Ich-Erleben
Das Ich erlebt der Mensch als das eigene Sein in den Ausdrucksformen von Denken, Fühlen und Handeln und betrachtet sich insofern auch meist als den Urheber derselben. Das Ich wird daher als Persönlichkeitsmittelpunkt empfunden, der die Struktur der Person maßgeblich bestimmt. In diesem Sinne wird es aufgefasst als real seiender Quell oder Wesenskern von Eigen- oder Selbstschöpfung.
Das Ich-Erleben beinhaltet die Empfindung des Menschen als eigenständige Ganzheit, als Unteilbares = Individualität. Damit betrachtet sich der Mensch als selbstkompetent, als mündiges Wesen, dem damit das Recht auf Selbstbestimmung grundsätzlich zusteht.
Somit bildet dieses Ich-Erleben einerseits die Grundlage für die Anerkennung der Menschenwürde und die der Gestaltung der Menschenrechte, andererseits besteht durch das Ich-Erleben die Gefahr einer Egozentrik aus der heraus die eigenen Grenzen und die Grenzen des Anderen nicht mehr wahrgenommen werden und es so zu Grenzüberschreitungen und übertriebenen Raumausweitungen kommt, welche meist Leiderfahrungen, Konflikte zwischen Einzelnen als auch von Interessensgruppen gegeneinander, nach sich ziehen.
Im Tiefschlaf ist dagegen kein Ich-Erleben möglich - und damit stellt sich auch die ungewisse Frage, in wieweit es nach dem Tod ein Ich-Erleben geben kann - bzw. die weitere: ob Ich gleich Ich-Erleben ist bzw. ob es verschiedene Formen von Ich-Erleben gibt. Im Ich-Erleben ist auch das Erleben des Ich-Zweifels zugegen: bin ich der, für den ich mich halte - oder habe ich nur ein Ich-Bild von mir (meinem Ich) - bzw. bin Ich nur Vorstellung, gibt es das Ich evtl. überhaupt nicht als reales Sein?
Wie also einerseits das Ich als das Übergreifende, Zusammenhangschaffende, Integrierende erlebt wird, so scheint es andererseits auch diese Zweifel, diese Spaltung von sich selbst zu produzieren. Und aufgrund dieses erlebten Zwiespaltes kommt es zu den entsprechend unterschiedlichen Auffassungen über das Ich...
Das Ich in Wissenschaft und Psychologie
Die Kategorie des Ich findet besondere Berücksichtigung im philosophischen System Johann Gottlieb Fichtes, mit zumindest wissenschaftlichem Anspruch angegangen wurde es erstmals in der Psychoanalyses Sigmund Freud.
Das Ich in der Psychoanalyse Freuds
Sigmund Freud war der erste, der sich mit dem Ich psychologisch ausführlich befasste. Seiner Meinung nach ist die menschliche Psyche in drei Teile geteilt (Drei-Instanzen-Modell):
- Das Es, der vegetative Teil der Psyche, der meist im Unbewussten verbleibt und die grundlegenden Instinktee und Trieb des Menschen umfasst.
- Das Über-Ich, das die Funktion des Gewissens einnimmt und das Ich leitet Ideal-Ich. Es wird von Freud als das Überbleibsel der elterlichen Autorität in der Kindheit angesehen.
- Das Ich, mit dem Freud das bewusst Erfahrene bezeichnet. Dieses Ich wird sowohl vom Über-Ich als auch vom Es beeinflusst und vermittelt zwischen diesen beiden Instanzen.
Das Selbst in anderen Bereichen der Psychologie
Die Erforschung des
Selbst ist ein wichtiger Bestandteil der modernen Psychologie. Spezielle Forschungsbereiche umfassen z. B. die Bedeutung des
Selbstwertes, der
Selbstsicherheit, der
Selbstkontrolle oder der
Selbstwirksamkeitserwartung.
Das Ich im Symbolischen Interaktionismus
Einen großen Stellenwert nahm das Ich in der in den USA entwickelten
mikrosoziologischen Theorie des
Symbolischen Interaktionismus ein. Diese Theorie ging von der philosophischen Richtung des
Pragmatismus aus, die den Menschen als ein aktives Wesen bezeichnet, das sich seine Welt mittels Interaktion mit ihr selbst
konstruiere. Mit anderen Worten: Ohne das Individuum existiere die Welt nicht.
Im Symbolischen Interaktionismus sind die Theorien von Charles Cooley, George Herbert Mead und Erving Goffman richtungsweisend.
Charles Cooley war der erste, der sich mit dem Ich im Rahmen dieser Theorie beschäftigte. Für ihn entsteht das Selbst bzw. das Ich einzig und allein in der Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt. Sein Modell wird auch Spiegel-Ich genannt, da sich das Individuum seiner Theorie zufolge nach der Weise definiert, wie es von anderen Menschen wahrgenommen wird.
