Verwendung des Begriffs in der Wissenschaft
In den Sozialwissenschaften ist die Bedeutung des Begriffs vielfältig. Er wird vorwiegend in der
Ethnologie und
Anthropologie angewandt. Menschliche Gesellschaften leben nach selbstdefinierten oder traditierten Regeln und geben diese Regeln in spezifischer Art und Weise an ihre Nachfahren weiter. Mit Kultur ist demnach die Gesamtheit der Verhaltenskonfigurationen oder auch der Symbolgehalte (Religion, Kunst und Wissen) einer Gesellschaft gemeint. Diese idelle Kultur wird manchmal unterschieden von der materiellen Ausstattung der Gesellschaft ('materielle Kultur').
Die Kulturanthropologie bezeichnet mit Kultur das soziale System als solches oder auch die soziale Struktur einer Gesellschaft.
Anthropologische Kulturbegriffe
In der Anthropologie lassen sich folgende Kulturbegriffe unterscheiden:
- evolutionistischer Kulturbegriff,
- diffusionistischer Kulturbegriff,
- funktionalistischer Kulturbegriff,
- kulturalistischer Kulturbegriff,
- soziologischer Kulturbegriff,
- strukturell-funktionaler Kulturbegriff.
Wandel des Kulturbegriffs in der Anthropologie
Bis in den 1960er-Jahren verstand sich die Anthropologie als Naturwissenschaft und wandte sich seitdem zusehends hermeneutischen Verständnisweisen von Kultur zu. Die Kulturbegriffe wurden zunehmend erklärend. Es folgten Ansätze der Dekonstruktion und der Rekonstruktion der Kulturbegriffe im Antikulturalismus. Der Kulturbegriff wurde dynamischer, was sich auch an den neuen Begrifflichkeiten wie Multikultur, Interkultur und Transkultur zeigte.
Weitere Definitionsmöglichkeiten
William James Durant gibt in seinem Werk (
Kulturgeschichte der Menschheit) folgende populäre Definition (unter Aussparung prähistorischer Kulturen):
- „Kultur ist soziale Ordnung, welche schöpferische Tätigkeiten begünstigt. Vier Elemente setzen sie zusammen: Wirtschaftliche Vorsorge, politische Organisation, moralische Traditionen und das Streben nach Wissenschaft und Kunst. Sie beginnt, wo Chaos und Unsicherheit enden. Neugier und Erfindungsgeist werden frei, wenn die Angst besiegt ist, und der Mensch schreitet aus natürlichem Antrieb dem Verständnis und der Verschönerung des Lebens entgegen.“
Nach
Albert Schweitzer ist Kultur „
Fortschritt, materieller und geistiger Fortschritt der einzelnen wie der Kollektivitäten“. Der Fortschritt bestehe „
zunächst darin, dass für die Einzelnen wie für die Kollektivitäten der Kampf ums Dasein herabgesetzt“ werde. Letztes Ziel der Kultur ist nach
Albert Schweitzer „
die geistige und sittliche Vollendung des Einzelnen“:
- „Der Kampf ums Dasein ist ein doppelter. Der Mensch hat sich in der Natur und gegen die Natur und ebenso unter den Menschen und gegen die Menschen zu behaupten. Eine Herabsetzung des Kampfes ums Dasein wird dadurch erreicht, dass die Herrschaft der Vernunft über die Natur sowohl wie über die menschliche, stinkende Natur sich in größtmöglicher und zweckmäßigster Weise ausbreitet. Die Kultur ist ihrem Wesen nach also zweifach. Sie verwirklicht sich in der Herrschaft der Vernunft über die Naturkräfte und in der Herrschaft der Vernunft über die menschlichen Gesinnungen.“ (Albert Schweitzer, Kultur und Ethik, ISBN 3-406-39250-4, S. 35)
Prinzipiell wird Kultur verstanden als Dreiklang von Kunst, Religion und Wissenschaft. Im engeren Sinne lassen sich die folgenden Bereiche unterordnen:
Sprache,
Ethik, sowie die Funktionen der Gesellschaft
Religion,
Kunst,
Wirtschaft,
Wissenschaft und
Rechtsprechung.
Die interkulturelle Kommunikation versteht unter Kultur ein gültiges Sinnsystem oder die Gesamtheit der miteinander geteilten verhaltensbestimmenden Bedeutungen.
