Überblick
Vereinfacht lässt sich der Libertarismus als radikale Strömung des
Liberalismus bezeichnen. Als Wurzeln des Libertarismus sind zu nennen:
Der Libertarismus betont die individuellen Freiheitsrechte und will staatliches Handeln auf ein absolutes Minimum beschränkt sehen. Häufig wird postuliert, dass jeder Mensch nur sich selbst gehört und nicht der Gemeinschaft (
Selbsteigentum). Einige Vertreter dieser Richtung, die
Anarcho-Kapitalisten (auch Free-Market-Anarchisten oder Anarcholiberale) lehnen den Staat insgesamt als nicht legitime (weil unfreiwillige) Zwangsorganisation ab. Libertäre legen das Selbstbestimmungsrecht des Individuums so aus, dass es völlig frei in seinem Handeln und im Gebrauch seines Privateigentums sein sollte, solange niemand anderes Rechte verletzt werden. Insofern stimmen sie mit dem klassischen Liberalismus überein. Erhebliche Unterschiede bestehen aber in den Ansichten darüber, wie dem
Recht in Konfliktfällen Geltung verschafft werden soll (
Minarchismus vs.
Anarchismus). Libertäre erkennen keine positiv definierten Rechte wie etwa das Recht auf Nahrung, Obdach oder Gesundheitsfürsorge an, sondern nur negativ definierte Freiheiten an, wie die Freiheit, nicht angegriffen, missbraucht, beraubt oder zensiert zu werden. Nach ihrer Theorie ergibt sich daraus eine klare Eigentumsordnung (siehe
Naturrecht). Nur den Rechten, die sich aus dieser Eigentumsordnung ergeben, gestehen sie juristische Schutzwürdigkeit zu. Soziales Handeln und
Solidarität entstehen nicht mit juristischem Druck, sondern durch
ethische Erwägungen. Libertäre halten staatlich erzeugte soziale Maßnahmen für kontraproduktiv und daher letztlich für unsozial.
In den USA ist das Wort „Libertarianism“ in den 1930er Jahren in Abgrenzung zum New Deal des Präsidenten Roosevelt entstanden, welcher während der Wirtschaftskrise zahlreiche sozialstaatliche Maßnahmen einführte.
Philosophie

Der sumerische Schriftzug Ama-Gi für das Wort 'Freiheit' ist ein oft verwendetes Symbol Libertärer;
Eigentum
Eigentumsnormen gewinnen erst dann einen praktischen Bezug, wenn sie nicht nur von einem „Eigentümer“ von der Welt eingefordert werden, sondern auch Dritte diese Normen als solche verstehen. Insofern ist Eigentum in einer freien Gesellschaft, wie Libertäre sie für sich anstreben, nur das Ergebnis freiwilliger Interaktion und keine politische Doktrin. Ein Beispiel: Für eine freie Gesellschaft wäre es undenkbar, dass einzelne Staaten (bzw. juristische Personen) die ganze Antarktis unter sich aufteilen, obwohl sie dort nicht mehr besitzen als ein paar Mess-Stationen (wie das heute der Fall ist). Eine solche Eigentumsnorm wäre zwar für ein paar Pioniere methodisch, würde aber von Personen, die die Antarktis friedlich besiedeln möchten, nicht verstanden werden. Libertäre haben daher oft ein kritisches Verhältnis zu konstituierten Rechten und denken in dieser Beziehung wie Max Stirner. [Zu dem ebenfalls kritischen Verhältnis von Libertären und Anarchokapitalisten zu Stirner vgl. Bernd A. Laska: Die Anarcho-Kapitalisten und Max Stirner. In: Eigentümlich Frei, Heft 11, 3. Quartal 2000, S. 381-383 (online ]
)
Kritisch eingewendet wird hier oft, dass Eigentum in einer Massengesellschaft eben nur durch einen Rechtsstaat als Gewaltmonopolist garantiert werden könne. Der Eigentumsbegriff (sofern er Gerechtigkeit in dem Sinne einschließt, dass sich der Eigentümer sein Eigentum in irgendeiner Weise „verdient“ oder „erarbeitet“ haben soll) setzt in dieser Sichtweise das Vorhandensein eines Staates notwendigerweise voraus, um in einer Massengesellschaft überhaupt sinnvoll zu sein. Minarchisten würden dieser Position zustimmen, während Anarcho-Kapitalisten darauf verweisen, dass im Verhältnis der Staaten zueinander eine ebensolche Situation besteht, dass es keinen obersten Gewaltmonopolisten gibt und friedliches Zusammenleben inklusive Eigentumsschutz offensichtlich möglich ist.
