Zuordnungen
Jede Universität hat ihre eigenen Traditionen, daher gibt es keine allgemein verbindlichen Zuordnungen. Ob die Geisteswissenschaften nur noch ein historischer Sammelbegriff sind oder ob sich ihre einstigen Vorsätze erhalten haben, kann dabei offen bleiben.
Die Geisteswissenschaften als universitäre Wissenschaften sind jünger als die Philosophie, Theologie und Rechtswissenschaft. Noch jüngere Wissenschaften wie Soziologie und Politologieen oder Wirtschaftswissenschaft haben sich ihrerseits wieder von den Geisteswissenschaften abgegrenzt und werden heute meist als Sozialwissenschaften bezeichnet. Die Mathematik gehört traditionell zur Philosophie, steht aber mittlerweile den Naturwissenschaften näher.
Statt nach ihrem Alter kann man die Wissenschaften auch nach ihrer Methodik den Geistes-, Natur- oder Sozialwissenschaften zuordnen: Psychologieen gehört dann entweder zu den Naturwissenschaft, den Sozialwissenschaften oder den Geisteswissenschaften. Die Geographie sowie die Rechtswissenschaft können sowohl den Sozialwissenschaften wie auch den Geisteswissenschaften zugerechnet werden.
Eine modernere Begriffsbildung fasst mit der Bezeichnung Humanwissenschaften alle Wissenschaften zusammen, die irgendeinen Aspekt der Menschen zum Untersuchungsgegenstand haben. Darunter fallen sowohl die Geistes- und Sozialwissenschaften als auch z. B. die Humanbiologie oder die Medizin.
Der oft als Alternative verwendete Begriff Kulturwissenschaften fasst Wissenschaften zusammen, die die menschliche Kultur behandeln (im Gegensatz zur Natur der Naturwissenschaften, ohne die Kultur von der Zivilisation abzugrenzen).
Daneben gibt es ein esoterisches Verständnis des Begriffs. Rudolf Steiner bezeichnete seine Anthroposophie als „Geisteswissenschaft“ (Wissenschaft vom Geistigen).
Geschichte
Der Begriff wurde 1849 als Lehnübersetzung von »moral science[s]« (John Stuart Mill) geprägt, bekam seine Prägnanz aber erst durch Wilhelm Dilthey und ist eng mit den politischen und universitären Voraussetzungen im deutschen Sprachgebiet verbunden. Dilthey definierte die Geisteswissenschaften in scharfer Entgegensetzung zu den Naturwissenschaften durch die ihnen eigene Methode des Verstehens, wie sie als Hermeneutik seit Schleiermacher auch außerhalb der Philologie gebräuchlich geworden war.
Dilthey ging von der Aussage Ignoramus et ignorabimus (1872) des Naturwissenschaftlers Emil Heinrich du Bois-Reymonds aus und hielt mit ihr die Unerklärlichkeit des Bewusstsein durch die Naturwissenschaften für erwiesen. An dieser unüberschreitbaren Grenze für die Naturwissenschaften, die sich nur mit „blinden Kräften“ befassen könnten, beginnen nach seiner Meinung die Geisteswissenschaften, die sich mit dem „Wollen“ auseinandersetzten. – Unter anderem konnte diese Unterscheidung deshalb so klar erscheinen, weil sich die Statistik, die Zufall und Willkür in gewissem Maß kalkulierbar macht, als Methodik der Naturwissenschaften und der späteren Sozialwissenschaften noch nicht allgemein durchgesetzt hatte.
Über diese erkenntnistheoretischen Erörterungen hinaus führten jedoch auch politische und soziale Absichten zu solchen Schlüssen: Die Nützlichkeit technischer Neuerungen täuschte nach den Revolutionsjahren 1830 und 1848 (vgl. Märzrevolution) über den gescheiterten gesellschaftlichen Konsens hinweg. Die aufstrebenden Natur- und Ingenieurwissenschaftenen stützten mindestens vordergründig die restaurative Macht des Spätabsolutismus. Hermeneutik hat dagegen mit einem stets neu zu findenden und zu erhaltenden Konsens von Beobachtern zu tun und entzieht sich der empirisch Nachweisbarkeit in Spurensicherung oder Experiment, die mit Erfolg gegen ältere wissenschaftliche Methoden ausgespielt wurden. Um dem gewachsenen Anspruch auf Neutralität und Objektivität zu genügen, musste sich allerdings auch die Hermeneutik vermehrt der Spurensicherung bedienen. Dieses Konzept einer Wissenschaft erschien Dilthey verteidigenswert.
