Gyroskopischer Effekt bei Zweirädern
Zweiräder werden ab einer Geschwindigkeit von etwa 10–15 km/h nicht mehr überwiegend durch die Lenkbewegungen des Fahrers in der Spur gehalten, sondern durch einen physikalischen Effekt bei der Kreisbewegung, wie er auch bei Kreiseln auftritt: Bei ausreichender Drehgeschwindigkeit behält die Achse der Drehbewegung ihre einmal eingenommene Lage bei, solange keine Kräfte auf diese Achse ausgeübt werden, die in eine andere Richtung verlaufen als die Achse selbst.
Verblüffend ist die Reaktion von Kreiseln und Rädern, wenn eine solche 'störende Kraft' auftritt. Das Phänomen kann man am besten mit dem ausmontierten Vorderrad eines Fahrrades demonstrieren: Nachdem das Rad – in senkrechter Ausrichtung gehalten – mit den beiden Daumen in eine schnelle Drehbewegung versetzt wurde, reagiert es auf Drehungen der Achse in folgender Weise: Wird das Rad aus der Senkrechten gekippt, vollführt die Achse eine schwer zu unterdrückende Bewegung in der horizontalen, das Rad dreht sich um seinen senkrechten Durchmesser zu der Seite, zur der es gekippt wurde. Gleiches vollzieht sich bei einer Drehung um den senkrechten Durchmesser, das Rad neigt sich aus der Senkrechten in die entgegengesetzte Richtung. Verallgemeinert: Jede Kraft, die senkrecht auf die Achse wirkt, erzeugt eine Kraft, deren Vektor sowohl senkrecht auf der Achse als auch senkrecht auf dem Vektor der auslösenden Kraft steht – siehe Präzession.
Anschaulich ist die Auswirkung dieses Effekts am besten an einer über den Tisch gerollten Münze oder durch einen über eine waagrechte Fläche gerollten Autoreifen zu demonstrieren. Wird der rollende Kreisel einigermaßen senkrecht in Bewegung gebracht, rollt er zunächst geradeaus. Mit abnehmender Geschwindigkeit werden aber die Störkräfte, die nicht senkrecht verlaufen, relativ so groß, dass der rollende Kreisel kippt. Aufgrund des oben beschriebenen Phänomens führt er aber gleichzeitig eine „selbsttätige Lenkbewegung“ in genau die Richtung aus, in die er vorher gekippt ist. Dadurch ist er in der Lage, sich selbst „auszusteuern“, erst allmählich beginnt er zu taumeln, bis die Taumelbewegung aufschwingt und er seitlich umkippt.
Dieser Effekt hat zur Folge, dass man mit einem Zweirad freihändig fahren kann. Durch Abknicken in der Hüfte wird das Rad aktiv leicht zur Seite gekippt. Der Gyroskopische Effekt wandelt diese Kippbewegung am Vorderrad in eine Drehung um das Lenkrohr um. Auf diese Weise kann das Zweirad aufrecht gehalten werden, ohne dass mit den Händen gelenkt werden muss. Im Prinzip erzeugt auch ein rein passives Kippen ein Drehmoment auf das Vorderrad in der richtigen Richtung, ähnlich wie bei der rollenden Münze. Jedoch ist das Gewicht des Vorderrads zu klein im Vergleich zum Gesamtgewicht des Fahrzeugs und die typischen Störungen zu groß, um sich allein auf diese Weise aufrecht zu halten.
Zur Gesamtheit der technischen Voraussetzungen für eine möglichst exakte Lenkung sowohl in Kurven als auch auf Geraden: siehe Fahrradfahren und Motorradfahren.
Weitere gyroskopische Effekte
Gyroskopische Effekte werden vor allem bei fliegenden Körpern genutzt. Folgende Beispiele veranschaulichen dies:
- Sehr alt ist die Technik des Dralls bei Geschossen (Gewehr, Handfeuerwaffe). Dabei wird durch eine spiralförmige Gravur des Laufes das Geschoss in eine Drehbewegung versetzt, die zu einer wesentlichen Stabilisierung der Flugbahn beiträgt. Als Nebenwirkung muss hier allerdings eine Abweichung der Geschossbahn in der Horizontalen in Kauf genommen werden, die durch Zusammenwirken von Erdanziehungskraft, Luftwiderstandskraft, Trägheitskraft und Präzession entsteht. Andererseits wird auch hier eine höhere Reichweite aufgrund der Selbststeuerung erreicht, ein Überschlagen des Projektils wird verhindert, der Luftwiderstand optimiert.
- In der Leichtathletik wird der Effekt beispielsweise beim Diskuswurf genutzt. Hier kommt es allerdings in erster Linie auf die stabilisierende Funktion der Drehbewegung an. Die Rückführung in die Ausgangslage der Drehachse findet zwar auch bei einem Diskus statt, allerdings erhöht die dadurch kurzzeitig (oder dauerhaft) auftretende Taumelbewegung den Luftwiderstand und mindert damit die Wurfweite.
- In den Ballsportarten wird Drall (als Schnitt, Spin oder ähnliches) in erster Linie zur Stabilisierung genutzt. Daneben ergeben sich Effekte krummer Flugbahnen (etwa beim Golf und Tennis) und Richtungs- und Tempowechsel beim Aufkommen (Tischtennis). Allerdings bringt in manchen Ballsportarten auch der bewußte Verzicht auf die Rotation und damit den gyroskopischen Effekt Vorteile: Durch geschickte Ballbehandlung kann die Taumelbewegung zur Täuschung des Gegners genutzt werden (Volleyball, Fußball). Besondere Rolle spielt das auch im American Football bzw. Rugby.
- Auch zahlreiche Sportarten beruhen auf kreiseldynamischen Effekten des Sportlers selbst, z. B. beim Turnen am Reck, bei verschiedensten Arten der Leichtathletik, beim Eiskunstlauf, Tanz, beim Freestyle-Skiing oder einigen Kampfsportarten
- Im Weltraum konnte Anfang 2000 ein Space-Mission verlängert werden, da festgestellt wurde, dass, wenn ein Astronaut ein Fitnessrad verwendete, die Stabilisierung der Raumfähre übernommen wurde und Treibstoff gespart werden konnte
['Radeln spart Sprit im All' - Artikel ]
Siehe auch: Gyroskop (Raumflugtechnik),
Kreiselinstrument
Quellen