form der Gnosis weiter. Auch Elektrizität und Magnetismus waren in dieser Zeit geläufige Themen esoterischer Diskurse, wobei sich besonders der schwäbische Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1815) mit seiner Theorie des „animalischen Magnetismus“ hervortat. Mesmer verband die alte alchemistische Vorstellung eines alles durchströmenden unsichtbaren Fluidums mit dem modernen Begriff des Magnetismus und mit der Behauptung, damit Krankheiten heilen zu können. Nachdem er sich 1778 in Paris niedergelassen hatte, eroberten die von ihm entwickelten „magnetischen“ Heilgeräte vor allem die dortige Kaffeehaus-Szene. Seine „Therapiemethode“, zu Mehreren um ein solches Gerät herum zu sitzen, dabei in Trance und Ekstase zu geraten und den „Magnetismus“ daran beteiligter gesunder Personen in sich einströmen zu lassen, kann als ein Vorläufer der späteren spiritistischen Séancen gelten.[Faivre, S. 89-93; Stuckrad, S. 167-169. Siehe auch Heinz Schott (Hrsg.): Franz Anton Mesmer und die Geschichte des Mesmerismus, 1985]

Die Fox-Schwestern, hier 1852, gelten als Begründerinnen des Spiritismus
Ende des 18. Jahrhundert tauchte die neue Praktik auf, zumeist weibliche Personen in einen „magnetischen Schlaf“ zu versetzen und dann über die übersinnliche Welt zu
befragen. Im deutschen Sprachraum befasste sich der schon genannte
Justinus Kerner damit. Eine Abwandlung dieser Praktik ist der
Spiritismus, dessen Ursprung 1848 bei zwei Schwestern in den USA liegt, der aber schnell auch auf Europa übergriff und Millionen Anhänger fand. Auch hierbei dient eine Person als „
Medium“, und diesem werden Fragen gestellt, welche sich an die Geister von Verstorbenen wenden. Die Geister sollen antworten, indem sie den Tisch, an dem die Sitzung stattfindet, in Bewegung versetzen. In Verbindung mit dem Reinkarnationsgedanken entwickelte sich daraus eine regelrechte Religion.
[Faivre, S. 109f]
Als Begründer des Okkultismus im eigentlichen Sinn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt Eliphas Lévi (1810-1875). Obwohl seine Werke nur „wenig geschickte Kompilationen“ (Faivre) waren, war er zeitweilig der bedeutendste Esoteriker überhaupt. Einflussreich war auch das umfangreiche okkultistische Werk von Papus (1865-1915); im deutschen Sprachraum ist vor allem Franz Hartmann (1838-1912) zu nennen. Dieser Okkultismus war eine Gegenströmung gegen die vorherrschende Wissenschaftsgläubigkeit und gegen die Entzauberung der Welt durch den Materialismus. Er verstand sich selbst jedoch als modern (Faivre nennt ihn eine Antwort der Moderne auf sich selbst) und lehnte im allgemeinen den wissenschaftlichen Fortschritt nicht ab, sondern versuchte, diesen in eine umfassendere Vision zu integrieren.[Faivre, S. 111-113]
Ein Kennzeichen der Moderne ist die zunehmende Trennung von materiellen und sakral-transzendenten Bereichen der Wirklichkeit. Einerseits werden Natur und Kosmos zunehmend rational begriffen und somit „entzaubert“, aber daraus kann auch die Gegenreaktion erwachsen, die Natur, den Kosmos und die materielle Wirklichkeit erneut sakralisieren zu wollen. Da der Glaube an die Berechenbarkeit aller Dinge und die prinzipielle Ergründbarkeit des Kosmos selber das Ergebnis einer religionsgeschichtlichen Entwicklung sind, nämlich der schon in der alttestamentarischen Schöpfungsvorstellung angelegten Entseelung des Kosmos, kann gerade die moderne Abwendung von dieser religiösen Tradition auch eine Abwendung von dem Glauben an die rationale Wissenschaft nach sich ziehen.[Stuckrad, S. 216-218]

Helena Petrovna Blavatskaya, 1877
In einem engeren Sinn wird vielfach das Jahr 1875 als Geburtsjahr der modernen westlichen Esoterik angesehen, markiert durch die Gründung der
Theosophischen Gesellschaft (TG) in New York. Initiator und dann auch Präsident dieser Gesellschaft war
Henry Steel Olcott (1832-1907), ein renommierter Anwalt, der sich schon lange für esoterische Themen interessiert hatte und den
Freimaurern nahestand. Zur wichtigsten Person wurde jedoch schnell Olcotts Lebensgefährtin
Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891). HPB, wie sie später zumeist genannt wurde, war deutsch-ukrainischer Herkunft und hatte lange Jahre auf Reisen in weiten Teilen der Welt verbracht. Schon seit ihrer Kindheit stand sie in medialer Verbindung zu spirituellen „Meistern“ in Indien, von denen sie nun (laut einem Notizbucheintrag
vor der Gründung der TG) die „Weisung“ erhalten hatte, eine philosophisch-religiöse Gesellschaft unter der Leitung Olcotts zu gründen. Auch Olcott berief sich auf Anweisungen von „Meistern“, die er allerdings in Form von Briefen erhalten habe. Die Ziele der TG wurden folgendermaßen formuliert: Erstens sollte sie den Kern einer universalen Bruderschaft der Menschheit bilden, zweitens eine vergleichende Synthese von Religionswissenschaft, Philosophie und Naturwissenschaft anregen und drittens ungeklärte Naturgesetze und im Menschen verborgene Kräfte erforschen. Die Bezeichnung „theosophisch“ wurde dabei offenbar kurzfristig einem Lexikon entnommen.
