Verhältnis zu anderen Einrichtungen
Angesichts des Fokus auf germanische Geschichte und Vorgeschichte waren Konflikte mit anderen nationalsozialistischen 'Forschungseinrichtungen' abzusehen. An erster Stelle ist dabei das Amt Rosenberg zu nennen, dessen Leiter
Alfred Rosenberg sich schon vor der Gründung des Ahnenerbes einen ideologischen Kleinkrieg mit Herman Wirth lieferte. Ein anderer Konkurrent war
Karl Maria Wiligut, der Leiter des Amtes für Vor- und Frühgeschichte im Rasse und Siedlungshauptamt. Da Himmler ihn als eine Art persönliches Medium betrachtete, war das Ahnenerbe gezwungen, mit Wiligut zusammenzuarbeiten, dessen bizarre Gedankenwelt kaum einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben konnte.
Vorkriegszeit
1937 erfolgte eine Satzungsänderung, die zur Folge hatte, dass etliche Mitarbeiter des Rasse und Siedlungshauptamtes vom Ahnenerbe übernommen wurden und die vormals enge Zusammenarbeit endete. Außerdem nutzte man die Gelegenheit, um Wirth aus der Führungsebene des Vereins zu drängen. Dessen spekulative und skurrile Ideen standen im Widerspruch zu dem angestrebten Ideal echter Wissenschaftlichkeit. Unter der Leitung von
Wolfram Sievers als Reichsgeschäftsführer und
Walther Wüst als Präsident expandierte das Ahnenerbe beträchtlich. Es umfasste bald mehrere Dutzend Forschungsabteilungen. Hinzu kamen Fotolabore, ein Museum, eine Bildhauerwerkstatt sowie mehrere Bibliotheken und Archive in verschiedenen Städten, darunter
München,
Salzburg und
Detmold. Die Finanzierung von Ausgrabungen und Expeditionen (u.a. die
Tibet-Expedition von
Ernst Schäfer 1938) machte sich der Verein ebenso zur Aufgabe wie die Veranstaltung von Tagungen und Kongressen. Gleichzeitig versuchte man gemeinsam mit dem Sicherheitsdienst
SD der SS Einfluss auf die offizielle Wissenschaftspolitik zu nehmen und die Besetzung von Lehrstühlen zu kontrollieren.
Aktivitäten während des Krieges
Nach dem Ausbruch des
2. Weltkriegs änderte sich die Ausrichtung des Ahnenerbes. Der Raub von Kulturgütern in den besetzten Gebieten wurde maßgeblich von hauptamtlichen Mitarbeitern organisiert.
1940 verlor der Verein seine institutionelle Unabhängigkeit und wurde als
Amt A in die Dienststelle
Persönlicher Stab Reichsführer SS eingegliedert. In den 'germanischen' Ländern
Belgien,
Dänemark,
Niederlande und
Norwegen warb man im Rahmen eines
Germanischen Wissenschaftseinsatzes Freiwillige für die
Waffen-SS an. Parallel dazu versuchte man durch Projekte, die das vermeintlich gemeinsame germanische Erbe in den Mittelpunkt rückten, Autonomie- und Widerstandsbewegungen zu schwächen und stärker an das kommende Reich nach dem Krieg zu binden.
Siehe auch: Aktion Ritterbusch
Menschenversuche
1942 wurde unter dem Dach des Ahnenerbes mit Mitteln der Waffen-SS das 'Institut für wehrwissenschaftliche Forschung' gegründet. Dieses Institut führte tödliche Menschenversuche an KZ-Häftlingen in den
Konzentrationslagern
Dachau und
Natzweiler durch; einige der beteiligten Ärzte waren Mitglieder der Waffen-SS.
Sigmund Rascher und
August Hirt führten dort Unterdruck- und Kälteexperimente durch. Diese Menschenversuche waren auch Gegenstand der
Nürnberger Prozesse, insbesondere des Nürnberger Ärzteprozesses.
Im Juni 1943 wählten die Anthropologen und SS-Hauptsturmführer Bruno Beger und Hans Fleischhacker in Auschwitz jüdische Häftlinge aus. Sie wurden ins elsässische KZ Natzweiler-Struthof verschleppt und im August 1943 in der dortigen Gaskammer ermordet. Die Leichen sollten für eine Skelettsammlung an der Reichsuniversität Straßburg verwendet werden und der rassischen Propaganda dienen.
Nürnberger Prozesse
Wolfram Sievers wurde als Reichsgeschäftsführer des Ahnenerbes im
Nürnberger Ärzteprozess am
20. August 1947 zum Tode verurteilt und am
2. Juni 1948 in
Landsberg hingerichtet.
Sigmund Rascher fiel noch vor Kriegsende in Ungnade und wurde am
26. April 1945 selbst in Dachau hingerichtet. Die meisten Mitarbeiter des Ahnenerbes fassten nach einer mehr oder weniger kurzen Karriereunterbrechung wieder Fuß in ihrem Fachgebiet.
Warum Wissenschaftler so bereitwillig im Ahnenerbe mitgearbeitet haben, lässt sich nicht pauschal beantworten. Nicht alle waren überzeugte Nationalsozialisten. Für viele mögen die umfangreichen Forschungsförderungen entscheidend gewesen sein. Aber auch die Möglichkeit, Wissenschaft - gerade im Bereich der Anthropologie und Medizin - ohne ethische Grenzen ausüben zu können, war für einige der ausschlaggebende Punkt.
Literatur
- Michael H. Kater: Das 'Ahnenerbe' der SS 1935-1945. Oldenbourg Verlag, 2001, ISBN 348656529X
Weblinks