Der gesunde Menschenverstand in der Wissenschaft
Politikwissenschaft, Philosophie, Religion
Thomas Reid (1710–1796) gilt als Begründer der angelsächsischen Common-Sense-Philosophie, die im 19. Jahrhundert die Theologie des nordamerikanischen Protestantismus nachhaltig prägte.
[Quelle1 ]
Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges veröffentlichte der amerikanische Politiker Thomas Paine sein Pamphlet Common Sense, in dem er die Kolonialpolitik des englischen Königs Georg III in Nordamerika geißelte. Die Schrift fand eine enorme Verbreitung und war ein wichtiges Dokument in der Ideengeschichte des amerikanischen Republikanismus.
Aufgrund von unterschiedlichen Erfahrungen, Sichtweisen und moralischen Werten ist bei verschiedenen Menschen auch mit unterschiedlichem gesundem Menschenverstand zu rechnen. Einen absoluten gesunden Menschenverstand gibt es nicht. Auch kann der gesunde Menschenverstand sich irren. Er unterscheidet sich von Konsens.
Der auch oft im deutschen verwendete Begriff common sense kann deshalb nicht in jedem Fall synonym zum gesunden Menschenverstand verwendet werden, da mit ihm zumeist nur ein vorherrschender gesellschaftlicher Konsens, ein Gemeinsinn, bezeichnet wird und keine der Entscheidungsfindung dienende Denkungsart. Dennoch ist der common sense eine wichtige Handlungsdirektive, eine Art intuitives und unreflektiertes Bewusstsein von gut und böse, richtig und falsch, vergleichbar mit einem religiösen Wahrheitsbild. Salopp gesagt, bezeichnet er die Dinge, in denen wir uns alle einig sind, ohne dass wir auf die Idee kämen, darüber nachzudenken. Ein solcher Konsens muss dabei nicht zwingend unvernünftig sein, er ist nur so hoch konventionalisiert, dass er nicht mehr auf seine Vernünftigkeit geprüft wird.
Ähnlich hierzu wird bei Antonio Gramsci der Alltagsverstand erwähnt (der bezeichnenderweise auch häufig mit common sense ins Englische übersetzt wird). Leicht populistisch benennt er ihn auch die „Folklore der Philosophie“. In dieser werden bestimmte Weltanschauungen „unkritisch“, „zufällig und unzusammenhängend“ zusammengesetzt, sie beinhalten „Elemente des Höhlenmenschen und Prinzipien der modernsten und fortgeschrittensten Wissenschaft, engstirnig regionale Vorurteile aller vergangenen historischen Phasen und Intuitionen einer zukünftigen Philosophie“. „Fundamentalster und charakteristischster Zug“ des Alltagsverstandes ist „inkonsequente Konzeption [...], analog der sozialen und kulturellen Position der Massen, deren Philosophie er ist.“ Man könnte also sagen, dass sich der Alltagsverstand aus zufälligen Versatzstücken des Gemeinsinns ergibt und diesen gleichzeitig prägt, in dem er auf ihn ebenso absichtslos zurückwirkt.
Im Gegensatz zu all dem führt der gesunde Menschenverstand einen reflektierenden Denkprozess aus, der sich aber wiederum am Common Sense orientiert, außerdem beinhaltet der gesunde Menschenverstand die subjektiven und willkürlichen Weltanschauungen, die Gramsci beschreibt. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal ist der bewusste, wenn auch nie endgültige Einsatz der Vernunft.
Eine andere Art der Entscheidungsfindung ist „aus dem Bauch heraus“ (siehe Intuition). Zum Unterschied zwischen gesundem Menschenverstand und Mehrheitsmeinung siehe etwa auch Gesundes Volksempfinden.
Aufgrund der Definitions-Schwierigkeit wird der common sense mit Vorliebe als Gegenargument benutzt, wenn eine Person meint, dass etwas definitiv dem gesundem Menschenverstand widerspreche.
Als Bestandteil der öffentlichen Meinung ist der common sense nicht statisch, sondern wandelt sich. Beispiele für common sense in der Bundesrepublik Anfang des 21. Jahrhunderts:
- „Alle sollten Zugang zur Gesundheitsversorgung haben.“
- „Gesetze gelten für alle.“
- „Frieden ist dem Krieg vorzuziehen.“
In manchen deutschen Texten der
Politikwissenschaft ist
Common Sense eher im Sinne von „Gemeinsinn“ als „Gesunder Menschenverstand“ zu verstehen.
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Wirtschaftswissenschaft
Justiz und Verwaltung
In den englischsprachigen Ländern, vor allem in den
USA, wirkt das Prinzip des
common sense in der Gesellschaft und vor allem auch der Justiz, wo die Geschworenen meist Einwohner des Gerichtsstandortes sind. Das Verfahren ist heftig umstritten: Während die Gegner eines solchen Geschworenensystems kritisieren, dass das Gericht mit mangelndem juristischen Sachverstand entscheidet und nur der Befriedigung eines subjektiven und kollektiven
Gerechtigkeitsgefühls dient, führen Befürworter des Geschworenensystems an, die Bürger könnten so direkt an Entscheidungen einer
Staatsgewalt teilhaben, wo sonst nicht mehr nachvollziehbar
Betriebsblindheit vorliege.
Der Nationalsozialismus baute in juristischer Hinsicht auf einem kollektiven Gerechtigkeitsgefühl auf, den seine Anhänger als „Gesundes Volksempfinden“ bezeichneten.
Beispiele, die dem gesunden Menschenverstand in der Justiz widersprechen, ergeben sich aus dem Justizspiegel mit fortgesetzten Kolumnen in der Zeitschrift für die Anwaltspraxis (ZAP) Münster von Dr. Egon Schneider, ISBN 3-927935-11-5
Zitate
Verweise
Interne Verweise
Weblinks
Einzelnachweise