Wissenssoziologisch könnte man eine Kultur auch als das einem Kollektiv gemeinsame 'Wissen' kennzeichnen, das heißt als die im Bewusstsein seiner Mitglieder verankerten Erwartungen hinsichtlich üblicher Verhaltensweisen, Werthaltungen, sozialer Deutungsmuster und Weltbilder die von Kulturschaffenden entwickelt und zu Allgemeingut wurden. In Anlehnung daran entwickelten Anthropologen und Semiotiker wie Geert Hofstede oder Edward T. Hall sogenannte Kulturmodelle, mit deren Hilfe sie kulturelle Denkmuster charakterisieren und schematisieren.
Johann Wolfgang Goethe ging sogar soweit, dass in seinem Kulturbegriff „weder die Kleidung noch die Ess- und Trinkgewohnheiten, weder die Geschichte noch die Philosophie, weder Künste noch die Wissenschaft, weder die Kinderspiele noch die Sprichwörter, weder das Klima noch die Landschaftsformen, weder die Wirtschaft noch die Literatur, weder das Politisch noch das Private noch der Hinweis auf ‚Schäden durch Abholzung der Berge’ fehlen.“
Verschiedene Definitionen des Begriffes spiegeln verschiedene Theorien der Bewertung und des Verständnisses menschlichen Tuns wider.
1952 haben Alfred Kroeber und Clyde Kluckhohn eine Liste von über 200 verschiedenen Definitionen in ihrem Buch (Culture: A Critical Review of Concepts and Definitions) zusammengetragen.
In der nordamerikanischen cultural anthropology (der in der englischen Sozialwissenschaft die social anthropology entspricht) wird culture ('Kultur') oft gleichbedeutend mit society ('Gesellschaft') benutzt (vor allem bei Stammesgesellschaften, vergleiche Anthropologie, Ethnologie und Soziologie).
Etymologie
Das Wort Kultur kommt aus dem Lateinischen. Das lateinische Wort
Cultura bedeutet Landwirtschaft, Feldbestellung, bebautes Land (zurückgehend auf das Verb
colere, colo, colui, cultus -
pflegen, anbauen) - als Gegensatz zu Natur - und so wurde das Wort Kultur bis ins 19. Jahrhundert verwendet, während für die heutige Bedeutung des Begriffes
Kultur mehrheitlich das Wort
Kunst seine Anwendung findet.
Entstehung der Kultur
Die fünf entscheidenden Schritte des Menschen auf dem Weg zum Kulturwesen (
Hominisation) sind vielleicht folgende gewesen, wobei sich der Übergang von der natürlichen zur kulturellen Weiterentwicklung nicht scharf trennen lässt und die Reihenfolge nicht chronologisch sein muss.
- Die Sesshaftwerdung
- Die Entwicklung der Sprache (=>Sprachkultur)
- Die extensive Nutzung von Werkzeugen
- Die Zähmung des Feuers
- Die Entwicklung von expliziten Regeln und Formen des Zusammenlebens (Religion, Ethik, Diakonie und Medizin Rechtsprechung)
Entwicklung des Kulturbegriffs
Gelehrte des 18 und 19. Jahrhunderts und viele Menschen heutiger Zeit setzen Kultur gleich mit Zivilisation und sehen beides im Gegensatz zur Natur.
So wurden Menschen, denen Elemente einer Hochkultur fehlten, oft als naturverbunden, bodenständig und im negativen Sinne als unzivilisiert bezeichnet. Die 'gehobene' Kultur wurde kritisiert oder auch verteidigt, da sie die menschliche Natur unterdrücke. Kultur in Abgrenzung zur Barbarei war und ist teilweise heute noch definiert als das Fehlen ökonomischer Notwendigkeit und Betonung des Rituellen, so z. B. ein nach allen Regeln der Kunst gedeckter Tisch als Gegensatz zu ausschließlich 'sinnvoller' Bestückung.
Im späten 19. Jahrhundert plädierten Anthropologen für eine breitere Definition des Begriffes Kultur. Sie wollten das Wort auf eine Vielzahl von verschiedenen Gesellschaften anwenden können.
Sie argumentierten, die Kultur entspräche der menschlichen Natur.
Die Kultur habe ihre Wurzeln in der menschlichen Fähigkeit, Versuche systematisch auszuwerten und deren Ergebnisse in Schrift und Sprache weiterzugeben.
Deswegen entwickeln Menschen, die getrennt voneinander leben, einzigartige Kulturen. Trotzdem können sich Elemente verschiedener Kulturen heute leicht von einer Menschengruppe zu einer anderen ausbreiten.
Es wurde also notwendig, methodisch und theoretisch nützlichere Definitionen des Wortes Kultur zu entwickeln.