Der Aufschwung der Naturwissenschaften seit Anfang des 19. Jahrhunderts war einhergegangen mit der Herausbildung neuartiger Disziplinen im Rahmen der alten Philosophischen Fakultät, die sich durch rigorose Methodik auszeichneten[Rudolf Stichweh: Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen: Physik in Deutschland 1740-1890. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984]; die alte Einheit war unwiederbringlich verloren. Damit war ein Großteil der alten Fächer in Frage gestellt. Das Konzept der Geisteswissenschaften half diesen, sich zu behaupten und zu modernisieren. So haben sich die alten Fakultätswissenschaften Theologie und Rechtswissenschaft erfolgreich als Geisteswissenschaften neu definiert.
Eine ähnliche und parallel laufende Unterscheidung ist die zwischen nomothetischen („regelsetzenden“) und idiographischen („beschreibenden“) Wissenschaften, die manchmal dazu dient, die Sozialwissenschaften als nomothetisch abzugrenzen. Sie geht auf Wilhelm Windelband zurück.
Ein weiterer wichtiger Faktor für die Entstehung der Geisteswissenschaften war das Verhältnis zwischen Universität und Staat: Im 19. Jahrhundert hatten sich die bürgerlichen Gelehrten, Künstler und Literaten einen Geistesadel und eine Hochkultur geschaffen, und diesen „Geist“ galt es nicht zuletzt gegenüber der führenden Oberschicht zu behaupten. Der Adel dagegen benötigte keine Reputation durch künstlerische oder wissenschaftliche Betätigung. Er zog sich zurück und tendierte eher zur populären Unterhaltung.
Ob eine Geschichtlichkeit von „Seelenvorgängen“ (Dilthey) etwas Kollektives sein kann, war nicht zuletzt eine politische Haltung. Georg Friedrich Hegel betrachtete den Geist als etwas Überindividuelles, nicht bloß Subjektives. Dies traf in einer Zeit der fehlenden staatlichen Einheit und der missglückten Emanzipation der Bürgertums von partikularisierenden Interessen des Adels auf breite Zustimmung. Mehr als in anderen Sprachgebieten ist im deutschen das Wollen und Handeln („Wirken“) eines gemeinschaftlichen Geistes behauptet worden. Aus dieser Tradition heraus entstanden Allgemeinbegriffe wie Zeitgeist, „Geist einer Nation“, „Geist einer Epoche“. Max Weber sprach von einem „Geist“ des Kapitalismus (Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, 1904/05).
Dieser Begriff des Geistes, der Institutionen, Strukturen, Erklärungsmuster zu etwas von sich aus Lebendigem macht, blieb nicht unumstritten. So gab es immer den Vorwurf, dass die traditionellen Autoritäten de facto durch technische und bürokratische Apparate ersetzt worden seien, die die Willensfreiheit zum Sachzwang machten. Eine ähnliche Ansicht hat Friedrich Kittler mit seiner Forderung einer „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“[Friedrich Kittler: Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften. Programme des Poststrukturalismus. Paderborn: Schöningh 1980. ISBN 3-506-99293-7] vertreten.
In der interdisziplinär angelegten Aktion Ritterbusch wurden Geisteswissenschaften in die völkische Ideologie des Nationalsozialismus und die Verherrlichung des Krieges eingebunden.
Als Gegenbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte eine starke Individualisierung. Die wissenschaftliche Würdigung großer Persönlichkeiten und ihrer Werke blendete mitunter ihre geschichtlichen Bedingtheiten aus. In der Literaturwissenschaft wurde die werkimmanente Interpretation üblich.
Der Titel der 1959 erschienenen Studie The Two Cultures von Charles Percy Snow wurde zum Schlagwort: Geisteswissenschaften (englisch: humanities) und Naturwissenschaften trennen unvereinbare Wissenschaftskulturen. Als Reaktion auf diese stark rezipierte Studie erschien im Jahr 1995 John Brockmans Die dritte Kultur als optimistische Vision einer Vermittlung zwischen den Wissenschaften.