[Stuckrad, S. 197-203]
Kurz nach der Gründung der TG machte sich Blavatsky an die Abfassung ihres ersten Bestsellers „Die entschleierte Isis“ (Isis Unveiled), der 1877 herauskam und dessen erste Auflage bereits nach 10 Tagen vergriffen war. In dieser und in anderen Schriften – das Hauptwerk „Die Geheimlehre“ (The Secret Doctrine) erschien 1888 – bündelte HPB die esoterischen Traditionslinien der Neuzeit und gab ihnen eine neue Form. Von großer Bedeutung war dabei die Verbindung mit östlichen spirituellen Lehren, an denen zwar schon seit der Romantik ein recht reges Interesse bestanden hatte, die nun aber als das reinste „Urweistum“ der Menschheit in den Vordergrund rückten, was die Esoterik des 20. Jahrhunderts entscheidend prägen sollte. Blavatsky selbst gab einerseits an, ihr Wissen zu erheblichen Teilen der beinahe täglichen „Präsenz“ eines „Meisters“ zu verdanken (was man hundert Jahre später einmal „Channeling“ nennen würde). Im Vorwort der Geheimlehre hingegen behauptete sie, lediglich ein uraltes und bisher geheim gehaltenes östliches Dokument (das „Buch des Dzyan“) zu übersetzen und zu kommentieren. Schon nach dem Erscheinen von Isis Unveiled begannen Kritiker jedoch nachzuweisen, dass der Inhalt dieses Buches fast vollständig auch schon in anderer zeitgenössischer Literatur zu finden war, wobei die meisten der betreffenden Bücher für HPB unmittelbar in Olcotts Bibliothek verfügbar waren. Der enormen Wirkung ihres Werks tat das jedoch keinen Abbruch.[Stuckrad, S. 197 und 204-207]
Im Umfeld der Theosophischen Gesellschaft entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine ganze Reihe neuer initiatischer Gemeinschaften und magischer Orden, überwiegend in freimaurerischer und rosenkreuzerischer Tradition, darunter der Hermetic Order of the Golden Dawn (1888). Dieser Orden war von der christlichen Kabbala und dem Tarot inspiriert, befasste sich mit ägyptischen und anderen antiken Gottheiten und räumte einer zeremoniellen Magie einen erheblichen Raum ein. Für letztere stand vor allem Aleister Crowley (1875-1947), der später dem in Wien gegründeten Ordo Templi Orientis (1901) beitrat und diesem eine sexualmagische und antichristliche Ausrichtung gab. Crowley gilt als der bedeutendste Magier des 20. Jahrhunderts.[Stuckrad, S. 192-194; Faivre, S. 116f]

Rudolf Steiner um 1905
In Deutschland gründete
Franz Hartmann 1886 eine deutsche Abteilung der Theosophischen Gesellschaft und 1888 einen Rosenkreuzer-Orden. Viel bedeutender war hier aber
Rudolf Steiner, der 1902 Generalsekretär der neu gegründeten deutschen Sektion der TG wurde. Steiner übernahm zumindest in den ersten Jahren vieles von Blavatsky, war selbst aber stark von den naturwissenschaftlichen Werken
Goethes und deutschen Philosophen wie
Max Stirner und
Friedrich Nietzsche beeinflusst und entwickelte schließlich eine eigene, christlich-abendländische, an der
Mystik anknüpfende Lehre, die er später „
Anthroposophie“ nannte. Den östlichen „Weisheitslehren“ stand er ablehnend gegenüber, was schließlich zum Bruch mit der internationalen Theosophischen Gesellschaft führte. 1913 trat Steiners neu gegründete
Anthroposophische Gesellschaft an die Stelle der deutschen Sektion der TG. Als Vertreter einer christlichen
Theosophie in Deutschland in der Tradition von
Jakob Böhme und
Franz von Baader ist im 20. Jahrhundert außerdem
Leopold Ziegler (1881-1958) zu nennen.
