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Geändert: 2007-12-02
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noGeneralplan Ost
Kategorie: Deutsche Geschichte (20. Jahrhundert) Zweiter Weltkrieg Geschichte des Holocaust 1941 1942

Generalplan Ost

Beim Generalplan Ost (GPO) handelt es sich um eine Reihe von Plänen, Planungsskizzen und Vortragsmaterialien zu einer möglichen neuen Siedelungsstruktur in den von der NS-Regierung während des Zweiten Weltkrieges eroberten Gebieten Polens und der Sowjetunion. Der Generalplan Ost sollte der Umsetzung nationalsozialistischer Vorstellungen einer Kolonisierung von Teilen Ost- und Ostmitteleuropas als Planungsgrundlage dienen. Diese Schriften wurden durch das Planungsamt des Reichskommissariates für die Festigung deutschen Volkstums (RKF), die Planungsgruppe Gr. lll B beim Sicherheitsdienst des Reichssicherheitshauptamtes der SS (RSAH) und des Institut für Agrarwesen und Agrarpolitik der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) erstellt. An den verschiedenen Planungen, die unter dem Oberbegriff Generalplan Ost zusammengefasst werden können, wurde in den Jahren von 1940 bis 1942 im Auftrag des Reichsführers der SS Heinrich Himmler gearbeitet.

1 Hintergrund
2 Ausgearbeitete Varianten des Generalplans Ost
3 Die „Lehns“- und „Mark“-Begriffe in den Planungen und ihre Geschichte
4 Folgen des Vorrückens der Ostgrenze
5 Anmerkungen
6 Literatur
7 Weblinks

Hintergrund

Nach der Eroberung des Westteils Polens waren einige Pläne zur Besiedelung dieses Gebietes erstellt worden.

Ein größerer Gesamtplan wurde zwei Tage nach dem Angriff auf die UdSSR am 22. Juni 1941 durch Heinrich Himmler bei Prof. Konrad Meyer in Auftrag gegeben, mit dem Himmlers Siedlungsprogramm konkretisiert werden sollte. Meyer war nach dem Angriff auf Polen schon im April/Mai 1940 planerisch für den „deutschen Neuaufbau im Osten“ in den eingegliederten Ostgebieten Reichsgaue Wartheland und Danzig-Westpreußen tätig geworden. Die erste Fassung des Plans lag am 15. Juli 1941 vor, und Himmler ordnete am 20. Juli 1941 bei einem Besuch in Lublin gegenüber dem dortigen SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik an, 'ein Großsiedlungsgebiet im Raum um die bereits vorhandenen volksdeutschen Kolonien bei Zamosch' zu schaffen (vgl. Aktion Zamosch). Von einigen Historikern wird angenommen, dass es sich bei dieser Maßnahme möglicherweise um ein erstes umgesetztes Teilelement des GPO mit der Zielsetzung, zwischen den „einzudeutschenden“ Gebieten im Wartheland und den künftig von Deutschen zu besiedelnden Teilen der UdSSR eine „Siedlungsbrücke“ zu bilden, gehandelt haben könnte.

Einige Planungen sahen vor, Teile der Bevölkerung Polens und der westlichen Teile der Sowjetunion nach Sibirien zu verbannen. Nach der am 28. Mai 1942 vorgelegten und im Dezember noch einmal überarbeiteten Version sollten das Wartheland, Ostoberschlesien und Westpreussen einschließlich von Teilen des „Generalgouvernements Polen“ (GG) völlig „eingedeutscht“ und in Teilen der eroberten Sowjetunion drei „Reichsmarken“ gebildet werden: 1. „Ingermanland“ südlich von Leningrad; 2. das Narewgebiet mit Bialystok und Litauen; 3. der „Gotengau“ mit Krim und dem Gebiet um Cherson. Die für die „Eindeutschung“ zunächst gesetzte Frist von 25 Jahren wurde am 23. Dezember 1942 noch einmal auf 20 Jahre herabgesetzt, und Böhmen und Mähren, Elsass-Lothringen, die Untersteiermark und Oberkrain wurden auf Himmlers Wunsch ebenfalls der Planung zugeordnet. Die „frei gewordenen Gebiete“ in Osteuropa sollten mit mehreren Millionen Deutschen besiedelt werden. Voraussetzung zur vollen Umsetzung der Pläne wäre der militärische Sieg gegen die Sowjetunion gewesen.