Naturrecht und Konsequentialismus
Libertäre wie
Robert Nozick und
Murray Rothbard sehen die Rechte auf Leben, Freiheit und Eigentum als Naturrechte, d.h. aus sich selbst begründet. Direkt oder indirekt gehen ihre Ansichten auf die Schriften von
Thomas Hobbes und
John Locke zurück.
Ayn Rand, eine andere Autorin mit großem Einfluss auf den Libertarismus, sah diese Philosophie im
Naturrecht begründet.
Andere Libertäre wie z. B. Milton Friedman, Ludwig von Mises oder Friedrich Hayek leiteten diese Rechte aus pragmatischen, konsequentialistischen Überlegungen ab [http://guidohulsmann.com/pdf/Austro_oder_Chicago_Lib.pdf ]
Utilitaristische Denkweisen in der Österreicher und der Chicagoer Schule der Nationalökonomie. Libertarismus ist aus ihrer Sicht die effektivste Wirtschaftspolitik, um Wohlstand und Reichtum für alle Individuen der Gesellschaft zu schaffen und zu erhalten. Sie sehen auch Gewaltanwendung in einigen Notfällen als gerechtfertigt an. Libertäre wie Jan Narveson leiten ihre Philosophie aus dem Vertragsrecht ab – rational handelnde Menschen würden sich auf diese Rechte als Grundlage ihrer Interaktion einigen.
Politik
Libertäre lehnen intruisive Staatswesen grundsätzlich ab, und fordern eine Reduktion des Staates auf seine Funktion zur Sicherstellung der Grundfreiheiten (
Nachtwächterstaat), oder sogar eine völlige Abschaffung des Staatswesens (
Anarchokapitalismus).
Libertäre gehen davon aus, dass eine Organisation der Gesellschaft nach dem Marktprinzip letztlich die stabilste Form der Gesellschaft mit dem größtem Wohlstand für alle nach sich zieht. Sie fordern daher eine völliges Laissez-faire sowohl im Bereich der Wirtschafts- und der Gesellschaftspolitik. Generell vertreten sie die Ansicht, dass Aufgaben durch den Marktmechanismus besser und günstiger gelöst werden als es durch Staaten jemals möglich wäre.
Sie betrachten jede Form staatlichen Eingreifens in die Wirtschaft, etwa durch Einschränkung der Vertragsfreiheit oder Steuern (Steuern sind Diebstahl), als illegitime Enteignung. Ebenso bekämpft wird das Eingreifen des Staates in das Privatleben der Menschen, etwa durch Staatliche Überwachung oder Wehrpflicht.
Die Zurückweisung und Beschränkung staatlicher Macht fußt in der Auffassung, dass der Staat eine Ansammlung egoistischer Individuen sei, welche die ihnen zur Verfügung stehende Macht zu aller erst zur eigenen Bereicherung nutzen. Libertäre werfen politischen Gegner häufig Staatsfetischismus vor, da diese dem Staat ausufernde Macht zugestehen würden, ohne den Machtmissbrauch durch tatsächliche Politiker zu überdenken. Anderen politischen Richtungen, welche wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Aufgaben durch einen zentral geleiteten Staat bewältigen wollen, werfen Libertäre dementsprechend häufig Staatsgläubigkeit vor: Es sei ein Irrtum, dass der Staat durch zentrale Planung und Intervention Probleme lösen könne. Tatsächlich würden staatliche Intervention nur den Interessen von Lobbyens dienen, und durch die Fehlallokation in Folge unzureichender Information kombiniert mit zu großer Macht würde Menschen Schaden zugefügt werden.