[Faivre, S. 114-116, 120 und 127f; Stuckrad, S. 209-211]
Der populärste Zweig der Esoterik im 20. Jahrhundert war zweifellos die Astrologie. Sie bedient das Bedürfnis, mit Hilfe des Prinzips der Entsprechung die verloren gegangene Einheit von Mensch und Universum wieder herzustellen. Dies kann neben der praktischen Anwendung auch einen „gnostischen“ Aspekt haben, indem man „Zeichen“ zu deuten versucht und eine ganzheitliche Sprache entwickelt. Eine ähnliche Dualität von Praxis und Gnosis liegt auch beim Tarot vor sowie bei der Unterscheidung von zeremonieller und initiatischer Magie.[Faivre, S. 124-127]

C.G. Jung 1912
Einen herausragenden Einfluss auf die Entwicklung der populären Esoterik in den letzten Jahrzehnten („
New Age“) hatte
Carl Gustav Jung (1875-1961). Jung postulierte die Existenz universeller seelischer Symbole, die er „
Archetypen“ nannte und durch eine Analyse der
Religionsgeschichte und insbesondere auch der Geschichte der Alchemie und Astrologie zu identifizieren suchte. In dieser Sichtweise wurde die innere Transformation des
Adepten zum zentralen Inhalt esoterischen Handelns, so u.a. in der „psychologischen“ Astrologie. Dem liegt ein Konzept der
Seele zugrunde, wie es in ähnlicher Form schon bei den antiken
Neuplatonikern und bei
Renaissance-Denkern wie
Marsilio Ficino und
Giovanni Pico della Mirandola zu finden war. Im Kontrast zur traditionellen
Psychologie, die an dem mechanistisch-naturwissenschaftlichen Ansatz der Medizin ausgerichtet ist und die Rede von einer Seele als ein Ergebnis
metaphysischer, also unwissenschaftlicher Spekulation betrachtet, wird hier die Seele zum „wahren Kern“ der Persönlichkeit erhoben und geradezu
sakralisiert, d.h. ihrem eigentlichen Wesen nach als göttlich angesehen. Der Mensch strebt nach Vollkommenheit, indem er sich in seine eigene Göttlichkeit versenkt, welche im Unterschied zu manchen östlichen Lehren dem
Individuum zugeschrieben wird.
[Stuckrad, S. 219-223]
Jungs aus der Theorie der Archetypen entwickeltes Konzept des kollektiven Unbewussten gehört auch zu den Ursprüngen der transpersonalen Psychologie, welche annimmt, dass es Ebenen der Wirklichkeit gibt, auf denen die Grenzen der gewöhnlichen Persönlichkeit überschritten werden können und eine gemeinsame Teilhabe an einer allumfassenden Symbolwelt möglich ist. Solche Vorstellungen verbanden sich in der von Amerika ausgehenden Hippie-Bewegung mit einem großen Interesse an östlichen Meditationstechniken und an psychoaktiven Drogen. Die wichtigsten Theoretiker dieser transpersonalen Bewegung sind Stanislav Grof und Ken Wilber. Grof experimentierte mit LSD und versuchte dabei, eine Systematik der auftretenden „transpersonalen“ Bewusstseinszustände zu entwickeln.[Stuckrad, S. 233-236]

Edgar Cayce 1910
Für die Kommunikation mit
transzendenten Wesen in einem veränderten Bewusstseinszustand (z.B.
Trance) etablierte sich in den 1970er Jahren die Bezeichnung „
Channelling“. Sehr populär wurden in diesem Bereich die Prophezeiungen von
Edgar Cayce (1877-1945). Weitere bedeutende
Medien waren oder sind
Jane Roberts (1929-1984),
Helen Schucman (1909-1981) und
Shirley MacLaine. Auch die Lehren von
Theosophen wie
Helena Petrovna Blavatsky und
Alice Bailey sind hierher zu rechnen, und Vergleichbares findet sich im Neo-
Schamanismus, in der modernen Hexenbewegung und im
Neopaganismus. Allen gemeinsam ist die Überzeugung von der Existenz anderer Welten und von der Möglichkeit, aus diesen Informationen zu erhalten, die in der diesseitigen Welt nützlich sein können.
