Zur Entstehung des Werkes
Die Kritik der reinen Vernunft stellt einen grundlegenden Wendepunkt in der Philosophie Immanuel Kants dar. In seinen frühen Jahren war er, geprägt durch seine Lehrer an der Universität, Rationalist. In dieser Zeit beschäftigte er sich stark mit naturwissenschaftslichen Fragen und der Physik Isaac Newton.[Vgl. zum folgenden Abschnitt die verschiedenen Biographien zu Kant, die im Literaturverzeichnis des Hauptartikels angegeben sind.] Sein frühes Hauptwerk ist die „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“, in der er eine auch von Astronomen anerkannte Theorie über die Entstehung des Planetensystems und des Kosmos entwickelte, die über hundert Jahre als die Kant-Laplace-Theorie Aktualität hatte. Je mehr sich Kant auch mit metaphysischen Themen befasste, umso mehr sind wachsende Zweifel an der Position des Rationalismus erkennbar. Sein Interesse galt weniger der Entwicklung eines Systems, sondern vor allem der Aufklärung, weshalb man in „der Metaphysik durchaus analytisch verfahren müsse, denn ihr Geschäfte ist in der That, verworrene Erkenntnisse aufzulösen.“ (II, 289)[Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral; Zitate aus dem Werk Kants erfolgen nach der Akademie Ausgabe, wobei die römischen Ziffern den Band und die nachfolgenden arabischen Ziffern die Seitenzahl bezeichnen. ] Während Kant bis zu seiner Dissertation für die Professur (Von der Form der Sinnen- und Verstandeswelt und ihren Gründen, 1770, original in Latein) regelmäßig eine große Anzahl von Schriften veröffentlicht hatte, unterbrach er bis auf wenige Ausnahmen seine schriftstellerische Tätigkeit für einen Zeitraum von zehn Jahren.
Zunächst wollte Kant nur seine Dissertation für eine Veröffentlichung überarbeiten. In seinen Briefen dieser Zeit äußerte er mehrfach die Ansicht, dass sein Werk bald fertig gestellt sein werde. Doch je tiefer er sich mit den erkenntnistheoretischen Fragen befasste, umso mehr musste er seine vorhergehenden Positionen überarbeiten und umso mehr verzögerte sich die Veröffentlichung. Anlass hierfür war wohl die skeptische Position Humes, dessen Lektüre „zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach und meinen Untersuchungen im Felde der speculativen Philosophie eine ganz andere Richtung gab.“ (Prol. IV, 260)
Am Ende dieser Neuorientierung konnte Kant das Buch „innerhalb etwa 4 bis 5 Monaten, gleichsam im Fluge“ niederschreiben.[Vgl. Otfried Höffe: Immanuel Kant. 6. Aufl. Beck, München 2004, ISBN 3-406-45977-3, 35] Doch nach seiner Veröffentlichung war die Reaktion auf das Buch zunächst sehr verhalten. Moses Mendelssohn bezeichnete es als „Nervensaft verzehrendes Werk“. Allgemein wurde die Schrift als dunkel und unverständlich eingestuft. Kant, der sehr enttäuscht war, schrieb darauf die „[[Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können|Prolegomena [Vorbemerkungen] zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können]]“ (1783), in der er seine neue philosophische Position statt nach „synthetischer Lehrart“ in „analytischer Methode“ darstellte. Allmählich nahm die Rezeption zu und mit Erscheinen der zweiten, stark überarbeiteten Auflage der Kritik der reinen Vernunft im Jahre 1787 wurde Kant zum führenden und meistdiskutierten Philosophen seiner Zeit, der auch bald im Ausland Aufmerksamkeit erzielte.
Das Werk wurde 1827 von der katholischen Kirche auf den Index gesetzt.
Unterfangen der Kritik
Kant hielt seine Vorlesungen zur Metaphysik nach dem Lehrbuch von Alexander Gottlieb Baumgarten (Metaphysica, Halle 1739), einem Schüler der rationalistischen Schule von Christian Wolff- Zurückgehend auf Descartes, Spinoza und Leibniz vertraten die Rationalisten die Auffassung, dass alle Erkenntnis Vernunfterkenntnis ist. Sinnliche Erfahrung ist dunkel und wird erst durch die Vernunft geordnet und erhellt. Was Wirklichkeit und Wahrheit ist, kann man erst durch die Vernunft erkennen.
Die Grundthese des Empirismus, wie sie in der Tradition von Bacon und Hobbes vor allem von John Locke vertreten wurde, besagt hingegen, dass alle Erkenntnis von der sinnlichen Erfahrung ausgeht. Das menschliche Denken ist durch die Sinnesdaten bestimmt und auch alle Reflexion, alle Ideen und Begriffe beruhen auf Erfahrung.
Kant suchte diesen unversöhnlich erscheinenden Konflikt zu lösen. Hierzu kritisierte er zunächst die beiden gegensätzlichen Grundpositionen. Dem Rationalismus hielt er entgegen, dass die Sinne eine eigenständige Erkenntnisquelle seien. Sie lieferten das Material, ohne das eine Erkenntnis überhaupt nicht möglich wäre. Andererseits hielt er den Empiristen vor, dass auch der Empirismus bereits eine Theorie sei, die sich so nicht in den Sinnen finden lässt. Kant erschien es daher notwendig, dass Erkenntnis erst entsteht, wenn Sinnesdaten im menschlichen Verstand verarbeitet werden. Erst die Einheit aus Sinnen und Verstand sei Erkenntnis. Diese Grundeinsicht hat Kant plakativ formuliert:
- „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ (B 75)
Dabei ist es nach Kant zuerst der Verstand, der die Erscheinungen für sich formt und konstruiert. Eine von Vertretern des
Konstruktivismus vertretene Formulierung. Dazu wählt er die für seine Handlungs- oder Denkschemata geeigneten oder notwendigen Reize aus. Bezogen auf den Verstand formuliert Kant:
alle seine Vorstellungen und Begriffe sind bloss seine Geschöpfe, der Mensch denkt mit seinem Verstand ursprünglich, und er schafft sich also seine Welt. (Immanuel Kant: Werke. Bd. VII, S. 71)
So ist auch die Organisation und der Zusammenhang, wie die Natur, nicht vorgegeben, sondern davon abhängig, wie wir sie für uns erleben:
- Die Ordnung und Regelmäßigkeit an den Erscheinungen, die wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein, und würden sie auch nicht darin finden können, hätten wir sie nicht, oder die Natur unseres Gemüts ursprünglich hineingelegt. (Immanuel Kant (1781): Kritik d.r.V., Werke, A, Bd.IV, S.125)
Kants KrV widmet sich der
Logik,
Metaphysik,
Erkenntnistheorie und
Ontologie. Die Ergebnisse aus der KrV werden zur Grundlage von Kants
Ethik, in der
Ästhetik, aber auch in der Geschichts- und Religionsphilosophie.