Im Gegensatz zur Meinung, dass die heutige Weltordnung „kapitalistisch“ oder „neoliberal“ dominiert sei, betrachten Libertäre das derzeitige globale Staatensystem als sozialistisch, und sehen einige generelle Tendenz zu Totalitarismus und Kollektivismus. Dementsprechend wird beispielsweise die Globalisierung als Selbstentfaltung weltweit vernetzter Wirtschaftsakteureen verstanden, welche autoritäre Staaten durch Protektionismus einschränken wollen, um ihre eigene Macht zu erhalten. [http://www.libertaria.de/art_niemietz_attac.htm ]
ATTAC ist kein Schicksal - eine freiere Welt ist möglich!, Kristian Niemietz (29.11.2005)[http://www.libertaria.de/art_uebersetz.htm ]
Die Pioniere der Globalisierung und der Völkerverständigung, Sophie Rémeur (31.03.2005)[http://www.libertaria.de/meldungen/?p=118#more-118 ]
David Schah, Der “Spiegel” erklärt China den Weltkrieg
Minarchismus und Anarcho-Kapitalismus
Einige Libertäre sind
Minarchisten, d.h. sie betrachten einen minimalen Staat mit einer minimalen Steuerquote als notwendiges Übel für das Aufrechterhalten öffentlicher Institutionen zum Schutz von Bürgerfreiheiten und Eigentumsrechten, beispielsweise der Polizeis, eines freiwilligen
Militär ohne
Wehrpflicht und öffentlicher Gerichte.
Im Gegensatz dazu betrachten Anarcho-Kapitalisten - wie z. B. David Friedman oder Hans-Hermann Hoppe - den Staat selbst als überflüssig bzw. verwerflich. Sie lehnen staatliche Steuern, das staatliche Gewaltmonopol und staatliche Gesetzgebung vollständig ab, und befürworten eine Gesellschaft in welcher diese Aufgaben an private Organisation delegiert sind. Sie argumentieren im Gegensatz zu den Minarchisten, dass jedes Staatswesen nicht in einem vernünftigen Rahmen gehalten werden kann, und sich zwangsläufig zu einem despotischen Zwangssystem hinentwickelt.
Die politischen Position von Minarchisten und Anarcho-Kapitalisten zu aktuellen Mainstreamthemen scheinen sich häufig zu überlappen, da beide Pole existierende Staatswesen als zu intrusiv betrachten. Einige libertäre Philosophen wie Tibor. R. Machan sehen in beiden Polen keinen wirklichen effektiven Unterschied.
Geschichte
Die erste politische Verwendung des Ausdrucks 'libertär' stammt von dem Anarcho-Kommunisten Joseph Déjacque, der den franz. Ausdruck 'libertaire' 1857 in einem Brief an Proudhon benutzte.
[Déjacque, Joseph. Letter to P. J. Proudhon ]
(französisch) Während der Ausdruck in sozialistischen Kreisen in Europa synonym zu Anarchismus verwendet wird, bezieht er sich in den USA zumeist auf sog. 'kapitalistische' Libertäre.
Die in diesem Sinn als 'libertär' bezeichnete Philosophie, auch 'klassischer Liberalismus' genannt, wurzelt in dem Liberalismus aus dem Zeitalter der Aufklärung in Europa und Amerika. Maßgebend waren hierbei u. a. John Locke und der Baron de Montesquieu, sowie moralische und ökonomische Lehre von Adam Smith. Die Gedanken des Liberalismus breiteten sich im Züge der industriellen Revolution schnell während des 18. Jahrhunderts im Westen aus.