Aktuelle Problematik
Die Zukunft der Geisteswissenschaften wird immer wieder grundsätzlich in Frage gestellt. Das liegt zum einen an den oft langwierigen, hochspezialisierten Projekten, die im Gegensatz zu den Naturwissenschaften nicht im Team, sondern in Einzelarbeit bearbeitet werden und deren Output von vornherein wenig kontrollierbar ist. Zum anderen liegt es an der Verzettelung innerhalb der geisteswissenschaftlichen Forschungsarbeiten selbst. Symptomatisch dafür ist die ironische Kritik an der Bedeutung der Fußnotenapparate. Das Glaubensbekenntnis zu Kunst und Kultur, wie es von Geisteswissenschaftlern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erwartet wurde, ist zum Primat einer möglichst nüchternen Analyse geworden.
Die politische Instrumentalisierung der Geisteswissenschaften und ihr Missbrauch zum interkonfessionellen oder antifranzösischen Kulturkampf in der Zeit vom Deutschen Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus, hat zur Tendenz geführt, dass sie sich von aktuellen politischen und sozialen Fragestellungen zurückzieht und auf ästhetische und historische beschränkt. Dies hat umgekehrt ihre öffentliche Wirkung verringert. In der sogenannten 68er-Bewegung schlug dies zeitweise ins Gegenteil einer starken Polarisierung um. Heute wird wieder ein Konsens und eine Vernetzung der Anschauungen und Institutionen angestrebt.
Des Weiteren zielt gesellschaftliche Skepsis gegenüber der Daseinsberechtigung der Geisteswissenschaften auch auf ihren ökonomisch nur schlecht quantifizierbaren Nutzen. Argumentiert wird in diesem Kontext mit der Rolle der Kultur als „weichem Standortfaktor“.
Auch die Kontroverse um die Postmoderne hat zur Veränderung des Selbstverständnisses der Geisteswissenschaften beigetragen und einen Beitrag zur Wissenschaftskritik an ihnen geleistet.
Übersicht
Zu den Geisteswissenschaften im engeren Sinn zählen unter anderem :
Sonderfälle:
Siehe auch
Das
Wissenschaftsjahr 2007 widmet sich den Geisteswissenschaften, siehe
Jahr der Geisteswissenschaften.
Fußnoten
Literatur
- Wilhelm Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften, 1883 (Digitalisat der Ausgabe 1922
)
- Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, hrsg. Manfred Riedel. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970. ISBN 3-518-27954-8
- Ludger Heidbrink, Harald Welzer (Hrsgg.): Ende der Bescheidenheit. Zur Verbesserung der Geistes- und Kulturwissenschaften, Verlag C. H. Beck, München 2007, ISBN 3-406-55954-9
- Rudolf Stichweh: Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen: Physik in Deutschland 1740-1890. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, ISBN 3-518-57688-7
- Gunter Scholz: Zwischen Wissenschaftsanspruch und Orientierungsbedürfnis. Zu Grundlage und Wandel der Geisteswissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991. ISBN 3-518-28566-1
- Frank-Rutger Hausmann (Hrsg.): Schriften des Historischen Kollegs: Band 53: Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933-1945. München: Oldenbourg 2002, ISBN 3-486-56639-3
- Florian Keisinger u.a. (Hrsg.): Wozu Geisteswissenschaften? Kontroverse Argumente für eine überfällige Debatte. Frankfurt am Main: Campus 2003, ISBN 3-593-37336-X
- Walfried Linden, Alfred Fleissner (Hrsg.): Geist, Seele und Gehirn: Entwurf eines gemeinsamen Menschenbildes von Neurobiologen und Geisteswissenschaftlern. Münster: Lit 2004, ISBN 3-8258-7973-9
- Bernadette Malinowski (Hg.): Im Gespräch: Probleme und Perspektiven der Geisteswissenschaften (Augsburger SchriftenReihe - Schriften der Philosophischen Fakultäten der Universistät Augsburg), München: Vögel 2006. ISBN 978-3-89650-221-6.
Weblinks