Zum Inhalt des Buches
Bedeutung des Titels „Kritik der reinen Vernunft“
- „Kritik“ ist nicht als Beanstandung, Tadelung oder Herabwürdigung zu verstehen, sondern als Analyse, Sichtung und Überprüfung (zur näheren Erläuterung des Kritik-Begriffs siehe Kritizismus) im weitesten Sinne. Vor allem bezeichnet die 'Kritk' eine Grenzziehung zwischen dem Wissbaren und dem Unwissbaren.
- Der Genitiv „der“ kann als genitivus objectivus wie als genitivus subjectivus verstanden werden. Kant versteht seine Untersuchung in der Tat als eine Kritik an der und durch die reine Vernunft. Als oberstes Erkenntnisvermögen kann sich die Vernunft einer Selbstkritik unterziehen. Die reine Vernunft kann sich selbst zum Gegenstand machen. Kant spricht vom „Gerichtshof der Vernunft“ (B779), vor dem die Vernunft Richter und Angeklagter zugleich ist.
- Die „reine“ Vernunft umfasst nach Kant die Erkenntnisfähigkeit des menschlichen Denkens, ohne auf schon vorhandene Erfahrung zurückgreifen zu müssen. Rein ist das Vernunftvermögen, wenn es vor und unabhängig aller Erfahrung ist. Für die reine Vernunft gibt es außer den Gesetzen der Logik keine Beschränkung. Die Gesetze der Logik aber garantieren nur logische, nicht aber inhaltliche Widerspruchsfreiheit.
- Der Erkenntnisapparat des Subjektes im Sinne der „Kritik der reinen Vernunft“ umfasst
- die Sinnlichkeit als das Vermögen der Anschauung,
- den Verstand als das Vermögen, Anschauungen unter (einfache) Begriffe zu bringen, sowie
- die Vernunft im Allgemeinen als das Vermögen, die Verstandeserkenntnis zu ordnen, als das Vermögen nach Prinzipien.
In der heutigen Diskussion um die KrV werden vor allem Kants Ergebnisse zu Sinnlichkeit und Verstand eingehender Betrachtung unterzogen.
Damit bedeutet der Buchtitel: Überprüfung der Möglichkeiten der Erkenntnisfindung ohne Verwendung der Erfahrung und Beschränkung der Erkenntnis auf das ihr Zugängliche. Oder wie Kant es ausdrückt: „Was sind die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis?“
Aufgabe der Transzendentalphilosophie
Kant hat zu beiden Auflagen der KrV jeweils eine ausführliche Vorrede geschrieben, in denen er die Aufgabe seines neuen philosophischen Konzeptes erläuterte.
Vorrede zur 1. Auflage
Gleich im ersten Satz der Vorrede beschrieb Kant seine philosophische Problemstellung:
- „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“ (A VII)
In dem naturgegebenen Bemühen, seine Wirklichkeit zu erklären, muss der Mensch sich auch mit Fragen befassen, die sein Erkenntnisvermögen übersteigen. Aufgabe der Philosophie ist es, zu zeigen wo die Grenze der Erkennbarkeit liegt. Dabei entsteht eine Vielzahl von Meinungen, die sich im Konflikt gegenüberstehen und den Blick auf die Wirklichkeit sogar verdunkeln können. „Der Kampfplatz dieser endlosen Streitigkeiten heißt nun Metaphysik.“ (A VIII)
Der Kampf findet für Kant zwischen Dogmatismus (Rationalismus) und Skeptizismus (Empirismus) statt. Zwar hat die psychologische Analyse des Verstandes von Locke einen Weg eröffnet, doch ist die Diskussion darüber hinweggegangen. Stattdessen haben die Aporien zu einer Gleichgültigkeit gegenüber der Metaphysik geführt (Vgl. A X). Kant bezeichnet die KrV nun als einen Gerichtshof, vor dem die Vernunft sowohl Kläger als auch Angeklagter, vor allem aber auch Richter sein soll. Diese juridische Sicht spielt in der Entwicklung der Argumente im Verlaufe der KrV immer wieder eine wesentliche Rolle.
Kant behauptete stolz, dass er den Schlüssel zur Lösung metaphysischer Fragen gefunden habe. In der Tat beantwortet die Kritik der reinen Vernunft alle 'wesentlichen Fragen', insbesondere die vier Antinomien beschäftigen sich mit den Kernfragen einer jeden Metaphysik vor Kant. Diese sind, der Reihe nach geordnet:
1. Hat die Welt einen kausalen Anfang?
2. Besteht die Welt aus singulären Substanzen oder einer einheitlichen Substanz?
3. Ist der Mensch frei?
4. Gibt es ein notwendiges Wesen?
Vorrede zur 2. Auflage
War die Vorrede zur ersten Auflage noch die stolze Präsentation des gelungenen Ergebnisses von 10 Jahren Arbeit, so ist die neue Vorrede der zweiten Auflage vielmehr darauf ausgerichtet, den Leser auf das Werk einzustimmen und auch einigen Kritiken, die mittlerweile bekannt waren, zu begegnen. Entsprechend ging Kant wesentlich breiter auf die Inhalte und Ideen der KrV ein.
Solange Erkenntnistheorie („die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäfte gehören“ (B V II)) noch nicht zu eindeutigen Lösungen kommt, über die Konsens besteht, ist sie „bloßes Herumtappen“ und keine Wissenschaft. Die Logik hingegen scheint seit Aristoteles in einem fertigen Zustand zu sein. (Kant konnte nichts von den Erweiterungen der formalen Logik, die sich seit dem 19. Jahrhundert entwickelte, wissen. Obgleich die KrV zu diesen Entwicklungen wesentlich beitrug). Auch die Mathematik und seit Beginn der Neuzeit die Physik, vor allem durch Newton, haben den Stand einer strengen Wissenschaft erreicht. Geschehen ist dies durch einen Wandel der Denkungsart.