Die Ursprünge des heutigen Libertarismus als eigenständige Philosophie und Bewegung liegen im frühen 20. Jahrhundert. In dieser Zeit verschob sich der Fokus der öffentlichen Meinung von negativer Freiheit und Marktfreiheit hin zu positiven Rechtsauffassung, welche vor allem von der Bürgerrechtsbewegung in den USA und den Sozialisten in Europa unterstützt wurden. Die Regierung sollte sich nicht länger nur auf die Sicherstellung der Recht beschränken - Viele vertraten eine stärkere Regierung, welche die Gesellschaft aktiv zu einem bestimmten Ideal umgestalten sollte.
Nachdem 'liberal' in englisch-sprachigen Ländern zwischen 1920 und 1940 immer mehr mit linker Politik in Verbindung gebracht wurde, welche sogar die ursprüngliche Minimalstaatsphilosophie ablehnte, bezeichneten sich deren Anhänger zunehmend als 'klassische Liberale'.
Im frühen 20. Jahrhundert wurden die Aufstiege des Nationalsozialismus in Deutschland bzw. des Faschismus in Europa, und Einführung des Kommunismus in Russland generell als unterschiedliche Bewegungen betrachtet. Der Sozialismus wurde von der westlichen Linken grundsätzlich in Schutz genommen und unterstützt. Eine Gruppe europäischer Ökonomen griff diese in ihren Augen ungerechtfertigte Unterscheidung zwischen den totalitären Regimen an. Die Österreiche Schule der Ökonomie sah Kollektivismus als gemeinsame und verbindende Basis sowohl des Faschismus als auch des Sozialismus, und vertraten die Auffassung das Kollektivismus den westlichen Wertmaßstäben fundamental zuwiderlaufe. Diese Schule umfasste u. a. Ludwig von Mises, Friedrich Hayek und Walter Block. Die österreichische Schule gewann größeren Einfluss in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als der Ausdruck 'Libertarismus' etabliert wurde als Bezeichnung für einen radikalen Liberalismus.
Libertäres Gedankengut floss teilweise in die Ökonomien von Margaret Thatcher und Ronald Reagan ein, welche von der neoliberalen Chicagoer Schule um Milton Friedman beeinflusst wurden. Die Chicagoer Schule beeinflusste auch stark die Wirtschaftspolitik Chiles unter Augusto Pinochet, wobei umstritten ist, ob sie damit das Regime stabilisieren half.
Verbreitung

Einige anarchokapitalistische Gruppen verwenden die gold-schwarze Flagge als Symbol
In den
Vereinigten Staaten sind einige Befürworter des kapitalistischen Libertarismus durchaus einflussreich und sogar politisch aktiv. Sie sehen sich selbst jenseits eines politischen „Rechts-Links“-Schemas und sind vor allem in der
Libertarian Party vertreten, der (mit großem Abstand) drittstärksten Partei nach den
Demokraten und
Republikanern. Allerdings gibt es Libertäre auch in den großen Parteien, vor allem bei den Republikanern.
