Leben
In Ungarn und Deutschland
Szilárd stammte aus einer Budapester großbürgerlichen
jüdischen Familie. Seine Kindheit verlebte er noch in der alten
österreich-ungarischen Monarchie der Vorkriegszeit. Von
1908 bis zum Abschluss
1916 besuchte er die Realoberschule in seiner Heimatstadt und schrieb sich anschließend als Student für ein
Elektrotechnik-Studium an der Technischen Hochschule Budapest (heute:
Technische und Wirtschaftswissenschaftliche Universität Budapest) ein.
1917 wurde er jedoch als
Offiziersanwärter in die österreich-ungarische Armee eingezogen, so dass er das Studium erst
1919 wieder aufnehmen konnte. Wegen der ungünstigen wirtschaftlichen Bedingungen und der instabilen politischen Lage im Ungarn der Nachkriegszeit und auch aufgrund des zunehmenden
Antisemitismus unter dem
Horthy-Regime, der zu Restriktionen für jüdische Studenten an ungarischen Universitäten führte, verließ er sein Heimatland in Richtung
Deutschland. Dort schrieb sich als Ingenieursstudent an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg (heute
Technische Universität Berlin) ein. Nach kurzer Zeit wechselte er jedoch zur Physik an die
Humboldt-Universität, wo Größen wie
Einstein,
Planck und
von Laue forschten und lehrten. Von Letztgenanntem ließ er sich schon im ersten Semester ein Dissertationsthema aus der
Relativitätstheorie geben, das er aber nie zu Ende brachte. Stattdessen löste er ein schwieriges Problem aus der
statistischen Thermodynamik. Diese Arbeit veranlasste Einstein zu höchstem Lob und wurde prompt als vollwertige Doktorarbeit anerkannt und in den renommierten
Annalen der Physik veröffentlicht.
1927 erhielt Szilárd die Lehrbefugnis als
Privatdozent. Seine
1929 veröffentlichte Habilitationsschrift
Über die Entropieverminderung in einem thermodynamischen System bei Eingriffen intelligenter Wesen[Leó Szilárd: Über die Entropieverminderung in einem thermodynamischen System bei Eingriffen intelligenter Wesen. Zeitschrift für Physik, Band 53, Nr. 11-12, S. 840-856, November 1929, Link zum abstract ]
verknüpfte erstmals die Konzepte
Intelligenz,
Gedächtnis,
Entropie und
Information und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer der Grundlagen der mathematischen Informationstheorieanmeldung. Während seiner Berliner Zeit widmete er sich zahlreichen technischen Erfindungen (1928 deutsche
Patent für einen
Linearbeschleuniger,
1929 deutsche Patentanmeldung für ein
Zyklotron, seit 1926 gemeinsame Arbeit mit Einstein an der Konstruktion eines Kühlschranks ohne
Verdichter oder andere bewegliche Teile (US Patent 1781541, 11. November 1930)).
1932 wechselte er nach der Entdeckung des Neutrons ganz zur
Kernphysik, seine schon geplanten Experimente im Labor von
Lise Meitner realisierte er aber aufgrund der
Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht mehr in Deutschland, sondern musste sich nach dem
Reichstagsbrand 1933 erst nach
Wien und dann nach
England retten.
In England und Amerika
Nach Szilárds eigenen Angaben kam ihm die Idee einer
nuklearen Kettenreaktion durch freigesetzte Neutronen, nachdem er am 12. September 1933 einen Artikel der
Times gelesen hatte, in dem
Ernest Rutherford mit den Worten
anyone who looked for a source of power in the transformation of the atoms was talking moonshine zitiert wurde. Während er beim Gang durch die Londoner Straßen über diesen Artikel nachdachte sei ihm beim Warten auf die Ampel an der Ecke Southampton Row die entscheidende Idee gekommen. Er begann daraufhin, nach
Isotopen zu suchen, mit denen eine solche Kettenreaktion in Gang zu setzen wäre. Erste Kandidaten waren Isotope von
Beryllium, später von
Indium. Bei seiner Arbeit in der Strahlenabteilung am Londoner St. Bartholomew's Hospital entdeckte er dabei den so genannten
Szilárd-Chalmers-Effekt zur Trennung chemisch identischer Isotope. Wesentlicher wurden allerdings zwei Patentschriften zu den möglichen Effekten von Neutronenbombardements von
Atomkernen, die er im März
1934 und am
28. Juni des gleichen Jahres als zwei Teile unter einem Titel
Verbesserungen bei der Umwandlung chemischer Elemente einreichte. Im ersten Teil beschrieb er u.a. die Möglichkeit von
Nuklearbatterien, wie sie heutzutage in
Satelliten zum Einsatz kommen und umriss die Mechanismen der
Kernfusion, ohne dabei schon den Begriff zu prägen. Im zweiten Teil beschrieb er als erster Forscher die nukleare
Kettenreaktion bei Überschreitung einer
kritischen Masse - das heißt, die Grundzüge der
Kernenergie und der Kernwaffeellenn. Zu einer
experiment Überprüfung seiner Hypothesen kam es allerdings noch nicht, was einerseits an Geldmangel für die notwendigen, als Neutronenmultiplikatoren infrage kommenden
chemischen Elemente lag, andererseits an Szilárds Unrast, selbst nach seiner Einstellung in
Oxford am Clarendon Laboratory.
1938 verließ er nach dem
Münchner Abkommen aufgrund von Kriegsahnungen Europa in Richtung USA.