Vor allem Kants Auffassung, dass mathematische Urteile (und manche Urteile der Physik) als synthetisch a priori gelten, sticht hervor. So entstehen Gesetze der Geometrie wie der Satz des Thales nicht dadurch, dass sie gefunden oder logisch deduziert werden, sondern dadurch, dass sie in einer reinen Anschauung konstruiert werden.
Die kopernikanische Wende, die in der KrV stattfindet, beschreibt Kant selbst so:
- „Sie begriffen, dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurf hervorbringt, dass sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf.“ (B X III)
Der Mensch geht mit seinem Erkenntniswerkezeug an die Gegenstände heran, und zwingt sie, in Experimenten auf seine Fragen zu antworten. Die Forderung der Wissenschaftlichkeit von Erkenntnis, die Kant damit erhebt, wird insbesondere im
Positivismus starkgemacht. Solche systematische Erkenntnis gab es in der Metaphysik bisher nicht.
- „Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, über sie etwas a priori auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zu nichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas feststellen soll.“ (B XVI)
Analog zur Veränderung der Denkrichtung bei Kopernikus (Kant sprach selber nie von einer „Kopernikanischen Wende“, sondern benutzte nur die Analogie zur Verdeutlichung) soll man davon ausgehen, dass sich die Anschauungen nicht nach den Gegenständen richten, sondern dass die Gegenstände, wie sie erscheinen, sich nach der Beschaffenheit des Anschauungsvermögens richten. Erfahrung basiert sowohl auf Anschauung (Sinnlichkeit) als auch auf Verstand. Metaphysik kann sich nun zum einen auf Erkenntnis aus Erfahrungen richten. Die dabei zugrunde liegenden Begriffe entstammen a priori aus dem Verstand. Für die Notwendigkeit und Allgemeinheit dieser Begriffe ist die Erfahrung ein „herrlicher Probierstein“ (B XVIII). Zum anderen aber geht die Vernunft über die Erfahrung hinaus.
- „Denn das, was uns notwendig über die Grenze der Erfahrung und aller Erscheinungen hinaus zu gehen treibt, ist das Unbedingte, welches die Vernunft in den Dingen an sich selbst notwendig und mit allem Recht zu allem Bedingten, und daher die Reihe der Bedingungen als vollendet verlangt.“ (BXX)
Bezieht man nun das Unbedingte auf Erfahrungen, entsteht ein Widerspruch, wenn man meint, die Dinge an sich unmittelbar erkennen zu können. Das Unbedingte ist mit den Mitteln der Erfahrung nicht fassbar. Nimmt man hingegen an, dass die Welt nur als Erscheinung entsprechend der Art und Weise des menschlichen Erkenntnisvermögens erkennbar ist, so fällt der Widerspruch weg.
- „In jenem Versuch, das bisherige Verfahren der Metaphysik umzuändern und dadurch, dass wir nach dem Beispiel der Geometer und Naturforscher eine gänzliche Revolution mit derselben vornehmen, besteht nun das Geschäft der Kritik der reinen spekulativen Vernunft. Sie ist ein Traktat von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst: aber sie verzeichnet gleichwohl den ganzen Umriss derselben, sowohl in Ansehung ihrer Grenzen, als auch den ganzen Gliederbau derselben.“ (B XXII)
Dass die reine Vernunft neben der Anschauung konstitutiv für die Erkenntnis seien, ist eine Hypothese, die es nachzuweisen gilt. Die KrV behandelt die Methode hierzu. Im Vergleich zu spekulativen Methoden ist der Anspruch gering, denn es wird dabei nicht über die Erfahrung hinausgegangen. Der Nutzen der kritischen Philosophie liegt also nur in einer negativen Bestimmung dessen, was jenseits der Erfahrung liegt.
- „Dass Raum und Zeit nur Formen der sinnlichen Anschauung, also nur Bedingungen der Existenz der Dinge als Erscheinungen sind, dass wir ferner keine Verstandesbegriffe, mithin auch gar keine Elemente zur Erkenntnis der Dinge haben, als so fern // diesen Begriffen korrespondierende Anschauung gegeben werden kann, folglich wir von keinem Gegenstand als Ding an sich selbst, sondern nur so fern es Objekt der sinnlichen Anschauung ist, d.i. als Erscheinung, Erkenntnis haben können, wird im analytischen Teil der Kritk bewiesen; woraus dann freilich die Einschränkung aller nur möglichen spekulativen Erkenntnis der Vernunft auf Gegenstände der Erfahrung folgt.“ ((B XXV/B XXVI)
Zu diesem eher destruktiven Aspekt der kritischen Methode fügte Kant auch einen positiven Nutzen hinzu. Indem die KrV die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit anzeigt, schafft sie ein klares Fundament für die Auseinandersetzung mit den metaphysischen Themen Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Wenn man den Menschen als reines Naturwesen, als reines Objekt, betrachten würde, so wäre er an die Gesetze der Natur und damit an die Kausalität gebunden. Durch die Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich bleibt aber ein Bereich im Denken bewahrt, der Bereich der reinen Verstandesbegriffe, der zum Beispiel die Idee der Freiheit erst ermöglicht.
- „So aber, da ich zur Moral nichts weiter brauche, als dass Freiheit sich nur nicht selbst widerspreche, und sich also doch wenigstens denken lasse, ohne nötig zu haben, sie weiter einzusehen, dass sie also dem Naturmechanism eben derselben Handlung (in anderer Beziehung genommen) gar kein Hindernis in den Weg lege: so behauptet die Lehre der Sittlichkeit ihren Platz, […]“ (B XXIX)
Für Kant war es gerade deshalb möglich, Gott, Freiheit und Unsterblichkeit der Seele zu denken, weil die theoretische Vernunft nicht das Wesen der Wirklichkeit (die Dinge an sich) unmittelbar erfassen kann. Indem die kritische Analyse den „Dogmatism der Metaphysik“ zurückweist, ergibt sich Raum für eine systematische Metaphysik.
- „Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen, […]“ (B XXX).