Nach den Niederlagen der Deutschen von Moskau (Winter 1941/42) und Stalingrad (1942/43) rückte die Verwirklichung des Plans jedoch in immer weitere Ferne. Der Grad des tatsächlichen Umfangs und die Frage, welche Teile des GPO tatsächlich umgesetzt worden wären bzw. wurden, ist bis heute Gegenstand verschiedener wissenschaftlicher Kontroversen. Hierbei ist anzumerken, dass es sich beim GPO um verschiedene, teils konkurrierende Planungen unterschiedlicher Stellen handelte. Diese Planungskonkurrenz kann hierbei als typisch für viele NS-Projekte angesehen werden, da das Führerprinzip zumeist eine klare Abgrenzung der Planungshoheiten verhinderte. Insofern ist unklar, welche Planungen oder Planungsaspekte tatsächlich weiter verfolgt worden wären. Auch das Fehlen einiger Planungsdokumente (seit 1945 verschollen) erschwert die Forschung.

Ausgearbeitete Varianten des Generalplans Ost

Diese Schriften wurden durch das Planungsamt des Reichskommissariates für die Festigung deutschen Volkstums (RKF), die Planungsgruppe Gr. lll B beim Sicherheitsdienst des Reichssicherheitshauptamtes der SS (RSAH) und des Institut für Agrarwesen und Agrarpolitik der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) erstellt. Im einzelnen handelt es ich um folgende Dokumente:

Dokument 1: „Planungsgrundlagen“ erstellt im Februar 1940 durch das Planungsamt des RKF (Umfang: 21 Seiten). Inhalt: Beschreibung des Umfangs der geplanten Ostsiedlung in Westpreussen und im Wartheland. Das beplante Gebiet sollte eine Fläche von 87 600 km² umfassen, davon 59 000 km² landwirtschaftliche Nutzfläche. In diesem Gebiet sollten rund 100.000 Siedlerhöfe zu 29 ha eingerichtet werden. Insgesamt sollten rund 4,3 Mio Deutsche in diesen Gebieten angesiedelt werden; davon 3,15 Mio. im ländlichen Raum und 1,15 Mio. im städtischen Raum. Hierzu sollten sukzessive 560.000 Juden (100 % aller Personen dieser Ethnie im Planungsgebiet) und 3,4 Mio. Polen (44 % aller Personen dieser Ethnie im Planungsgebiet) entfernt werden. Zu den Gesamtkosten des Plans wurden keine Schätzungen vorgenommen.

Dokument 2: Materialien zum Vortrag „Siedlung“, erstellt im Dezember 1940 durch das Planungsamt des RKF (Umfang 5 Seiten). Inhalt: Grundsatzartikel zu „Landbedarf für die notwendige Aussiedlung aus dem Altreich“ mit konkreter Forderung von 130.000 km² für 480.000 neue, lebensfähige Siedlerhöfe zu 25 ha, dabei 40 % Zuschlag für Wald, Wehrmacht, Reserveflächen im Wartheland und Generalgouvernement Polen.

Dokumente, erstellt nach dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.

Dokument 3 (verschollen, genauer Inhalt unbekannt):Generalplan Ost“, erstellt im Juli 1941 durch das Planungsamt des RKF. Inhalt: Beschreibung des Umfangs der geplanten Ostsiedlung in der Sowjetunion mit konkreter geographischer Abgrenzung der einzelnen Siedlungsgebiete.

Dokument 4 (verschollen, genauer Inhalt unbekannt): „Gesamtplan Ost“, erstellt im Dezember 1941 durch die Planungsgruppe Gr. lll B des Sicherheitsdienstes des RSAH. Inhalt: Beschreibung des Umfangs der geplanten Ostsiedlung in der Sowjetunion und dem Generalgouvernement Polen mit konkreter geographischer Abgrenzung der einzelnen Siedlungsgebiete.

Dokument 5:Generalplan Ost“ erstellt im Mai 1942 durch das Institut für Agrarwesen und Agrarpolitik der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (Umfang 68 Seiten).

