Wortherkunft
Der Begriff
Gegenwart ist in der deutschen Sprache bereits im Mittelhochdeutschen belegt, damals allerdings nur in der Bedeutung von „Anwesenheitbezeichnung“. Erst im 18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsausweitung auf eine
Zeit.
[Duden «Etymologie» - Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, 2. Auflage, Dudenverlag, 1989]
Grammatik
Gegenwart in sprachwissenschaftlichem Kontext bezeichnet:
- der sprachliche Umsetzung – dem Tempus – von Gegenwärtigem
- die grammatische Gegenwartsform
Die
deutsche Grammatik kennt nur eine
Zeitform der Gegenwart für ein
Verb:
Siehe auch: Present Tense (englische Gegenwartform)
Physik

Vergangenheit und Zukunft bezüglich des Koordinatenursprungs
Die Frage der Gegenwart eines
Beobachter ist in der
Physik eng verbunden mit der Frage der
Gleichzeitigkeit von Ereignissen.
- Siehe auch: Zeitpunkt
Klassische Physik
Der
Zeitpfeil bestimmt die Richtung der
Zeit von der
Vergangenheit in die
Zukunft. Die Vergangenheit besteht dabei aus der Mengese aller
Ereignis, die
kausal mit dem als Gegenwart bezeichneten Ereignis verbunden sind, diese also beeinflussen konnten. Dieses Konzept von Gleichzeitigkeit nennt man
Synchronismus.
In der Physik ist die Gegenwart der
Raum in dem alle Prozesse ablaufen.
- Siehe auch: Zeitskala
Quantenmechanik
Die
Heisenbergsche Unschärferelation besagt das
Zeit und
Energie eines Quantensprungs nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt sind, also exakte Gegenwart der Beobachtunger nicht zugänglich ist: Das Jetzt ist ein Skalenabhängig Hilfsbegriff.
Relativitätstheorie
In Zusammenhang mit der Veränderung der Vorstellung des Begriffs der
Zeit seit Einführung der
speziellen Relativitätstheorie von
Albert Einstein haben auch die Begriffe Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Umdeutung erfahren. Da zwei Ereignisse, die für einen Beobachter gleichzeitig stattfinden, für einen relativ dazu bewegten Beobachter unter Umständen nicht mehr gleichzeitig stattfinden (
Relativität der Gleichzeitigkeit), ersetzt der Begriff der „Raumartigkeit“ die „Gleichzeitigkeit“.
Gegenwart und Hier lassen sich als Koordinatenursprung der Raum- und Zeitkoordinaten definieren.
- Nähere Informationen hierzu siehe Minkowski-Diagramm,
Gehirnforschung
Die
Gegenwartsdauer: Neue
neurologische und
psychologische Studien lassen vermuten, dass das
Gehirn die Gegenwart in Einheiten zu etwa 2,7
Sekunden verarbeitet.
Es ist erstaunlich, dass der
alltagssprachliche Begriff „Augenblick“ genau diesen Sachverhalt darstellt. Zudem legen Untersuchungen nahe, dass 3-Sekunden-Einheiten auch in der Lyrik (wenn es etwa um die Erkennung von Reim und Rhythmus geht) und der Musik von Bedeutung sind.
- Siehe auch: Zeitwahrnehmung
Soziologie
Der Gegenwart stehen die Vorstellungen gegenüber, die man sich von der Vergangenheit (z. B.
Erinnerung,
Geschichte,
Herkunft,
Ursache) und der Zukunft (z. B.
Hoffnung,
Angst,
Vision,
Entwicklung) macht.
- Siehe auch: Zeitsoziologie
Psychologie
Nur in der Gegenwart ist es dem Menschen möglich, die Welt und sein Inneres, das Selbst wahrzunehmen und damit in Kontakt zu treten. Um die Gegenwart im Rahmen von Psychotherapie und Selbsterfahrung für Patienten anfassbarer zu beschreiben, wird sie das „hier und jetzt“ genannt.
- siehe auch:
Philosophische Sichtweise
Im Rahmen der Philosophie sind zwei Aspekte der Gegenwart von Bedeutung:
Zum einen ist es der Widerspruch von bewusst wahrgenommenem Jetzt und der Unmöglichkeit, das Jetzt sinnlich zu erfassen. Das ist die Frage nach dem Wesen der Zeit an sich.
Zum anderen die Bedeutung des Hier und Heute angesichts der Sterblichkeit des Menschen. Zwei prinzipiell konträre Weltanschauungen sind hier möglich:
- Den Moment als das einzig Wirkliche anzusehen. Ausgedrückt wird die „Nichtigkeit menschlicher Werke“ – die Vanitas – durch Sprüche wie carpe diem oder memento mori.
- Den Augenblick geringzuschätzen und den nötigen Aufwand einer Aufgabe unterzuordnen, in der Ansicht, der Mensch lebe in seinen Werken weiter. Diese Einstellung gehört etwa zum zentralen Wesen der Wissenschaften.
In der
Kunsttheorie spiegelt sich dieser Gegensatz etwa in der klassischen Einteilung in - momentorientierte -
Darstellende Kunst und - werkbezogene -
Bildende Kunst wieder.
Literatur
- K. Stepath: Gegenwartskonzepte. Eine philosophisch-literaturwissenschaftliche Analyse temporaler Konzepte, Würzburg 2006.
Religion
In vielen
Religionen, etwa im
Zen-Buddhismus, besteht ein Ideal darin, sich selbst der Gegenwart zu öffnen. In den deshalb so genannten Offenbarungsreligionen
Christentum,
Islam und
Judentum erfährt der Gläubige die Gegenwart Gottes durch dessen Offenbarung.
In den östlichen Religionen wie Buddhismus oder Hinduismus wird als Ort des ewigen Lebens anders als in den abrahamitischen Religionen nicht ein in der Zukunft nach dem Tode folgender Himmel, sondern der gegenwärtige Augenblick angesehen.
Einzelnachweise