Indem das Unvernünftige bei Seite geräumt wird, erhält der Glauben seinen Platz. Zugleich wird begründet, warum ein solcher Glauben seine Berechtigung hat. Die Kritik ist also kein Angriff auf die Philosophie als solche, sondern sie wendet sich gegen Irrtümer der bisherigen Schulen und ihrer „arroganten Ansprüche“ (B XXXIV). Sie wendet sich gegen „Philodoxie“, jede Liebe zum bloßen Meinen. (B XXXVII)
Kant betonte am Ende der Vorrede, dass alle Veränderungen gegenüber der ersten Auflage bloß den Zewck hatten, Dunkelheiten zu beseitigen, und inhaltlich an den Aussagen der ersten Auflage keinen Veränderungen vorgenommen wurden.
Einleitung
;Reine Erkenntnis
Gleich im ersten Satz der Einleitung mach Kant klar: „Dass alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel;“ (B 1) Gegen Rationalisten und Idealisten betont er, dass der Stoff der Wahrnehmung (zeitlicher) Ausgangspunkt von Erkenntnissen ist. Allerdings muss der „rohe Stoff sinnlicher Eindrücke“ erst verarbeitet werden. Wie dies geschieht, ist zu untersuchen. Dabei ist auch Thema, ob es reine, „schlechterdings von aller Erfahrung unabhängige“ Erkenntnis gibt. Eine solche Erkenntnis heißt a priori. Ein Beispiel ist der Satz: „jede Veränderung hat ihre Ursache“. (B 2)
;Erkenntnisse a priori
Kriterium für Sätze a priori sind ihre Notwendigkeit und ihre strenge Allgemeinheit. Empirische Allgemeinheit ist hingegen a posteriori und hängt von Wahrnehmung ab – zum Beispiel: alle Körper sind schwer – und kann sich aufgrund künftiger Wahrnehmung möglicherweise verändern, da sie auf Induktion beruht. Sätze a priori sind für Kant zum Beispiel Sätze der Mathematik. Kant grenzt sich gegen Hume ab, der Kausalität allein als ein aus Gewohnheit abgeleitetes Prinzip ansah. A priori gilt nach Kant der Satz: alle Körper sind ausgedehnt, weil man einen Körper ohne Ausdehnung nicht denken kann, während alle anderen Merkmale wie Größe, Form oder Farbe weggedacht werden können, ohne dass man den Begriff inhaltlich einschränkt.
;Wissenschaft a priori
Die unvermeidlichen Aufgaben der Vernunft sind Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. (B __). Diese Themen liegen jenseits aller Erfahrung. Eine Metaphysik als Wissenschaft ist daher nur möglich und sinnvoll, wenn man überhaupt synthetische Aussagen a priori machen kann. In der Mathematik ist dies nach Auffassung von Kant der Fall. Diese Einsicht führt zu der Hoffnung, dass analog auch synthetische Erkenntnisse a priori zur Metaphysik zu finden sind.
;Analytische und synthetische Urteile
Analytische Urteile sind Aussagen, in denen das Prädikat eines Satzes implizit im Subjekt enthalten ist. Es entsteht keine neue Erkenntnis, sondern im Begriff des Subjektes ist das Prädikat bereits enthalten. Kant nannte solche Urteile auch Erläuterungsurteile. Bei synthetischen Urteilen wird einem Begriff ein Prädikat beigebracht, welches in diesem noch nicht enthalten war. Sie sind Erweiterungsurteile. Urteile, die aus der Erfahrung stammen, also a posteriori sind, sind immer synthetische Urteile. Alle Körper sind ausgedehnt, ist eine analytische Aussage, denn es gehört zum Begriff des Körpers, dass dieser ausgedehnt ist. Der Begriff 'Körper' bezeichnet also notwendig eine Form des Gegenstandes. Alle Körper sind schwer, ist hingegen eine synthetische Aussage, denn man muss einen Körper erst anheben, um festzustellen, dass er ein Gewicht hat. In diesem Urteile also kommt keine Eigenschaft der Form, sondern dem Sachgehalte des Körpers nach zum Ausdruck, welche niemals a priori sein kann. Da alle Urteile a posteriori synthetisch sind, so ist es auch dieses.
Urteilsarten
|
| a priori
| a posteriori
|
| analytisch
| tautologisch (Logik)
| align='center' |
(logisch nicht möglich)
>
| synthetisch
| allgemein & notwendig (Mathematik und reine Physik)
| empirisch (Induktion)
|
;synthetische Urteile a priori
Nach der Unterscheidung analytischer Urteile a priori und synthetischer Urteile a posteriori stellte Kant die Frage, wie denn auch synthetische Urteile a priori möglich sind. Ob synthetische Urteile a priori möglich sind, ist ist nach Kant gleichlautend mit der Frage, ob die Mathematik möglich sei. Die Mathematik ist jedoch eine Tatsache, so dass nicht gefragt werden muss, ob, sondern, wie synthetische Urteile a priori möglich sind. Haben wir die Möglichkeit synthetischer Urteile a priori aufgezeigt, so wird auch eine Metaphysik möglich sein, die insgesamt synthetische Urteile a priori enthält.
Kant hat als Beispiel die Mathematik grundsätzlich als synthetisch a priori eingestuft. Er war also der Auffassung, dass neben der Logik (dem Satz vom Widerspruch) auch die Anschauung notwendig ist, um in der Mathematik zu Erkenntnis erweiternden Aussagen zu kommen. Er verdeutlichte dies an der einfachen Gleichung 7 + 5 = 12 (B 14). Der Begriff 12 ist weder im Begriff 7, noch im Begriff 5 enthalten. Man braucht zusätzlich die Sukzession der Zeit, um die Aussage zu bestätigen, da auf der Sukzession der Zeit das Zählen beruhe. Diese Auffassung Kants wird bestritten, nachdem Peano zeigen konnte, dass man jede Zahl aus einer allgemeinen Definition der natürlichen Zahlen ableiten kann. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert wurde die Gegenposition als Logizismus bekannt. Dies bedeutet, dass man die Mathematik analytisch a priori aufbauen kann.[Quine lehnte in seinem Aufsatz „Zwei Dogmen des Empirismus“ sogar die Unterscheidung analytisch und synthetisch überhaupt ab.] Eine gewisse Unterstützung findet die Sicht Kants im mathematischen Intuitionismus.