Inhalt: Beschreibung des Umfangs der geplanten Ostsiedlung in der Sowjetunion mit konkreter geographischer Abgrenzung der einzelnen Siedlungsgebiete. Das beplante Gebiet sollte 364.231 km² umfassen, einschließlich 36 Siedlungsstützpunkten und drei Siedlungsmarken im Großraum Leningrad (heute Sankt Petersburg), Krim-Chersongebiet und im Gebiet von Bialystok. Hierbei sollten Siedlerhöfe mit 40–100 ha Fläche sowie landwirtschaftliche Großbetriebe mit mindestens 250 ha Fläche entstehen. Die Zahl der hierfür benötigten Siedler wurde auf 5,65 Mio. geschätzt. Hierzu sollten aus dem beplanten Gebiet rund 25 Mio Menschen entfernt werden.Auf der Wewelsburg als ideologischer Zentrale der SS hatte Himmler im Juni 1941 vor Beginn von „Unternehmen Barbarossa“ in der einzigen SS-Gruppenführertagung, die dort je stattfand, das Ziel des Russlandfeldzuges angekündigt: „die Dezimierung der Bevölkerung der slawischen Nachbarländer um 30 Millionen.“ (Vgl. Richard Breitman, Heinrich Himmler. Der Architekt der „Endlösung“, München-Zürich 2000, S. 393, Anm. 12.) Die Kosten der Planungen wurden auf 66,6 Mrd. Reichsmark geschätzt.

Dokument 6: „Generalsiedlungsplan“ erstellt im September 1942 durch das Planungsamt des RKF (Umfang: 200 Seiten einschl. 25 Karten und Tabellen).

Inhalt: Beschreibung des Umfangs der geplanten Siedlungen in allen dafür vorgesehenen eroberten Gebieten mit konkreter geographischer Abgrenzung der einzelnen Siedlungsgebiete. Das beplante Gebiet sollte 330.000 km² mit 360.100 landwirtschaftlichen Betrieben umfassen. Die Zahl der hierfür benötigten Siedler wurde auf 12,21 Mio. Menschen (davon land- und forstwirtschaftl. Berufszugehörige: 2,859 Mio.) geschätzt. Hierzu sollten aus dem beplanten Gebiet rund 30,8 Mio. Menschen entfernt werden. Die Kosten der Planungen wurden auf 144 Mrd. Reichsmark geschätzt.

Die „Lehns“- und „Mark“-Begriffe in den Planungen und ihre Geschichte

Die künftigen Siedler werden im GPOLehnsnehmer“ genannt. Weitere in diesem Zusammenhang verwendete Begriffe sind „Belehnung“, „Lehensfähige“, „Lehenshöfe und –stellen“, „Zeitlehen“, „Erblehen“, „Lehensgerichte“. Alle diese Begriffe stammen aus der Zeit des Lehnswesens. Das „Lehen“ als zur Nutzung verliehener Besitz geht als Wort auf das Altgermanische zurück und bestimmte seit dem 8. Jahrhundert die feudale Rechts- und Gesellschaftsordnung des Mittelalters.

In den verschiedenen Entwürfen ist außerdem von den zu schaffenden Siedlungsgebieten als „Siedlungsmarken“ oder „Reichsmarken“ „an der vordersten Front des deutschen Volkstums gegenüber dem Russen- und Asiatentum“ (Entwurf vom 28.5.1942) die Rede, an deren Spitze jeweils ein „Markhauptmann“ zu stehen kommen sollte. Insgesamt hätten die Marken unter der Hoheitsgewalt des Reichsführers-SS gestanden.

Auch außerhalb des GPO bestand Bedarf an der „Mark“-Bezeichnung in den in Osteuropa bis 1942 besetzten Gebieten. So hatte der Reichskommissar in der Ukraine, Erich Koch, vor, die Ukraine als neue „deutsche Ostmark“ in ein wirtschaftliches Ausbeutungsobjekt für das „Großdeutsche Reich“ zu verwandeln. Artikel „Reichskommissariate ‚Ostland‘ und ‚Ukraine‘“, in: Lexikon der deutschen Geschichte. Personen, Ereignisse, Institutionen. Von der Zeitenwende bis zum Ausgang des 2. Weltkrieges, hrsg. von Gerhard Taddey, Stuttgart: Kröner 1979.