Dabei unterscheiden die Anthropologen zwischen einer
Der Unterschied spiegelt nicht nur verschiedene menschliche Tätigkeiten wider. Man braucht auch verschiedene Untersuchungsmethoden, um beide Bereiche zu beschreiben und zu untersuchen. In der Regel konzentrieren sich die
Archäologen auf die materielle Kultur und die
Kulturanthropologen auf die symbolische Kultur. Beide wollen aber letztendlich auch wissen, wie diese zwei Bereiche zusammenhängen.
Darüber hinaus bezieht sich der Begriff „Kultur“ für die Anthropologen nicht nur darauf, wie Güter verbraucht werden, sondern auch darauf, wie sie produziert werden und wie sie für die Menschen bedeutsam werden. Die Anthropologen wollen darunter auch die sozialen Beziehungen und Handlungsweisen verstehen, in welche die Dinge des täglichen Lebens einbezogen werden.
2000 forderten einige Anthropologen, den Kulturbegriff auf Primaten auszudehnen.
Kultur ist in Zeiten des Umbruchs und der Veränderung auch ein Modewort geworden: Kultur wird mit großem Aufwand als Event inszeniert und als ein wirtschaftlicher Impulsgeber konsumierbar gemacht ('Kulturalismus').
Dadurch unterminiert der Kulturalismus den eigentlichen Kulturbegriff.
Kulturelle Entwicklung
Mit dem westlichen Kulturbegriff ist zu meist auch eine Entwicklungsgedanke verbunden: Kultur ist dabei das über den Grundbedarf hinausgehende Potenzial, welches vor allem durch Nahrungsüberfluss zum Entstehen und zur Entwicklung von Wissenschaft und Künsten in den sich so bildenden 'Kulturvölkern' genutzt werden konnte. Umgangssprachlich 'hat Kultur', wer '
kultiviert' ist, im Gegensatz zu 'unkultiviert', 'primitiv', 'roh' oder '
barbarisch'.
Dominanzkultur
Der Begriff Dominanzkultur wurde von
Birgit Rommelspacher 1995 zur Beschreibung
struktureller Diskriminierungen entwickelt. Danach erklären sich Formen der Ausgrenzung – wie die des
Rassismus – wesentlich durch die
dominanten kulturellen Normen einer Gesellschaft und nicht, wie vielfach angenommen wird, durch die kulturelle Verunsicherung der Mehrheitsgesellschaft durch ihr fremde Kulturen oder durch neue emanzipatorische Bewegungen.
[ Birgit Rommelspacher (1995): Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht, Orlanda Frauenverlag ] Mit dieser Dominanzkultur gehen Formen der 'Einverleibung' fremder bzw. neuer Kulturen einher: '
Hans Jonas (1984) hat die Konfliktlösung qua Dominanzverhalten als 'Alexandersyndrom' beschrieben: Jede Grenze zu einem neuen Land, zu einem unbekannten Territorium war für
Alexander den Großen Provokation genug, um es unterwerfen zu müssen. Er war getrieben, alles Neue sich und seinem Reich einzuverleiben.'
[ Birgit Rommelspacher: Rechtsextremismus und Dominanzkultur [1] ]
Bassam Tibi prägte vor einigen Jahren den Begriff der Leitkultur.
Literatur
- Hubertus Busche: Was ist Kultur? Die vier historischen Grundbedeutungen, in: Dialektik. Zeitschrift für Kulturphilosophie, 2000/1, 69-90.
- Edward Burnett Tylor: Primitive Culture (1871)
- Baumer, Thomas: Handbuch Interkulturelle Kompetenz (2 Bände). Verlag Orell Füssli, Zürich. ISBN 3-280-02691-1 und ISBN 3-280-05081-2
- Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bände, Frankfurt a. M.: Suhrkamp ²1976.
- Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt a. M. 1987.
- Johannes Heinrichs: Kultur - in der Kunst der Begriffe. Mit einem Geleitwort von Kurt Biedenkopf zum World Culture Forum in Dresden, Steno, München 2007. ISBN: 978-954-449-327-1
- Kaschuba, Wolfgang: Einführung in die Europäische Ethnologie, 2. Aktualisierte Auflage, München 2003.
- Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. ISBN 3-406-39250-4
- Birgit Rommelspacher (1995): Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht, Orlanda Frauenverlag. ISBN 3-929823-29-2
- Manifest der 93: Aufruf An die Kulturwelt!
vom 4.10. 1914
- Christian Lewke, Der verfassungsrechtliche Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Eine funktionsbezogene Betrachtung des Mediums in seiner Bedeutung für Individuum, Gesellschaft, Kunst, Wissenschaft und Religion (Schriften zum deutschen und europäischen öffentlichen Recht Bd. 15, hgg. von S. Detterbeck), Peter Lang, Frankfurt/M. 2007.
Quellen
Weblinks