Costa Ricas Movimiento Libertario (Libertäre Bewegung) ist eine libertäre Partei in einem Entwicklungsland, welche ca. 10% der Sitze im Parlament Costa Ricas besitzt. Sie gilt als eine ersten libertären Parteien welche substantiellen Einfluss auf nationaler Ebene eines Staates erhalten hat, obgleich dies nicht ohne Kontroverse geschah. Beispielsweise verlor Rigoberto Stewart, Mitgründer der Partei und Gründer des 'The Limón REAL Project' [[1] ]
- Das Limon REAL Projekt für die Autonomie einer Provinz Costa Ricas, und Direktor des INLAP[www.inlap.org ]
, einer libertären Denkfabrik, Unterstützung innerhalb der Partei und für sein Projekt. Einige führen dies auf darauf zurück, dass die Partei, während sie Geld von der deutschen Friedrich-Naumann-Stiftung erhielt, Kompromisse bezüglich ihrer libertären Position einging im Gegenzug für mehr Macht. [[1] ]
In Deutschland finden sich Libertäre teilweise im Umfeld der CDU und der Grünen[Grüne Freiheit ]
- bürgerrechtlich und liberal orientierte grüne Politiker und Politikinteressierte, und vor allem bei der FDP[Die Libertäre Plattform in der FDP ]
. Viele Libertäre betrachten die FDP jedoch als zu wenig liberal, um sich mit ihr zu identifizieren [„Man sollte vielleicht begreifen, dass das deutsche Parteiensystem seit bald 25 Jahren den Wählern die Auswahl zwischen vier Spielarten von Sozialdemokratie anbietet.“ (Peter Sloterdijk in Spiegel Nr.35/04)][http://www.libertaria.de/art_fdp.htm ]
Wie wählbar ist die FDP?, Naomi Braun-Ferenczi. Eine nennenswerte libertäre Publikation ist die Zeitschrift „eigentümlich frei“ des Verlegers André Lichtschlag.
Auch wenn sich Libertäre parteilich organisieren, lehnen viele andere Libertäre Parteien ab, da jede politische Organisation in ihren Augen zu Korruption und Machtmissbrauch führt.
Unterströmungen und Varianten
Wie die meisten anderen politischen Ideologien existieren auch im Libertarismus verschiedene Unterströmungen.
Paläolibertarismus ist Strömung des amerikanischen Libertarismus welche von Lew Rockwell und Murray Rothbard begründet wurde, und sich besonders im Umfeld des amerikanischen Ludwig-von-Mises-Institut existiert. Sie vereinigt radikalen Libertarismus in Wirtschaft und Politik mit Konservatismus im sozialen Bereich. Sie zieht ihre Ansichten gegenüber Wirtschaft, Handel und Staatwesens besonders aus der Österreichischen Schule der Ökonomie, dem Anarcho-Kapitalismus und dem amerikanischen Antiförderalismus. Sie gehen häufig Allianzen mit Konservativen ein, treten ein für Dezentralisierung und eine nichtinterventionistische Außenpolitik.
Als Neolibertarismus wird eine Richtung des Libertarismus, welche mit dem amerikanischen Konservatismus verknüpft ist. Im Gegensatz zu den meisten Libertären befürworten sie interventionistische Außenpolitik zum Zwecke der nationalen Verteidigung, u.a. damit auch den Krieg gegen den Terror. Da ihre konkrete Politik inkrementalistisch geprägt ist, werfen andere Libertäre ihnen Inkosequenz und Verrat vor.
Des Weiteren hat sich in den letzten Jahren aus der Amerikanischen libertären Tradition heraus eine ihr untergeordnete Richtung entwickelt, die den Libertarismus als linke Philosophie versteht und Potential für eine breitere Unterstützung des Libertarismus in der traditionellen Linken sieht. 'Linkslibertäre' Autoren wie Chris Sciabarra, Roderick Long, Charles Johnson, Kevin Carson, Arthur Silber und Sheldon Richman konzentrieren sich, im Gegensatz zu den kulturell konservativen Paläolibertären, vermehrt auch auf nichtpolitische Formen der Unterdrückung, auf die Rolle der ärmeren Bevölkerung in der Dritten Welt und in den westlichen Staaten und auf das Zusammenwirken von großen Unternehmen und Regierungen.
Links und libertär ist ihrem Selbstverständnis nach auch die postanarchistische Sicht auf die heutigen gesellschaftlichen Probleme durch den australischen Politologen Saul Newman.
Auch der Agorismus wird oft als „linker“ Libertarismus angesehen. Er stellt aber weniger eine philosophische, wirtschaftliche oder kulturelle Analyse dar, sondern beschreibt eine Strategie für Libertäre, die sich vor allem auf Aktivitäten in freien Märkten („Schwarzmärkten“) konzentriert.