Kants Beispiel einer synthetischen Geometrie a priori wird seit der Entwicklung der nicht-euklidischen Geometrie ebenfalls abgelehnt. Für synthetische Aussagen a priori in der Physik nannte Kant als Beispiele die Erhaltung der Quantität der Materie und die Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung.
Unabhängig davon, wie man die Beispiele Kants angesichts der Weiterentwicklung der Wissenschaften beurteilt, ergeben sich aus der allgemeinen Frage, wie synthetische Urteile a priori möglich sind, die drei konkreten Fragen Kants
- Wie ist reine Mathematik möglich?
- Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?
- Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?
Diesen drei Fragen ist die ganze KrV - sie werden insbesondere in den drei großen Abschnitten des ersten Teils (der transzendentalen Elementarlehre) der KrV, nämlich in der Transzendentalen Ästhetik, in der Transzendentalen Analytik und in der Transzendentalen Dialektik behandelt.
Aufbau der „Kritik der reinen Vernunft“
Die transzendentale Elementarlehre (B 49-465)
Der erste Hauptabschnitt der Schrift, die Transzendentale Elementarlehre, gliedert sich in zwei Teile, die Transzendentale Ästhetik und die Transzendentale Logik. Der zweite, wesentlich kürzere Hauptabschnitt enthält die Transzendentale Methodenlehre. In der transzendentalen Elementarlehre zeigt Kant, wie objektive Realität erst entsteht.
- Gedanken ohne Inhalt sind leer: Die Transzendentale Ästhetik behandelt das Problem, wie, aufgrund der affektiven Sinnlichkeit des Menschen, in der Anschauung die empirischen Gegenstände möglich werden und in Raum und Zeit als wirklich erscheinen können.
- Anschauungen ohne Begriffe sind blind: Die Transzendentale Logik fragt, in welchem Verhältnis Anschauungen und Begriffe stehen müssen, damit ein Gegenstand erkannt werden kann. Die reine Logik handelt von apriorischen Prinzipien und beschäftigt sich mit einer Leistung des Verstandes.
Sinnlichkeit und Verstand sind die beiden Wurzeln der Erkenntnis:
Durch die 'Anschauung' werden die Gegenstände empirisch vorgegeben und durch den 'Verstand' begrifflich gedacht. Raum und Zeit sind für Kant Formen der Anschauung und damit unabhängig und vor aller Erfahrung (a priori). Die Leistung des formenden (logischen) Geistes bringt die erkennbare, nach notwendigen Gesetzen erzeugte Erscheinungswirklichkeit hervor, die im Gemüt (also letztlich im menschlichen Bewusstsein) durch die Verstandeskategorien (Quantität, Qualität, Relation, Modalität) konstituiert wird. Die Logik des menschlichen Verstandes erzeugt aus der Erfahrung des Mannigfaltigen die Erkenntnis.
Die transzendentale Ästhetik (B 49-74), Überblick
- In der transzendentalen Ästhetik wird das 'Vermögen der Sinneserkenntnis' untersucht. Sinnlichkeit ist das in uns liegende Vermögen von etwas, das außerhalb uns ist, affiziert zu werden. Die Sinnlichkeit, und nur sie allein, liefert uns Anschauungen, die bereits in einer räumlichen und zeitlichen Einheit geordnet sind. Einzelvorstellungen sind bereits geformter Stoff von Ordnungsprinzipien, die selbst nicht aus der Empfindung stammen. Es seien also nicht die Dinge an sich erkennbar, sondern nur deren Erscheinungen (Phänomene).
- Ausgehend von der Beobachtung, dass Erkenntnis auf der Erfahrung der Natur beruht, stellt Kant die transzendentale Frage nach der Bedingung der Möglichkeit der Erkenntnis bzw. als Aufgabe der reinen Vernunft die Frage: „Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?“.
- Die raum-zeitliche Synthese von Vorstellungen im denkenden Bewusstsein stellt das Erkenntnisobjekt her. Die Wirklichkeit, die wir wahrnehmen, werde vom Subjekt hervorgerufen (vgl. Subjektivismus). So kann auch interpretiert werden, dass Mathematik keine Entdeckung, sondern bloß Produkt des menschlichen Denkens ist. Für Kant ist Mathematik Erkenntnis a priori schlechthin: Lösungen mathematischer Probleme existieren a priori im erkennenden Geist; beim Demonstrieren bringt der Mathematiker durch Konstruktion das hervor, was er selbst nach Begriffen a priori hineindenkt (vgl. Vorrede zur 2. Auflage, 1787, B XI-XII).
- Weitere Vertiefung unter: Transzendentale Ästhetik
Transzendentale Logik (B 74-465), Überblick
- Die transzendentale Logik teilt sich in die transzendentale Analytik (B 74-234) und die transzendentale Dialektik (B 234-465).
- Das Problem der transzendentalen Analytik lautet: Wie kommt Erkenntnis zustande? Die Ästhetik zeigte, dass Begriffe ohne Anschauungen leer sind. Dass Anschauungen ohne Begriffe blind sind, wird die Analytik, als erster Abschnitt der transzendentalen Logik, belegen. Diese Logik befasst sich mit den Gesetzen des formalen Denkens, sofern sie a priori auf Gegenstände der Anschauung bezogen werden können. Im Gegensatz zur allgemeinen Logik, die sich mit jeglichem Verstandesgebrauch, ob reinem oder empirischem, beschäftigt, bezieht sich die transzendentale Logik also nur auf den reinen, nichtempirischen Verstandesgebrauch.
- Dazu untersucht Kant die Tätigkeit des Verstandes. „Verstehen“ heißt „Urteilen“. Dieses geschieht durch Begriffe: Urteile sind Verbindungen von Begriffen zu einem höheren Begriff und schließlich Vermittlungen zur Einheit. Aus der Tradition der Logik übernimmt Kant die Urteilstafel, die er als apriorischen Leitfaden der Einheitsstiftung des Verstandes deutet. Aus der Urteilstafel 'deduziert' er die Kategorien, die a priori und transzendental gelten.