George Herbert Mead ging von einer ähnlichen Theorie aus, nach ihm gibt es jedoch zwei Dimensionen des Ich, das I und das ME. Das ME entspricht in etwa dem Spiegel-Ich Cooleys, es besteht aus der Reflexion mit dem Umweg über die Gesellschaft in Form von Normen und Regeln. Das I jedoch ist eine autonome, unvorhersehbare, individuelle Dimension des Ich. Hier befindet sich laut Mead die menschliche Kreativität. I und ME befinden sich in einer permanenten Interaktion untereinander.
Erving Goffman sieht das Ich dagegen in seinem sogenannten Dramaturgischen Modell als eine Art Schauspieler an, das in verschiedenen Situationen verschiedene Formen annimmt. Laut Goffmann ist es unmöglich, das Ich einer Person wirklich zu definieren, da dieses Ich auch in der Selbstreflexion verschiedene Rollen annehmen kann.
Physikalische Theorien über das Ich
Derzeit steht die Physik noch mit der Frage, ob und wie es ein Ich im Menschen auch physikalisch gibt, vor einem großen Rätsel. Es gibt zwar mehrere Theorien, von denen aber der Großteil als reine Spekulationen eingestuft werden müssen. Es gibt sogar Wissenschaftler, die behaupten, das menschliche Gehirn sei nicht fähig, sich selbst zu erkennen, also zu definieren, was das Ich ist.
Neurobiologische Aspekte
Früher dachte man, das Ich sei auf ein bestimmtes
Hirnareal beschränkt. Als heute einigermaßen anerkannte Theorie kann man dagegen die Theorie des Bindungprinzips ansehen. Diese Theorie geht davon aus, dass sich das Ich auf das gesamte Gehirn (eventuell auch auf das gesamte
Nervensystem) ausdehnt, wobei die
Nervenzellen über einen noch nicht verstandenen Mechanismus miteinander interagieren und sich so als Ganzheit vereinigen (die dann mehr als die Summe ihrer Teile ist).
Das Selbst im spirituellen Bereich
Das Transzendieren, die bewusste Klärung von Ich (
Ego) und Selbst, ist das Hauptthema und Ziel im
Hinduismus und im
Buddhismus. Der Schüler (Tschela) eines geistigen Weges im Hinduismus (
Yoga) erkennt, dass sein Ich sich im „inneren Selbst“ (dem
Atman) auflöst und damit die Einheit mit dem Göttlichen (
Brahman) als Selbsterkenntnis stattfindet.
Im Buddhismus hingegen wird die Existenz einer Seele und von etwas Göttlichem abgestritten, alle Phänomene sind letztendlich Leerheit und der Weg ist lediglich ein Erwachen zur Erkenntnis der Realität.
Dieses Erlebnis wird Samadhi genannt, im japanischen Buddhismus Satori. Alle Yogapraxis (Jnana-Yoga, Raja-Yoga) dient nur dazu, diese Täuschung einer eigenen separierten Existenz des Ichs (Egos) zu überwinden. Es gibt in der Erfahrung des eigenen Selbst das Licht-Erlebnis des Einen ohne ein Zweites (Erleuchtungserlebnis).
Das Ich (Ego) gibt seine Täuschungs-Existenz auf und wird eins mit dem Ganzen (mit dem spirituellen Licht des ewigen Lebens).
Tatsächlich „wird“ es nicht eins: Da das Ich (Ego) tatsächlich nie existiert hat, wird diese Einheit nach dem Loslassen von der Täuschung eines „Ichs“ als allumfassende Glückseligkeit im ewigen Licht erlebt.
Im ursprünglichen (Theravada) Buddhismus existiert dieses spontane Erleuchtungserlebnis zwar auch, wird aber letztlich als Täuschung bzw. ohne bleibenden Wert begriffen. Das „kleine Tor“ (Lankavatara Sutra) des Erleuchtungserlebnisses ist dort lediglich ein erster Kontakt mit dem durch Übung zu beschreitenden Weg, und kein erstrebenswerter Zustand.
Entsprechende Licht-Erlebnisse haben Eingang in die religiöse Literatur aller Kulturen gefunden, obwohl sie nicht überall als zentrales Gotteserlebnis begriffen werden. Diese Selbsterfahrung wird auch in der Bibel bei Johannes beschrieben: 'Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis.' Weiter wird Jesus ein Satz in den Mund gelegt, womit er sich selbst, aber auch das Prinzip der Selbst-Erkenntnis meinte: 'Das Licht leuchtet in der Finsternis (Ego), und die Finsternis hat es nicht begriffen'.
Auch der Satz über dem Eingang zum Orakel von Delphi Erkenne dich selbst!, als Imperativ auch als Leitsatz dem Sokrates zugeschrieben, handelt von der Transzendenz des Egos hin zum göttlichen Selbst (Licht).