Ganz aus dem politischen Schema fallen Techno-Libertarians wie John Perry Barlow heraus, der seine Vorstellungen über den Cyberspace in US-libertäre Ideologie kleidete. Besonders im Bereich der Internet-Politik haben sein Techno- oder Internet-Libertarismus und die Vorstellung einer Electronic Frontier (deutsch: Elektronische Grenze) während der Boomphase des Internets in den 1990er Jahren starken Einfluss ausgeübt, der aber in der augenblicklichen Konsolidierungsphase merklich schwindet (siehe auch: Technoliberalismus).
Verhältnis zu anderen Richtungen
Libertäre betrachten sich selbst als radikale Vertreter des Liberalismus und sehen sich weniger in Opposition zu gemäßigten Liberalen, sondern vielmehr als Untergruppe im Spektrum des politischen Liberalismus.
Wirtschaftlich steht der Libertarismus sowohl nationaler Politik als auch 'linker' oder sozialistischer Politik entgegen. Libertäre fordern ein minimales Eingreifen in die Wirtschaft. - In wirtschaftlichen Fragen sehen einige Libertäre Gemeinsamkeiten zu Konservativen, und versuchen politische Allianzen mit ihnen zu bilden. Hierbei muss allerdings zwischen 'konservativ' im amerikanischen und im europäischen Sinn unterschieden werden. Während amerikanische Konservative ein schwaches Eingreifen des Staates in die Wirtschaft befürworten, was sich größtenteils mit den Zielen libertärer Politik deckt, bezeichnet der Ausdruck 'konservativ' in Europa oft eine nationalere, sozialstaatlich ausgerichtete Politik, was in diesem Fall libertären Idealen diametral entgegensteht.
Gesellschaftspolitisch führt das Ideal des minimalen Staates zu Opposition sowohl gegenüber linken und sozialistischen als auch gegenüber rechten, konservativen und nationalistischen Gruppen. Gesellschaftliche Veränderung von Seiten des Staates können aus libertärer Sicht keine positiven Auswirkung auf die Individuen einer Gesellschaft haben, etwaige politische Maßnahmen dienten in Wahrheit lediglich Partikularinteressen und der despotischen Umsetzung von Ideologien. Libertäre lehnen daher Quotenpolitik, Zensur und jede Einschränkung der Redefreiheit ab, und bekämpfen Gesellschaftskonzeptionen, wie Patriotismus, Multikulturalismus, konservativen Sexismus oder Feminismus, insofern diese staatlich verordnet oder unterstützt werden. [http://www.lewrockwell.com/rothbard/rothbard4.html ]
- Murray N. Rothbard, Against Women's Lib[http://www.lewrockwell.com/yates/yates70.html ]
Steven Yates, What went wrong with affirmative Action (And why it never could have gone right) [http://www.lewrockwell.com/yates/yates37.html ]
- Steven Yates, Combating Academic Political Correctness[http://www.libertaria.de/art_iuf_ichbindeutschland.htm ]
Ich bin nicht Deutschland, IUF weekly comment, Sascha Tamm (07.11.2005)
Trotz dieses Nichtinterventionsprinzips haben Libertäre durchaus gesellschaftspolitische Ansichten. Das Spektrum reicht von Neokonservativen, welche im Rahmen einer freien Gesellschaft ein Leben nach entsprechenden Wertvorstellungen leben wollen (oder sogar eine Bedingung zwischen Libertarismus und Konservatismus sehen), bis hin zu polemisch als „Sex, Drugs and Rock-’n’-Roll“-Libertären bezeichneten Individuen, welche die libertäre Gesellschaft als Voraussetzung für Meinungsfreiheit, Sexuelle Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung sehen. Libertäre jeder Richtung lehnen jedoch die Umsetzung gesellschaftlicher Entwürfe durch Zwang und Indoktrination strikt ab. [http://www.lewrockwell.com/block/block42.html ]
- Walter Block, Libertarianism and ‘Sex, Drugs, & Rock ’n’ Roll’; Review eines Zeitungsartikels von Susan Lee in The Wall Street Journal
Einordnung in das politische Spektrum
In den USA wird der Libertarismus besonders von Nicht-Libertären als rechte Politik betrachtet, da Libertäre dort in der Regel, besonders wirtschaftspolitisch, mehr mit Amerikanischen Konservativen gemeinsam haben als mit Amerikanischen Liberalen. [http://www.nzz.ch/2006/03/17/fe/articleDELFA.html ]
- Große Koalition - Die Dauerkrise des amerikanischen Konservatismus Viele amerikanische Libertäre bezeichnen sich in diesem Sinne als „conservative“ in Wirtschaftlicher und „liberal“ in gesellschaftspolitischer Hinsicht.