- Wie sich die Verstandeskategorien a priori auf Gegenstände der Anschauung beziehen, wird im Kapitel zur transzendentalen Deduktion untersucht. Der Grundgedanke ist folgender: Die Bedingungen, unter denen der Mensch sich seiner selbst als in der Zeit identisches Subjekt bewusst werden kann, und die Bedingungen, unter denen er von Gegenständen Erfahrung haben kann, verweisen aufeinander. Ohne durchgängiges Selbstbewusstsein keine Erfahrung und vice versa. Das „Ich denke“, die transzendentale Apperzeption, muss alle Vorstellungen begleiten können. Das notwendig subjektive „Ich denke“ ist die objektive Bedingung für das Erkennen von Gegenständen. In einem zweiten Schritt zeigt Kant, dass die Kategorien zudem die Gesetzmäßigkeit der Gegenstände bestimmen. Gesetze existieren nicht in den Erscheinungen, sondern nur in deren Bezug auf das Subjekt. Die Kategorien sind somit allgemein und notwendig.
- Wie Kategorien auf die Gegenstände der Erfahrung angewandt werden, erörtert Kant in der Analytik der Grundsätze, die er auch als Transzendentale Doktrin der Urteilskraft bezeichnet. Sie ist das Vermögen, unter den Verstandesregeln zu subsumieren. Woran erkennt man beispielsweise, wann man es in der Anschauung mit einer Substanz zu tun hat, wenn die Kategorie der Substanz im Verstande liegt? Zwischen Anschauungen und Kategorientafel vermitteln transzendentale Schemata der Zeit (Zeitreihe, Zeitordnung, Zeitinhalt und Zeitinbegriff).
- Aus der Kategorientafel entwickelt Kant das System der Grundsätze. Dies sind synthetische Urteile a priori, die als Bedingungen von Naturerkenntnis und damit als Fundamentalgesetze der Natur fungieren. Unterschieden wird in (1.) Axiome der Anschauung, (2.) Antizipationen der Wahrnehmung, (3.) Analogien der Erfahrung und (4.) Postulate des empirischen Denkens. Die ersten beiden Grundsätze, die mathematischen, lassen uns die Dinge als extensive und intensive Größen erkennen. Der letzten beiden, die dynamischen Grundsätze bestimmen das Dasein der Dinge: die Analogien bestimmen es nach dem Verhältnis der Gegenstände untereinander, die Postulate nach dem Verhältnis, welches die Erscheinungen in Bezug auf das Erkenntnisvermögen besitzen. Alle Grundsätze sind genau und nur Prinzipien a priori der Möglichkeit von Erfahrung.
- In der Analytik zeigt Kant wie reine Naturwissenschaft möglich ist. Die gesetzmäßige Ordnung der Erscheinungen nennen wir Natur, ihre Gesetze Naturgesetze. Ihr Ursprung liegt im Verstande. Und so kann Kant sagen, dass die Bedingungen der Erkenntnis der Gegenstände zugleich die Bedingungen der Gegenstände der Erkenntnis sind. Eine Revolution der Denkart, die gemeinhin als kopernikanische Wende gilt, obwohl der Vergleich missverständlich ist.
- Reine Gedankenkonstruktionen der Metaphysik (wie auch in der Theologie) führen in Widersprüche, die nicht entscheidbar sind (Antinomien).
- Die reine Vernunft ist keine konstitutive Quelle der Erkenntnis. Der spekulative Gebrauch ihrer Prinzipien ist unnütz. Von den Ideen der Vernunft kann sinnvoll nur ein kritischer und regulativer Gebrauch gemacht werden.
- Weitere Vertiefung unter: Transzendentale Logik, Transzendentale Analytik, Transzendentale Dialektik
Transzendentale Methodenlehre
Nach Kant enthält die Methodenlehre die „Bestimmungen der formalen Bedingungen eines vollständigen Systems der reinen Vernunft“ (B. 735 f.).
1. Hauptstück: Disziplin der reinen Vernunft
Die Disziplin soll helfen, Irrtümer zu vermeiden, die aus unangemessenen Methoden entspringen. Die klassische, dogmatische Methode der Philosophie hält Kant für unangemessen. Sie ist der Mathematik abgeschaut, die - wie Kant zeigt - in einer reinen, erfahrungsunabhängigen Anschauung Begriffe und Verhältnisse konstruiert, um dann erst Erkenntnisse zu gewinnen. Die Mathematik gründet ihr Wissen auf Axiomen, Definitionenen und
Demonstration. Der Philosophie ist dies nach Kant verwehrt. Sie muss ihre Erkenntnisse aus Begriffen gewinnen.
Kant lehnt ebenfalls die polemische Methode ab, denn die Philosophie selber kenne keine Polemik. Die skeptische Methode David Humes sieht Kant nur als eine Etappe im philosophischen Räsonieren.
Als einzig angemessene Methode kommt nach Kant der kritische Weg in Betracht, der sich durch Konzentration auf und Bindung an die Anschauungsformen Raum und Zeit, die Kategorien und die regulativen Vernunftideen auszeichnet.
2. Hauptstück: Kanon der reinen Vernunft
Während die Disziplin eine Negativlehre ist, zeigt der Kanon nun, was erlaubt ist. Allerdings betrifft er nur den praktischen Gebrauch der reinen Vernunft. Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit der Frage, ob der Mensch auf Glückseligkeit hoffen darf, wenn er das Sittengesetz befolgt. Kants Antwort lautet: Wir dürfen auf Glückseligkeit hoffen, wenn es Gott gibt und wenn unser Leben nicht schon mit dem körperlichen Tod endet.
3. Hauptstück: Architektonik der reinen Vernunft
Die Metaphysik vollendet die Kultur der menschlichen Vernunft. Sie ist eine
Theorie der Bedingungen der Möglichkeit aller anderen Wissenschaften. Vor allem aber bestimmt sie die praktischen Maximen von
Moral und
Politik.
4. Hauptstück: Geschichte der reinen Vernunft
Kant geht auf diesen Schlusspunkt der KrV nur noch kurz ein. Seine Geschichte der Philosophie ist selbst Philosophie. Denn sie nimmt den Gedanken der Zweckhaftigkeit und Zielgerichtetheit wieder auf, die er für ein wesentliches Moment der theoretischen Vernunft hält und der nun der Schluss in der Komposition des Werkes zukommt.
Rezeption
Weite Teile der deutschen Philosophie nach 1800 sind ohne die KrV nicht zu denken. Manche Philosophiehistoriker unterscheiden gar zwischen einer Zeit „vor Kant“ (bzw. der Kritik) und „nach Kant“. Im 18. Jahrhundert wird aus der kritischen Philosophie eine Weltanschauung.