Im christlichen Bereich ist besonders der Mystiker Joel S. Goldsmith (†1964) zu erwähnen, der die philosophischen Grundlagen für das Loslassen des menschlichen Ichs (Egos) hin zum göttlichen Selbst in seinen Büchern beschreibt:
- Das mystische Ich
- Der Donner der Stille
- The infinite way
In der Psychologie der
Sufis (
islamische Mystiker) existieren sieben verschiedene Stufen des Selbst (
arabisch:
nafs), die unterste ist
an-nafs al-ammara, das
niedere Selbst, die höchste
an-nafs al-safiya, das
reine Ich. Dazwischen liegen die Stationen der Gottessuchenden auf dem Weg zur
göttlichen Einheit (
tauhid).
Werke mit dem Titel „Ich“

„Ich“-Denkmal
„Ich“ war der geplante Titel von Max Stirners Hauptwerk, das 1844 als Der Einzige und sein Eigentum veröffentlicht wurde. Geblieben ist „Ich“ darin als Titel der Zweiten Abteilung, die den größeren Teil des Buches ausmacht und Stirners Ruf als „Philosoph des Ich“ begründet hat.
ICH
Wie wir uns selbst erfinden
2. Februar 2006, Campus Verlag GmbH,
Autoren: Werner Siefer, Christian Weber,
[1]
weblink: ich-das-buch.de
ICH
von der Geburt des Zukunftssinnes
Ich-Sinn und Potenzialwahrnehmung
Natur-, Selbst- und Fremdschöpfung
Autor: Jürgen Elsen
kostenloses e-book creativ commons lizenz
[1]
weblink: ich-buch.de
„Ich“ ist der Titel des 34. Bandes von Karl Mays gesammelten Werken, erschienen im Karl May Verlag. Der Band enthält zum Teil von fremder Hand bearbeitete autobiographische Schriften, u. a. die 1910 erschienene Autobiographie Mein Leben und Streben.
„Ich Ich Ich“ ist ein Roman von Robert Gernhardt (1937-2006), der 2003 bei S. Fischer erschien.
„Ich“ ist ein Roman von Wolfgang Hilbig, der 1993 erschien und autobiografische Züge hat.
Am südlichen Mainufer in Frankfurt steht das Ich-Denkmal, das von Hans Traxler entworfen und am 24. März 2005 eingeweiht wurde. Auf einer Tafel hat Traxler seine Idee illustriert, dass den Denkmalsockel jeder benutzen kann, um sich darauf fotografieren zu lassen, und als Kommentar hinzugefügt: Jeder Mensch ist einzigartig. Das gilt natürlich auch für alle Tiere..
„Das Ich“ ist eine deutschsprachige Musikgruppe.
„Ich“ als Wort
Als Wort spielt „Ich“ in der Kommunikation eine spezielle Rolle, wo es in Beziehung zu einem „
Du“ tritt oder „etwas“ über eine Sache oder 3. Person mitteilt. Für Psychologie oder Soziologie und in Gesprächen ist es interessant, ob und wann das „Ich“ umschrieben wird (etwa durch „man“ oder „
wir“), und wieweit dies mit Unsicherheit und Selbstwertgefühl zu tun hat. Einige Sprecher verwenden so anstelle von dem
Personalpronomen 'ich' das
Indefinitpronomen 'man', um die eigene Situation zu verallgemeinern, zum Beispiel bei regelmäßigen Abläufen. 'Man steht spät auf, isst Mittag und ist immer noch müde.' Siehe auch
Grammatik,
Singular.
Zitat
Das
Leib-Seele-Problem ist eine philosophische Fragestellung, die sich mit der Konzeption des
Ichs auseinandersetzt: Bin
ich nur mein
Körper als
Biomaschine, oder besitze ich eine
Seele, die eventuell sogar unabhängig von der materiellen Substanz von
mir existiert. Auch die
Neurologie und die
Hirnforschung vermögen diese Frage noch nicht abschließend zu beantworten, und so bleibt die Fragestellung weiterhin eine Domäne der
Metaphysik und der
Religion. Siehe auch bei
Immanuel Kant:
- Ich, als denkend, bin ein Gegenstand des innern Sinnes und heiße Seele. Dasjenige, was ein Gegenstand äußerer Sinne ist, heißt Körper. - Immanuel Kant (Kritik der reinen Vernunft, B 400)
Siehe auch
- Autismus, autonom, Egoismus, Freier Wille, Ich-Botschaft, Philosophie, Selbstbewusstsein, Subjekt (Philosophie), Lyrisches Ich, Ich-AG, Spiegelstadium
Weblinks
-- 15:19, 3. Dez. 2007 (CET)