[Stuckrad, S. 229-231]
Ein weiteres zentrales Thema der heutigen Esoterik sind ganzheitliche Konzeptionen der Natur, wobei naturwissenschaftliche oder naturphilosophische Ansätze die Grundlage für eine spirituelle Praxis bilden. Ein Beispiel dafür ist die Tiefenökologie, eine biozentrische und radikal gegen den vorherrschenden Anthropozentrismus gerichtete Synthese ethischer, politischer, biologischer und spiritueller Positionen (Arne Næss, deep ecology, 1973). Die Tiefenökologie betrachtet die gesamte Biosphäres als ein einziges, zusammenhängendes „Netz“, das nicht nur als solches erkannt, sondern auch in einer spirituellen Dimension erfahren werden soll. Damit verwandt sind James Lovelock Gaia-Hypothese, die den ganzen Planeten Erde als einen Organismus auffasst, und daran anknüpfende Konzepte von David Bohm, Ilya Prigogine, David Peat, Rupert Sheldrake und Fritjof Capra, die man als „New Age Science“ zusammenfassen kann.[Stuckrad, S. 231-233]

Symbol der Rosenkreuzer-Brüderschaft von São Paulo, Brasilien
Im Bereich der
Freimaurerei und des
Rosenkreuzertums wurden im 20. Jahrhundert zahlreiche initiatische Gesellschaften neu gegründet. Eine besonders breite Wirkung entfaltete der 1915 gegründete Rosenkreuzer-Orden
AMORC, der schon in den 30er Jahren mehrere Millionen Mitglieder hatte. Im deutschen Sprachraum ist die
Anthroposophische Gesellschaft mit ihrem Zentrum in Dornachn bei Basel am bedeutendsten, was durch den Erfolg der auf anthroposophischer Grundlage arbeitenden
Waldorfschule noch verstärkt wird. Die
Theosophische Gesellschaft zerfiel nach Blavatskys Tod in mehrere Gruppierungen, welche heute in diversen Ländern sehr aktiv sind.
[Faivre, S. 139-141; Stuckrad, S. 207-213]
Wie schon in der Romantik, lassen sich auch in der Moderne vielfach esoterische Einflüsse in Kunst und Literatur aufzeigen. Das gilt explizit für die Architektur Rudolf Steiners (Goetheanum), für die Musik Alexander Skrjabinss, die Gedichte Andrej Belyi, die Dramen August Strindbergs und das literarische Werk Hermann Hesses, aber auch für Bereiche der neueren Science Fiction wie etwa die Star Wars-Trilogie von George Lucas. Ein bedeutender Eimfluss auf die bildende Kunst ging von der Theosophischen Gesellschaft aus. Beispiele für künstlerische Gestaltung im Dienst der Esoterik sind manche Tarot-Blätter und die Illustrationen in manchen esoterischen Büchern. Nicht im eigentlichen Sinn esoterisch beeinflusst, aber beliebte Gegenstände esoterischer Interpretationen waren die Musik Richard Wagnerss und die Gemälde Arnold Böcklin.[Faivre, S. 121f und 144-147; Stuckrad, S. 224-227]
Verbreitung
Einige Praktiken und Aussagen der Esoterik erfreuen sich großer Popularität. So sind zwei Drittel der Deutschen der Meinung, unheilbar Kranke sollten sich medizinischen Laien mit besonderen Heilkräften anvertrauen. Ebenfalls zwei Drittel glauben, dass Wasseradern und Erdstrahlennn den Schlaf beeinträchtigen und dass sie mit Hilfe von Wünschelrute aufgespürt werden können. Die Hälfte der Bevölkerung glaubt, dass an der Astrologie „etwas dran“ sei, 20 % plädieren für ihre Anerkennung als Wissenschaft, etwa 10 % praktizieren sie selbst, und nur 16 % halten sie für Unsinn. 38 % glauben an die Möglichkeit der Präkognition, 17 % sind davon überzeugt, schon einmal gelebt zu haben, und 14 % glauben an die Wirksamkeit magischer Rituale. Im Buchhandel macht die Sparte Esoterik 15 % des gesamten Umsatzes aus. Der Umsatz der Esoterik-Szene insgesamt wird auf über 7 Mrd. € im Jahr geschätzt, wobei die Konsumenten zu rund 80 % weiblich, die Produzenten hingegen vorwiegend männlich seien.[Claudia Barth: Über alles in der Welt. Esoterik und Leitkultur, 2. Aufl. 2006, S. 12f und 16f]
Esoterik als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung
Die Anfänge einer wissenschaftlichen Erforschung der Esoterik bestehen in Arbeiten christlicher, jüdischer und islamischer Religionswissenschaftler über abendländische Mystik und Gnosis. Bedeutende Vertreter dieser frühen Esoterikforschung waren Martin Buber (1878-1965), Gershom Scholem (1897-1982), Henry Corbin (1903-1978) und Mircea Eliade (1907-1986).[Stuckrad, S. 11]
Ein erster spezieller Lehrstuhl für die „Geschichte der christlichen Esoterik“ wurde 1965 an der Sorbonne in Paris eingerichtet (1979 umbenannt in „Geschichte der esoterischen und mystischen Strömungen im neuzeitlichen und zeitgenössischen Europa“). Seit 1999 gibt es in Amsterdam einen Lehrstuhl für die „Geschichte der hermetischen Philosophie und verwandter Strömungen“. Drittens wurde an der Universität von Exeter (England) ein Zentrum für Esoterikforschung eingerichtet. Und seit Oktober 2006 hat sogar der Vatikan an der Päpstlichen Universität Angelicum in Rom einen „Lehrstuhl für nichtkonventionelle Religionen und Spiritualitätsformen“.[Faivre, S. 10][DIE ZEIT: Lernen mit Osho ]
Die wichtigste deutschsprachige Fachzeitschrift ist „Gnostika“.[Faivre, S. 150]
Hermetik und neuzeitliche Wissenschaft: Das Yates-Paradigma
In ihrem aufsehenerregenden Buch Giordano Bruno and the Hermetic Tradition versuchte die Historikerin Frances A. Yates 1964 nachzuweisen, dass die Hermetik bei der Begründung der neuzeitlichen Wissenschaft in der Renaissance eine wesentliche Rolle gespielt habe und dass diese Wissenschaft ohne den Einfluss der Hermetik gar nicht entstanden wäre. Obwohl das „Yates-Paradigma“ sich in dieser starken Form letztlich nicht etablieren konnte, wird es wegen der Debatten, die es auslöste, als wichtige „Initialzündung“ für die moderne Esoterikforschung betrachtet.[Stuckrad, S. 11; Faivre, S. 151]
Esoterik als Denkform: Das Faivre-Paradigma
Antoine Faivre, damals Inhaber des Lehrstuhls an der Sorbonne, stellte 1992 die These auf, dass man die Esoterik als eine Denkform (frz. forme de pensée) betrachten könne, und beschrieb vier grundlegende Komponenten dieser Denkform[Faivre, S. 24-34; Stuckrad, S. 12-15]:
- Die Entsprechungen: Zwischen allen Teilen der sichtbaren Welt und allen Teilen der unsichtbaren Welt und umgekehrt existieren symbolische oder reale Verbindungen. Diese Verbindungen können durch den Menschen erkannt, gedeutet und benutzt werden. Es lassen sich dabei zwei Arten von Entsprechungen unterscheiden: die in der Natur vorgefundenen Konstellationen mit dem Menschen oder Teilen seiner Psyche oder seines Körpers (z.B. Astrologie) sowie zwischen der Natur und offenbarten Schriften (z.B. Kabbala).
- Die lebendige Natur: Die Natur in allen ihren Teilen wird als wesenhaft lebendig angesehen. Ihr können deshalb neben der materiellen Wirklichkeit auch seelische und geistige Eigenschaften zugesprochen werden. Sie zu erkennen und zu beschreiben nimmt einen besonders großen Stellenwert in der paracelsischen Tradition ein.
- Imagination und Mediation: Es gibt eine Reihe von Vermittlern, die die Entsprechungen offenbaren können (z.B. Rituale, Geister, Engel, symbolische Bilder etc.). Das wichtigste Hilfsmittel dafür stellt die Imagination dar, sie ist eine Art „Seelenorgan“, mit dessen Hilfe der Mensch eine Verbindung zu einer unsichtbaren Welt herzustellen vermag. Das Fehlen dieses Merkmals ist für Faivre der wesentliche Unterschied der Esoterik zur Mystik.
- Erfahrung der Transmutation: Transmutation ist ein ursprünglich aus der Alchemie stammender Begriff und meint die Verwandlung eines Teils der Natur in etwas anderes auf qualitativ neuer Ebene. In der Alchemie wäre dies beispielsweise die Verwandlung von Eisen in Gold. Dieses Prinzip wird in er Esoterik auch allgemein auf den Menschen angewendet und steht dann für die sogenannte „zweite Geburt“ bzw. der Wandlung zum „wahren Menschen“. Dieses Prinzip steht somit für den individuellen, spirituellen Heilsweg.
Daneben identifiziert Faivre in einigen Traditionen die „Transmission“, d.h. die Übertragung einer esoterischen Lehre durch einen Meister als Teil einer
Initiation.