Die KrV ist die Gründungsschrift für den deutschen Idealismus von Fichte, Hegel und Schelling sowie Bezugspunkt für den Neukantianismus, einer Strömung, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts versucht, zu Kants Philosophie zurückzukehren.
Die KrV hat bis weit über die Philosophie hinaus gewirkt. Sie erweist zentrale Lehrsätze der traditionellen Theologie als unhaltbar, insbesondere weist sie traditionelle Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen, als dogmatisches Scheinwissen und als Weltanschauung aus. Kants Philosophie nannte der Theologe Mendelssohn „alles zermalmend“. Doch die KrV zerstört nicht nur. Sie verteidigt menschliche Freiheit und Autonomie.
Insbesondere die beiden ersten Hauptteile der Kritik, die „transzendentale Ästhetik“ und die „transzendentale Logik“ sind bis heute Ausgangspunkt erkenntnistheoretischer und wissenschaftstheoretischer Überlegungen. Bezieht man aber Kants Frage nach der Gültigkeit traditioneller metaphysischer Aussagen mitein, so muss man die gesamte KrV als auch alle drei kritischen Werke als Einheit betrachten.
Kritik
Zur Unterscheidung zwischen Erscheinung und Ding an sich
Schon früh kritisierte
Friedrich Heinrich Jacobi Kants Unterscheidung zwischen „
Erscheinung“ und „
Ding an sich“. Seine seither stets zitierte Meinung lautet:
Wir müssen zwischen „Erscheinung“ und „Ding an sich“ unterscheiden. Sonst kommen wir nicht in Kants System hinein. Aber mit dieser Unterscheidung können wir nicht drinnen bleiben. Denn mit Kant bedürfen wir der Vorstellung eines „Dinges an sich“, um die Erkenntnisse unserer Erfahrung einschränken zu können. Ohne ein gewissermaßen „äußeres“ Korrektiv ergibt sich das Problem des
Solipsismus - mit anderen Worten: Wenn wir kein Etwas jenseits unserer Erfahrung voraussetzen, ist alles (nur) unsere Erfahrung. Weil aber dieses unerkennbare „Ding an sich“ nach Kant unsere Sinnlichkeit affiziert, muss es eine Kausalität zwischen „Ding an sich“ und unserer „Erfahrung“ geben. Kausalität ist nach Kant eine Kategorie des Verstandes.
Zu Kants Auffassung von Raum und Zeit
Kants Auffassungen von Raum und Zeit haben unterschiedlichste Kritik auf sich gezogen:
Albert Einstein und
Hans Reichenbach halten es für falsch, Raum und Zeit als Eigenschaften unserer Wahrnehmung zu sehen. Entsprechend der
Relativitätstheorie sehen sie Raum und Zeit als Eigenschaften der Dinge, als Strukturmerkmale der Materie und der Energieverhältnisse. Tatsächlich scheint es notwendig, zwischen Raum und Zeit im Sinne der Relativitätstheorie und Raum und Zeit als „subjektiven“ Anschauungsformen im Sinne der KrV zu unterscheiden.
Zur Unterscheidung von Sinnlichkeit und Verstand
Kant denkt Sinnlichkeit und Verstand als zwei wesentlich unterschiedliche Erkenntnisvermögen. Doch wie können sie dann zusammenwirken? Gibt es nicht eine gemeinsame Wurzel? Oder handelt es sich gar um ein systematisches Defizit der KrV? Diese Kritik an Kants KrV beruht aus heutiger Sicht z.T. auf einem Missverständnis von Kants Vorgehen: Kant entwirft keine Theorie des Geistes oder von Denkvorgängen, sondern analysiert verschiedene Bedingungen und Vermögen der Erkenntnis.
Zum Problem des Subjekts des „Ich denke“
Dies wird in der transzendentalen Apperzeption behandelt. Darin werden die Möglichkeiten der Bedingung von Selbsterkenntnis behandelt.
Zur „Lebensferne“ des analytischen Ansatzes
Zur Kategorientafel
Arthur Schopenhauer hat elf der zwölf Kategorien in Kants
Kategorientafel zurückgewiesen mit Ausnahme der Kausalität:
- 'Noch ist zu bemerken, daß Kant, so oft er zur näheren Erörterung ein Beispiel geben will, fast jedes Mal die Kategorie der Kausalität dazu nimmt, wo das Gesagt dann richtig ausfällt, -weil eben das Kausalitätsgesetz die wirkliche, aber auch alleine Form des Verstandes ist, und die übrigen elf Kategorien nur blinde Fenster sind.' - Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Band 1, Anhang
Zitate
'Aber Keiner Bilde sich ein, die „Kritik der reinen Vernunft“ zu kennen und einen deutlichen Begriff von Kants Lehre zu haben, wenn er jene nur in der zweiten, oder einer der folgenden Auflagen gelesen hat; das ist schlechterdings unmöglich: denn er hat nur einen verstümmelten, verdorbenen, gewissermaaßen unächten Text gelesen. Es ist meine Pflicht, Dies hier entschieden und zu Jedermanns Warnung auszusprechen.' -
Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Band 1, Anhang
Anmerkungen
Ausgaben
- Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Meiner Verlag. Hamburg 1998. Mit einer ausführlichen Bibliographie von Heiner Klemme. ISBN 3-7873-1319-2.
- Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Suhrkamp. Frankfurt am Main 1974. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel. ISBN 3-518-27655-7.
- Immanuel Kant: Theoretische Philosophie. Textausgabe und Kommentar (insgesamt 3 Bände/Teile), von Georg Mohr neu editierte und kommentierte Ausg. zum Kant-Jubiläum, Suhrkamp, Frankfurt 2004, ISBN 3-518-29118-1 (Band 1: Kritik der reinen Vernunft; Band 2: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können ; Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibnizens und Wolffs Zeiten in Deutschland gemacht hat?; Band 3: Werkkommentar und Stellenkommentar zur Kritik der reinen Vernunft, zu den Prolegomena und zu den Fortschritten der Metaphysik)
- Immanuel Kant: Werke, Gruyter Verlag. Akademie Textausgabe (Nachdruck 1968, 9 Bände. Photomechanischer Abdruck des Textes der von der Preußischen Akademie der Wissenschaften 1902 begonnenen Ausgabe von Kants gesammelten Schriften. Band 3: Kritik der reinen Vernunft (Nachdruck der 2. Auflage 1787); ISBN 978-3110014365; Band 4: u.a.: Kritik der reinen Vernunft (Nachdruck der 1. Auflage 1781) ISBN 978-3110014372.)