Der „Mark“-Begriff verweist wie der „Lehns“-Begriff auf das Mittelalter. Er findet sich im Fränkischen Reich seit Karl dem Großen z. B. in der Awarenmark als dem Ursprungsgebiet der marchia orientalis bzw. Ostarrîchi und später im Ostfrankenreich seit Heinrich I und Otto dem Großen (vgl. Sächsische Ostmark). Der Etymologie nach kommt „Mark“ vom althochdeutschen „marcha“, was „Grenze“ heißt und im Mittelhochdeutschen auch „Grenzland“, „Gau“ oder allgemeiner „Gebiet“ bedeuten kann. „Grenze“ ist indessen ein im 13. Jahrhundert aus dem Westslawischen entlehntes Wort, das „sich von den östlichen Kolonisationsgebieten aus allmählich über das dt. Sprachgebiet ausgebreitet (hat) und das heimische Wort Mark (...) verdrängt“ (vgl. Duden, Bd. 7: Etymologie).

Folgen des Vorrückens der Ostgrenze

Hitler hatte am 15. März 1938 nach dem „Anschluss Österreichs“ als seinem „Unternehmen Otto“ vom Balkon der Hofburg in Wien seinen neuen Landsleuten ihre Aufgabe erklärt: „Die älteste Ostmark des deutschen Volkes soll von jetzt ab damit das jüngste Bollwerk der deutschen Nation und damit des Deutschen Reiches sein.“ Reden des Führers. Politik und Propaganda Adolf Hitlers 1922-1945, hrsg. v. Erhard Klöss, München 1967, S. 85. 1942 war mit dem Vorrücken der Grenze im osteuropäischen Kriegsgebiet die Stellung der „ältesten Ostmark“ als „jüngstes Bollwerk“ überholt, so dass sowohl die „Bayerische Ostmark“ in „Gau Bayreuth“ umbenanntBayerische Ostmark Weblinks wie auch die kurzfristige Bezeichnung „Ostmark“ für Österreich auf Befehl Hitlers am 19. Januar 1942 in „Donau- und Alpenreichsgaue' umgewandelt wurde. Emmerich Tálos: Von der Liquidierung der Eigenstaatlichkeit zur Etablierung der Reichsgaue der „Ostmark“. Zum Umbau der politisch administrativen Struktur, S. 69 in: E. Tálos/E. Hanisch/W. Neugebauer/R. Sieder (Hg.): NS-Herrschaft in Österreich. Ein Handbuch, öbv & hpt. Wien 2002. ISBN 3-209-03179-7, S. 55-72. Nachdem die im Sommer 1942 erfolgende Wehrmachtsoffensive die Grenze weiter nach Osten verschoben hatte, befahl Himmler im November die Ausführung der „Aktion Zamosc“, wo er sich auf altem deutschen Kolonialgebiet zu bewegen glaubte, weil „sein Mann im Osten“ Globocnik dort auf Spuren deutscher Siedler gestoßen war.

Anmerkungen

Literatur

  • Burchard, Matthias: Der Generalplan Ost, ein finsteres Kapitel Berliner Wissenschaftsgeschichte Humboldt-Universität zu Berlin, 1997, 36 S.
  • Wasser, Bruno: Himmlers Raumplanung im Osten. Der Generalplan Ost in Polen 1940-1944 Birkhäuser, Basel 1994 ISBN 3764328525
  • Madajczyk, Czeslaw (Hg):Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan. Dokumente Saur, München 1994 ISBN 3598232241
  • Mechthild Rössler & Sabine Schleiermacher (Hg): Der 'Generalplan Ost'. Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik Akademie, Berlin 1993
  • Götz Aly und Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung Hoffmann & Campe, Hamburg 1991 ISBN 3596112680
    - behandelt den 'Generalplan Ost' nur am Rande (S. 394 - 440); jedoch relevant in Bezug auf die Entwicklung und Strukturen der allgemeinen Vernichtungsplanung

Weblinks

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