Dieser Ansatz Faivres erwies sich als sehr fruchtbar für die vergleichende Forschung, wurde aber auch grundsätzlich kritisiert. Vor allem wurde bemängelt, dass Faivre seine Charakterisierung hauptsächlich auf Untersuchungen des Hermetismus der Renaissance, der Naturphilosophie, der christlichen Kabbala und der protestantischen Theosophie stützte und damit den Begriff der Esoterik so eng fasste, dass er auf entsprechende Erscheinungen in der Antike, im Mittelalter und in der Moderne sowie außerhalb der christlichen Kultur (Judentum, Islam, Buddhismus) vielfach nicht mehr anwendbar war.[Stuckrad, S. 14f]
Kritik
Kirchen
Manche heute als esoterisch bezeichnete Praktiken wie „
Wahrsagerei“,
Beschwörung und
Magie wurden schon im
Alten Testament scharf verurteilt , und bis heute stellt sich die offizielle Lehre der christlichen Hauptströmungen (
Orthodoxie,
Katholizismus,
Protestantismus) klar gegen jede Form von Wahrsagerei und Magie. So vertritt beispielsweise der aktuelle
Katechismus der katholischen Kirche die folgende Position:
Kritische kirchliche Stellungnahmen zur Esoterik allgemein betrachten diese grundsätzlich als nicht christlich.[Erzdiözese Linz über Esoterik ]
, Joachim Müller: Faszination Esoterik
, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen: Kurzinformation Esoterik
, Hansjörg Hemminger/Annette Kick: Esoterik und Esoterikmarkt
) Als wesentliche Unterschiede zwischen Esoterik und Christentum werden konkret aufgeführt:
- ein in der Regel unpersönliches, ungeschichtliches Gottesbild statt einer personalen Gottesbeziehung im Christentum,
- die Auffassung von Jesus als „Avatar“ oder „Eingeweihtem“ statt des biblisch-historischen, christlichen Bildes von Jesus von Nazareth,
- die Möglichkeit des Abtragens von Karma, der Selbsterlösung z.B. durch evolutive Bewusstseinserweiterung im Verlauf von Reinkarnation im Gegensatz zur Vorstellung der Einmaligkeit des Lebens, der Erlösung und Vergebung durch das Geschenk der Liebe Gottes und des Kreuzestods Jesu Christi im Christentum.
Als problematische Aspekte mancher Richtungen der Esoterik gesehen werden insbesondere
- ein auf subjektiver, einseitig harmonischer Wahrnehmung beruhendes Weltbild und das damit teilweise einhergehende Negieren von Leid und Problemen,
- übertriebene Heilsversprechungen, unrealistische magische Erwartungen,
- das Absolut-Setzen subjektiver Erfahrungen,
- eine Abhängigkeit von „spirituellen Experten“ oder selbsternannten religiösen „Meistern“.
Aufklärung
Mit der Aufklärung und der Emanzipation der Wissenschaft von der Vormundschaft der Kirche trat in der Neuzeit eine dritte Partei auf, die sich sowohl den kirchlichen wie den esoterischen Lehren kritisch gegenüberstellte. Dabei handelte es sich nach neueren historischen Untersuchungen allerdings um ein sehr komplexes Geschehen voller Widersprüche. So waren selbst höchstrangige Naturforscher jener Zeit wie Johannes Kepler und Isaac Newton zugleich gläubige Christen und überzeugte Anhänger esoterischer Disziplinen wie der Astrologie oder der Hermetik, und der Begriff „Aufklärung“ wurde im 18. Jahrhundert oft auch auf die Erlangung „höheren“ Wissens im Sinne dessen bezogen, wofür sich später dann die Bezeichnung „Esoterik“ etablierte.[Stuckrad, S. 143-152, 160 und 190] Selbst noch bei Ernst Haeckel (1834-1919), dem großen Propagator der Evolutionstheorie im deutschen Sprachraum und zu seiner Zeit einem der schärfsten Kritiker der Kirchen, finden sich dezidiert esoterische Motive, etwa wenn er 1917 unter dem Titel „Kristallseelen“ schrieb: „'Alle Substanz besitzt Leben', anorganische ebenso wie organische; 'alle Dinge sind beseelt', Kristalle so gut wie Organismen.“[Stuckrad, S. 180-182] Wenngleich derartige Naturphilosophie ab dem 19. Jahrhundert (genauer: seit dem Ende der Romantik) klar von der Naturwissenschaft abgegrenzt wurde, zeigt sie doch, dass für viele namhafte Naturforscher jener Zeit Naturwissenschaft durchaus mit Religiösem vereinbar erschien – ob nun im Sinne einer etablierten Konfession oder eher esoterischer Ansätze.[Stuckrad, S. 169f]