Literatur
- Baumgartner, Hans M: Kants 'Kritik der reinen Vernunft'. Anleitung zur Lektüre, Alber, 6. Aufl. Freiburg (Breisgau) 2006, ISBN 3-495-47638-5
- Eisler, Rudolf: Kant-Lexikon. Nachschlagewerk zu Kants sämtlichen Schriften, Briefen und handschriftlichem Nachlass, Olms, (5. Nachdruck d. Ausg. Berlin 1930) 1989, ISBN 3-487-00744-4
- Walter Gölz: Kants 'Kritik der reinen Vernunft' im Klartext. Textbezogene Darstellung des Gedankengangs mit Erklärung und Diskussion, Mohr Siebeck, Tübingen 2006, ISBN 3-8252-2759-6 (UTB)
- Felix Grayeff: Deutung und Darstellung der theoretischen Philosophie Kants. Ein Kommentar zu den grundlegenden Teilen der Kritik der reinen Vernunft, mit einem Sachregister von Eberhard Heller, Meiner, 2. Aufl. 1977 (Orig. 1951), ISBN 3-7873-0180-1
- Otfried Höffe: Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grundlegung der modernen Philosophie, Beck, 2. Aufl. München 2004, ISBN 3-406-50919-3
- Georg Mohr und Markus Willaschek (Hg): Kritik der reinen Vernunft, Klassiker Auslegen. Akademie Verlag Berlin 1998. ISBN 3-05-003277-4
- Heinrich Ratke: Systematisches Handlexikon zu Kants Kritik der reinen Vernunft, Meiner, Hamburg 1991, ISBN 3-7873-1048-7
- Peter F. Strawson: The Bounds of Sense. An Essay on Kants Critique of Pure Reason, London 1966 (deutsch: Die Grenzen des Sinns. Ein Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft, Athenäum, Frankfurt 1992, ISBN 3-445-07018-0)
- Holm Tetens: Kants 'Kritik der reinen Vernunft': ein systematischer Kommentar, Reclam, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-15-018434-9
- Hans Vaihinger: Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft, 2 Bände, Hrsg. von Raymund Schmidt, Nachdruck der 2. Aufl. 1922, Scientia, Ahlen 1970, ISBN 3-511-03971-1 (Bd. 1) und ISBN 3-511-03972-X (Bd. 2)
Rezeption und Kritik
- Nikolaus Knoepffler: Der Begriff »transzendental« bei Immanuel Kant. Eine Untersuchung zur „Kritik der reinen Vernunft“. Herbert Utz Verlag, 5. Aufl. München 2001, ISBN 3-89675-847-0
- Peter Rohs: Feld. Zeit. Ich. Entwurf einer feldtheoretischen Transzendentalphilosophie, Klostermann, Frankfurt 1996, ISBN 3-465-02864-3
- Otto Willmann: Geschichte des Idealismus, Band I (1973), Band II (1975) und Band III (1979), Aalen. ISBN 3-511-03709-3
Weblinks
Siehe auch
Transzendentalphilosophie,
Apperzeption,
Erkenntnistheorie,
Streitfrage,
Deutscher Idealismus,
Zeitalter der Aufklärung
Übersicht zur Gliederung der „Kritik der reinen Vernunft“
- Über die folgenden Verweise gelangen Sie zu vertiefenden Artikeln über die einzelnen Abschnitte.
Gliederung der Kritik der reinen Vernunft
| Zueignung
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| Vorrede zur 2. Auflage
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| Einleitung
| I. Von dem Unterschiede der reinen und empirischen Erkenntniß
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| II. Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori und selbst der gemeine Verstand ist niemals ohne solche
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| III. Die Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die Möglichkeit, die Principien und den Umfang aller Erkenntnisse a priori bestimme
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| IV. Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urtheile
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| V. In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind synthetische Urtheile a priori als Principien enthalten
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| VI. Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft
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| VII. Idee und Eintheilung einer besonderen Wissenschaft unter dem Namen einer Kritik der reinen Vernunft
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| I. Transscendentale Elementarlehre
| Erster Theil. Die transscendentale Ästhetik
| 1. Abschnitt: Vom Raum
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| 2. Abschnitt: Von der Zeit
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| Allgemeine Anmerkungen zur transscendentalen Ästhetik
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| Beschluß der transscendentalen Ästhetik
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| Zweiter Theil. Die transscendentale Logik
| Einleitung. Idee einer transscendentalen Logik
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| Erste Abtheilung. Die transscendentale Analytik
| Erstes Buch. Die Analytik der Begriffe
| 1. Hauptstück. Von dem Leitfaden der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe
|
| 2. Hauptstück. Von der Deduction der reinen Verstandesbegriffe
|
| Zweites Buch. Die Analytik der Grundsätze
| Einleitung. Von der transscendentalen Urtheilskraft überhaupt
|
| 1. Hauptstück. Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe
|
| 2. Hauptstück. System aller Grundsätze des reinen Verstandes
|
| 3. Hauptstück. Von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in Phaenomena und Noumena
|
| Anhang. Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe
|
| Zweite Abtheilung. Die transscendentale Dialektik
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| Einleitung
| I. Vom transscendentalen Schein
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| II. Von der reinen Vernunft als dem Sitze des transscendentalen Scheins
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| Erstes Buch. Von den Begriffen der reinen Vernunft
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| Zweites Buch. Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft
| 1. Hauptstück. Von den Paralogismen der reinen Vernunft
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| Allgemeine Anmerkung, den Übergang von der rationalen Psychologie zur Kosmologie betreffend
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| 2. Hauptstück. Die Antinomie der reinen Vernunft
|
| 3. Hauptstück. Das Ideal der reinen Vernunft
|
| Anhang zur transscendentalen Dialektik
| Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft
|
| Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der menschlichen Vernunft
|
| II. Transscendentale Methodenlehre
| Einleitung
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| Erstes Hauptstück. Die Disciplin der reinen Vernunft
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| Zweites Hauptstück. Der Kanon der reinen Vernunft
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| Drittes Hauptstück. Die Architektonik der reinen Vernunft
|
| Viertes Hauptstück. Die Geschichte der reinen Vernunft
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