Viele Libertäre wehren sich allerdings gegen eine Einordnung in das traditionelle politische Rechts-Links-Schema, da sie sich sowohl zu konservativer und nationalistischer wie auch zu sozialistischer Politik in Opposition sehen. In ihren Augen besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen (extremer) linker und rechter Politik. [http://www.lewrockwell.com/shaffer/shaffer104.html ]
- Why the ‘Left’ and ‘Right’ Are Only Two Wings of the Same Bird of Prey[http://www.nzz.ch/2006/10/21/wi/kommentarEKYFV.html ]
Wirtschaftsliberal, gesellschaftsliberal oder ganz einfach liberal?, NZZ Online
Anstelle des Links-Rechts-Spektrums bevorzugen einige Libertäre - insbesondere in den USA - ein zwei-dimensionales Feld um politische Ansichten zu klassifizieren. Hierbei wird die Einstellung zur „persönlichen Freiheit“ auf der einen, und die „wirtschaftliche Freiheit“ auf der anderen Achse dargestellt, wobei diese von „absolut restriktiv“ bis „absolut liberal“ reichen. Das Nolan-Diagramm ist benannt nach und wurde gestaltet von dem Libertären David Nolan. [http://freedomkeys.com/nolancharts.htm ]
Nolan Chart VariationsGemäß diesem Schema teilen Libertäre die Ansichten „Linker“ im Gesellschaftlichen, und „Rechter“ im wirtschaftlichen Bereich. Das Schema wird jedoch auch von Libertären kritisiert, da sie die Trennung zwischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen als eine Illusion betrachten. Viele bevorzugen wiederum selbst ein Ein-Dimensionales Schema, welches sich von libertärer bis zu anti-libertärer Politik erstreckt - Libertäre sehen in der Regel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen Linken und Rechten und im Extremfall Kommunisten und Faschisten.
Kritik
Kritiker des Libertarismus befürchten, die uneingeschränkte Freiheit des Wirtschaftens, z. B. die Privatisierung öffentlicher Aufgaben, würde die Alleinherrschaft von Reichen und letztlich das Faustrecht zur Folge haben. Eine Abschaffung oder Marginalisierung des Staates würde dazu führen, dass staatliche Funktionen und Hoheitsrechte von privaten Personen, undurchsichtigen Institutionen oder Firmen übernommen würden, wo sie nicht mehr demokratisch kontrolliert werden könnten, sondern nur deren Eigennutz dienten. In einer anfangs libertären oder anarchistischen Gesellschaft würden einzelne Personen oder Gruppen einen einmal gewonnenen kleinen Machtvorsprung gegenüber anderen benutzen, um sich immer weitere Macht anzueignen, woraus sich letztlich wieder eine staatlich organisierte Gesellschaft entwickeln würde.