Ein zentrales Postulat der Esoterik, nämlich die Existenz und Erkennbarkeit einer „anderen“, jenseitigen Welt, wurde jedoch von bedeutenden Aufklärern wie Immanuel Kant scharf zurückgewiesen (vgl. Kapitel „Geschichte“), und in der Folge verschwand dieses Thema praktisch aus der wissenschaftlichen Diskussion. Kant, der sich 1766 (zunächst noch anonym) in „Träume eines Geistersehers“ konkret mit den Behauptungen eines der damals einflussreichsten Mystiker, Emanuel Swedenborg, auseinandersetzte, bestritt keineswegs die Möglichkeit solcher Geister-Visionen, wie Swedenborg sie beschrieb. Es sei aber wissenschaftlich nicht entscheidbar, ob es tatsächlich Geister gibt oder nicht. Da jedoch – so letztlich Kants Haupt-Argument – die Annahme ihrer Existenz das gesamte Selbstverständnis der Naturwissenschaften in Frage stellen würde, müsse man sie ablehnen. Dieser Ansicht schloss sich die große Mehrheit der Gelehrten an.[Stuckrad, S. 162-167]
Eine ähnlich gelagerte Kritik entzündet an sich an der Interpretation des Begriffs „Esoterik“. So schreibt der Religionswissenschaftler Hartmut Zinser in einer Aufklärungs-Broschüre der Hamburger Innenbehörde: „Über ein Verborgenes können eigentlich keine Aussagen gemacht werden, dann wäre es kein Verborgenes mehr. Anhänger des Okkultismus und der Esoterik aber machen genau dies. Sie schreiben dem Unbekannten und Verborgenen bestimmte Eigenschaften zu, z.B. die Wirkung von Geistern, Toten, anderen Lebenden oder eines Weltbewusstseins usw. zu sein. Es ist dies der Grundfehler der Esoterik und des Okkultismus, dass er über ein tatsächliches oder angenommenes Unbekanntes Aussagen macht. Wenn immer es möglich ist, diese Aussagen zu überprüfen, stellt sich heraus, dass die esoterischen Aussagen über ein Unbekanntes und Verborgenes falsch, unnötig und irreführend sind. Esoteriker wie Okkultisten ertragen offensichtlich die Tatsache nicht, dass uns Menschen vieles unbekannt und verborgen ist und schreiben sich ein Wissen und auch Macht über das Unbekannte und Verborgene zu. Dies mag ihren Wünschen entsprechen, nicht aber der Wirklichkeit.“[Brennpunkt Esoterik ]
, S. 5
An Kants Argumentation anschließend, problematisiert in jüngster Zeit der Physiker Martin Lambeck die Esoterik insgesamt. Die Esoterik wolle das mechanistisch-materialistische Weltbild der Physik schleifen, die Physik erscheine daher „wie eine belagerte Festung“. „Ausgangspunkt aller Esoterik“ ist nach Lambeck (der sich dabei offenbar auf ein Buch von Thorwald Dethlefsen stützt) die Lehre des Hermes Trismegistos; „hermetische Philosophie“ sei gleichbedeutend mit Esoterik. Insbesondere bilde das in dem Satz „Wie oben, so unten“ klassisch formulierte Analogieprinzip die Grundlage aller Esoterik, und die Esoteriker seien davon überzeugt, auf dieser Grundlage die gesamte Welt des Mikro- und Makrokosmos erforschen zu können. Daraus folge aber, so Lambeck, dass aus der Sicht der Esoterik „alle seit Galilei mit Fernrohr und Mikroskop durchgeführten Untersuchungen überflüssig“ gewesen seien. Zudem stehe das Analogisieren „im fundamentalen Widerspruch zur Methode der heutigen Wissenschaft“. Aus diesem und anderen, ähnlichen Widersprüchen zieht Lambeck nun allerdings nicht die Konsequenz, Esoterik abzulehnen. Ihm geht es um die Widerspruchsfreiheit des Lehrgebäudes der Physik und um ihren Anspruch, für ihr Gebiet allein zuständig zu sein. Die Esoterik mache Aussagen, die in diesen Zuständigkeitsbereich fielen, z.B. dass alles in der Welt aus 10 Urprinzipien aufgebaut sei (laut Lambeck ein grundlegendes Postulat der Esoterik). Die Existenz derartiger „Paraphänomene“ (vgl. Parawissenschaft) müsse empirisch getestet werden.[Martin Lambeck: Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik, 2. Aufl. 2005, S. 9-12, 26-39 und 77-82]
Politik