Erster Atomreaktor und Manhattan-Projekt

Der von Szilárd formulierte Brief Einsteins an Roosevelt, erste Seite
Otto Hahn und
Fritz Straßmann gelang es 1938 in Berlin
Uran durch Neutronenbeschuss in
Barium umzuwandeln, was von
Lise Meitner und ihrem Neffen
Otto Frisch korrekt als
Kernspaltung interpretiert wurde. Szilárd erfuhr davon über seinen Freund
Eugene Wigner in
Princeton, sein eigenes Experiment fand am
3. März 1939 in den Met Labs der
Columbia University statt. Zusammen mit Walter Zinn beobachtete Szilárd die bei der Kernspaltung durch freigewordene Neutronen hervorgerufenen Lichtblitze auf einer
Fernsehröhre. Als Quelle für die anregenden Neutronen diente eine mit geliehenem Geld besorgte Radiumquelle.
Beunruhigt über die Erstarkung des Nationalsozialismus und Faschismus in Europa überredete er 1939 gemeinsam mit anderen Forschern Einstein, einen vorformulierten Brief an Präsident Roosevelt zu unterschreiben, in dem dieser dazu aufgefordert wurde, eine Atombombe entwickeln zu lassen, um einer möglichen Entwicklung von Nuklearwaffen durch Nazi-Deutschland zuvorzukommen. Dieser Brief wird als ein entscheidendes Dokument für das Ingangkommen des Manhattan-Projektes zur Konstruktion der ersten Nuklearwaffen gesehen.
Drei andere am Manhattan-Projekt direkt oder indirekt beteiligte Personen hatten fast parallele Lebensläufe zu dem von Szilárd: Edward Teller, John von Neumann und Eugene Wigner. Alle stammten aus Budapest aus jüdischen Familien mit deutschem kulturellem Hintergrund. Alle waren aus Ungarn nach Deutschland emigriert, hatten dort studiert und dort intensiv wissenschaftlich gearbeitet und alle hatten wegen des Nationalsozialismus 1933 erneut emigrieren müssen. Szilárd sprach aufgrund dieser Parallelen gelegentlich ironisch von einer „ungarischen Konspiration“. Die vier Ungarn wurden von ihren amerikanischen Kollegen aufgrund ihrer scheinbar „außerirdischen“ intellektuellen Fähigkeiten auch respektvoll Martians (Marsianer) genannt.
Gemeinsam mit Enrico Fermi erzeugte Szilárd am 2. Dezember 1942 die erste Kettenreaktion in einem Reaktor und damit den ersten funktionierenden Atomreaktor. Frédéric Joliot (Paris) erzielte ebenfalls in dieser Zeit eine Kettenreaktion. Die wichtigsten Ergebnisse wurde trotz Szilárds Drängen auf Geheimhaltung erst von Joliot, und schließlich doch von allen Wissenschaftlern veröffentlicht. Seine Patentrechte an der Atomenergie musste Szilárd 1943 auf Druck der U.S. Regierung an diese verkaufen.
1945 versuchte Szilárd vergeblich den Einsatz der konstruierten Bomben in Gesprächen mit am Manhattan-Projekt beteiligten Physikern zu verhindern. Er war auch einer der Mitunterzeichner des Franck Reports. Vergeblich ersuchte er um Gesprächstermine bei den Präsidenten Roosevelt und Truman. Den späteren Einsatz der Atombombe bei Hiroshima und Nagasaki verurteilte er scharf.
Abwendung von der Physik, Hinwendung zur Molekularbiologie
Unter dem Eindruck dieses 'Sündenfalls' der modernen Physik, aber auch beeindruckt vom Fortschritt der Molekularbiologie, wandte sich Szilárd ab 1946 der Molekularbiologie zu. Hier forschte er vor allem an
Bakteriophagen und
Bakterien und widmete sich Fragen der theoretischen Biologie.
Die für ihn charakteristische
Exzentrizität kam noch einmal zum Vorschein, als er
1959 an
Blasenkrebs erkrankte. Er unterzog sich daraufhin einer selbstentworfenen
Strahlentherapie am Memorial Hospital in
New York City und wurde tatsächlich geheilt.
In seinen späteren Lebensjahren war er in der Bewegung für internationale
Abrüstung aktiv und u.a. Teilnehmer an mehreren
Pugwash-Konferenzen. Er übte z.T. heftige öffentliche Kritik an der Politik der U.S. Administration.
Szilárd war auch ein brillanter Schriftsteller, der seine Gedanken auch in einigen wenigen Science-Fiction-Kurzgeschichten zu Papier brachte, die von Kennern der Materie als absolute Klassiker des Genres angesehen werden.
Literatur
- William Lanouette, Béla Szilárd: Genius in the Shadows. A Biography of Leó Szilárd. Charles Scribner´s Sons, New York 1992.
- Leó Szilárd: Die Stimme der Delphine. Science-Fiction-Erzählungen Suhrkamp, Frankfurt 1981, ISBN 3-518-37203-3
- Istvan Hargittai: The Martians of Science: Five Physicists Who Changed the Twentieth Century. Oxford University Press Inc, USA. ISBN-13: 978-0195178456 (gemeint sind Szilárd, Teller, von Neumann, von Kármán, Wigner)
- Richard Rhodes The Making of the Atomic Bomb. Simon and Schuster, New York 1986
Zitate im Text
Weblinks
Veröffentlichungen
- Szilárd L. Über die Entropieverminderung in einem thermodynamischen System bei Eingriffen intelligenter Wesen. Zeitschrift für Physik 1929; 53: 840-856, Springer-Verlag Berlin (Habilitationsschrift)