Ein gravierendes Problem libertärer Gesellschaftsentwürfe wird in der Fähigkeit der Aufrechterhaltung von Sachverhalten gesehen, wie z. B. größeren planmäßigen Ordnungen, Sicherheits- oder Schutzzuständen, die im Gemeininteresse liegen, aber an denen nur wenige wirtschaftliche Akteure ein Partikularinteresse haben. Dies betrifft z. B. Raumordnung, Verkehrs-, Raum-, Landschafts- und Bebauungsplanung, Umwelt- und Naturschutz, Sicherheitsüberprüfung technischer Großanlagen, Qualitätssicherung von Massenprodukten usw. Für einige der angesprochenen Bereiche gibt es hypothetische Lösungsansätze, die meistens davon ausgehen, dass sich durch die starken privaten Rechtsansprüche, ggf. durch Zusammenschluss in Sammelklagen o.Ä., Probleme irgendwann juristisch korrigieren. In nahezu allen genannten Bereichen gilt aber, dass die Schäden aus Fehlentwicklungen irreparabel sind oder ihre Reparatur praktisch unbezahlbar ist.
Libertäre bestehen auf dem Vorrang der Rechte des Individuums vor den Ansprüchen einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft. Aus diesem Grund lehnen sie unbeschränkte Massendemokratie als Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit ab. Stattdessen bevorzugen sie freiwillige Kooperation zu beiderseitigem Vorteil, unveräußerliche Menschenwürde, aus dem Naturrecht abgeleitete Menschenrechte oder Nachhaltigkeit als ökonomische Vernunft. - Manche Kritiker sehen u. a. in der Ablehnung der Massendemokratie eine Nähe des kapitalistischen Libertarismus zu rechtsextremem Gedankengut. Einige deutsche Libertäre suchen die Nähe konservativer oder rechter Kreise. Jedoch steht der individualistische Ausgangspunkt in deutlichem Gegensatz zu den kollektivistischen Elementen und der Staatsfixierung des typischen Rechtsextremismus.
Linke betrachte Libertäre so wie auch gemäßigte Liberale als Vertreter der Bourgeoisie, welche eine kapitalistische Weltordnung zu festigen versuchen würden.
Wertkonservative stehen im Konflikt mit der libertären Einstellung, dass der Staat den Menschen keine Werte aufzwingen darf. So lehnen sie einen Rückzug des Staates aus der Religion, der Familie oder der Bildung ab. Sie befürchten durch die völlige Deregulierung der Gesellschaft einen Verfall traditioneller Werte.
Quellen
Literatur
- Murray N. Rothbard: Eine neue Freiheit - Das libertäre Manifest. 1999, ISBN 3933631084.
- Murray N. Rothbard: Die Ethik der Freiheit. 2000, ISBN 3896650866.
- John Hospers: Libertarianism - A Political Philosophy for Tomorrow. Los Angeles 1971
- David Gordon: Libertarianism. In: David Miller, Janet Coleman, William Connolly und Alan Ryan (Hrsg.): The Blackwell Encyclopaedia of Political Thought. Oxford 1987, S. 289-291
- Norman P. Barry: On Classical Liberalism and Libertarianism. London / Hampshire 1989
- Gissurarson, Hannes H.: Libertarianism. In: William Outhwaite und Tom Bottomore (Hrsg.): The Blackwell Dictionary of Twentieth-Century Social Thought. Oxford / Cambridge, MA 1994, S. 338-339
- André F. Lichtschlag: Libertarianism - eine (anti-)politische Bewegung in den USA und ihre Bedeutung für Deutschland, Grevenbroich 2000
- Stefan Blankertz: Das libertäre Manifest - Über den Widerspruch zwischen Staat und Wohlstand, Grevenbroich 2001
- David D. Friedman: Das Räderwerk der Freiheit - Für einen radikalen Kapitalismus, Norderstedt 2003 ISBN 3833005297.
- Frederic Bastiat: The Law. Foundation of Economic Education 1996 ISBN 1572460202.
- Frederic Bastiat: 'Der Staat - die große Fiktion' 1.Auflage 2001, Ott Verlag, Thun ISBN 3-7225-6918-4.
- Roland Baader: Das Kapital am Pranger: Ein Kompass durch den politischen Begriffsnebel ISBN 3-935197-45-4.
Siehe auch