In jüngerer Zeit haben auch rassistische und anderweitig rechtsradikale Erscheinungen innerhalb der Esoterik die Aufmerksamkeit kritischer Beobachter auf sich gezogen. Hierzu bemerkt die schon zitierte Hamburger Aufklärungs-Broschüre: „Die völkische Käuferschaft hat die Esoterik für sich entdeckt.“ Nach einer ausführlichen Bestandsaufnahme (die sich allerdings auf die moderne Esoterik beschränkt und diese weitgehend mit Okkultismus gleichsetzt) kommt die Studie zu dem Ergebnis: „Offener Neonazismus, Ariosophie und antisemitische Verschwörungsliteratur decken nur eine Minderheit der esoterischen Bewegung ab. Irrationalismus, Karma, Rassismus, Gurus und dogmatische Heilslehren hingegen sind zentrale Bestandteile des esoterischen Glaubens und machen ihn anfällig für autoritäre und rechtsextremistische Ideologien.“[Brennpunkt Esoterik ]
, S. 149 und 235 Dagegen kommt der Strafrechtler Alexander A. Niggli in seiner im Auftrag der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus erstellten Expertise „Esoterik und Rassendiskriminierung“ zu der Einschätzung, dass „Esoterik grundsätzlich nicht mit Rassendiskriminierung verknüpft ist“.[Esoterik und Rassendiskriminierung ]
Weitere grundsätzliche Kritik an der Esoterik kommt aus der systemkritischen Fraktion der politischen Linken. Wie schon Karl Marx die Religion als „Opium des Volkes“ bezeichnete, nennt etwa Claudia Barth in ihrem Buch „Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur“ die moderne Esoterik (die sie etwa mit New Age gleichsetzt) eine „irrationale Ideologie“, die „systemstützend“ wirke, also „den Nutzen einer Minderheit durchsetzen soll und den Interessen der Mehrheit der Menschen schadet“. Speziell in Deutschland sei die Esoterik zudem „von völkisch-nationalen, antisemitischen Vordenkern entwickelt“ worden.[Barth, S. 19-21 und 27. Zur Frage der „okkulten Wurzeln“ des Nationalsozialismus siehe die grundlegende Studie von Nicholas Goodrick-Clarke: The Occult Roots of Nazism. Secret Aryan Cults and their Influence on Nazi Ideology, 1992. Faivre schreibt mit Bezug auf diese Studie, es träfe zwar zu, dass „Theoretiker des Nazismus oder solche, die ihm nahestanden, von solchen (d.h. esoterischen) Themen Gebrauch machten“, das sei aber nur „auf eine recht begrenzte Weise“ geschehen, „deren Ausmaß dann in der Folge übertrieben wurde“ (Faivre, S. 143f)]
Viele Kritiker, aber auch manche Esoteriker selber beklagen einen „Supermarkt der Spiritualität“:[Kimberley J. Lau: New Age Capitalism, Philadelphia 2001] Verschiedene, teils widersprüchliche spirituelle Traditionen, die über Jahrhunderte in unterschiedlichen Kulturen der Welt entstanden, würden in der Konsumgesellschaft zur Wares, wobei sich verschiedene Trend und Moden schnell abwechselten („gestern Yoga, heute Reiki, morgen Kabbala“), und als Produkt auf dem Markt ihres eigentlichen Inhalts beraubt würden (Lifestyle). Dieser Umgang sei oberflächlich, reduziere Spiritualität auf Klischees und beraube sie ihres eigentlichen Sinns.
Literatur
- Claudia Barth: Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur. Eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen, Alibri, Aschaffenburg 2003, ISBN 3-86569-036-X
- Antoine Faivre: Esoterik im Überblick. Geheime Geschichte des abendländischen Denkens, Herder, Freiburg im Breisgau 2001, ISBN 3-451-04961-9
- Wolfram Frietsch: Newtons Geheimnis. Wissenschaft und Esoterik – Zwei Seiten einer Medaille, Scientia nova, Gaggenau 2006, ISBN 3-935164-04-1
- Wouter J[acobus] Hanegraaff in collaboration with Antoine Faivre, Roelof van den Broek and Jean-Pierre Brach (Ed.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism, Vol. 1/ 2, Brill/Leiden/Boston 2005, ISBN 9004141871
- Rüdiger Hauth: Taschenhandbuch Esoterik. Von Bachblüten bis Yoga: Ein kritischer Leitfaden, R. Brockhaus, Witten 2007, ISBN 3-417-20675-8
- Martin Lambeck: Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik, Beck, München 2003, ISBN 3-406-49469-2
- Edmund Runggaldier: Philosophie der Esoterik, Kohlhammer, Stuttgart 1996, ISBN 3-17-014418-9
- Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens, Beck, München 2004, ISBN 3-406-52173-8
- Gerhard Wehr: Gnosis, Gral und Rosenkreuz. Esoterisches Christentum von der Antike bis heute, Anaconda, Köln 2007, ISBN 978-3-86647-093-4
Siehe auch
Weblinks
Einzelnachweise