Modelle und Methoden
Eine eigenständige ‚literaturwissenschaftliche’ Methode gibt es nicht; jedoch eine Anzahl
geisteswissenschaftlicher Traditionslinien, die einen historisch starken Bezug zur
Literaturwissenschaft haben. Literaturtheorien müssen
wissenschaftstheoretisch ‚weicheren’ Standards als solche der
Naturwissenschaften genügen. Grundsätzliche und unerlässliche Komponenten sind aber stets:
- Interpretationstheorie: An jede Theorie der Literatur lässt sich der Anspruch erheben, Grundmodell von nachvollziehbaren Interpretationen einzelner literarischer Texte zu sein.
- Modellbildung: Jede Theorie muss eine Anzahl mehr oder minder standardisierter Verfahren anbieten, nach denen solche Interpretationen immer wieder neu auch zu bisher unbekannten Texten zustande kommen können.
- Terminologie: die im Modell gewonnenen Ergebnisse müssen auf eine Reihe von Allgemeinbegriffen rückführbar sein.
Eine Literaturtheorie ist nur so lange allgemeingültig, bis ein literarischer Text auftaucht, der nicht mehr ins Schema passt. Dann muss die Theorie den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Allerdings versucht die Literaturtheorie dennoch zu Aussagen zu kommen, die auf alle Texte zutreffen, also ahistorische Konstanten aufzuzeigen. So hat zum Beispiel der Strukturalismus versucht, Erzähltexte so zu analysieren, dass sich Kriterien finden lassen, die für alle Erzähltexte gelten (Ein Erzähler erzählt ein Geschehen, wobei der Erzähler und das Erzählte zusammen die Grundstruktur aller Erzähltexte ausmachen). Andere Erzähltheorien sehen andere Elemente als typisch für Erzähltexte an (Perspektive, Erzählsituation usw.).
Hauptaufgabe von Literaturtheorie ist es also grundsätzlich, Literaturinterpretation und -geschichte einen möglichst allgemeinen begrifflichen Apparat zu geben. Diese Terminologien können gegliedert werden je nachdem, auf welchen Gegenstandsbereich der Literatur sie sich beziehen, welcher nach dem Modell Jakobsons entweder Sender (Autor), Nachricht (Text), Empfänger (Leser), Code oder Kontext einer literarischen Kommunikationshandlung sein kann.
Autorenzentrierte Theorien
Zu dieser Gruppe zählen unter anderem
biographisch, psychologisch oder
psychoanalytisch inspirierte Ansätze und die Produktionstheorien der Empirischen Literaturwissenschaft. Im Vordergrund steht meist der Versuch, die Intentionen eines Textes richtig zu erfassen (‚was will uns der Autor damit sagen’), von der Autorpersönlichkeit auf das Werk (oder umgekehrt) zu schließen, die Beurteilung des Verhältnisses von Einzelwerk und Gesamtwerk und die Darstellung rekurrenter Motive in solchen Werkzusammenhängen (‚Parallelstellenmethode’). Schon seit längerem wird hier getrennt zwischen Theorien des historischen Autors, dem impliziten Autor (
W. C. Booth) und der Autorfunktion (
Foucault). Hier finden Übergänge zu Kontextheorien statt: das, was als ein Autor angesehen wird, ist historisch variabel.
Textzentrierte Theorien
Alle Theorien, die den Inhalt von Literatur behandeln. Typischerweise unterscheiden sie verschiedene Textsorten (
Genre,
Gattung) oder –funktionen; die Übergänge zu Leser-, Code- und Kontexttheorien sind hier fließend. Grundlage ist meist die Zusammenfassung eines Textes oder einer Textsorte, in der in einem zweiten Schritt die gemeinsamen Merkmale bestimmt werden. Fragestellungen der Art ‚Wann wird ein Text ein Gedicht’ sind hier erkenntnisleitend.
Zu diesem Theorietyp zählen Erzähltheorie, Plot-Modelle, Dramentheorie (z.B. Figurenkonstellationen), Lyriktheorie, feministische oder gendertheoretische Ansätze und die Theorie der Intertextualität.
Leserzentrierte Theorien
Alle Theorien, die von Wirkungen oder Wirkungsabsichten der Literatur handeln. Beispiele sind
rhetorikanalytische Modelle, die
Rezeptionsästhetik und die Rezeptionsforschung der
Empirischen Literaturwissenschaft.
Codezentrierte Theorien
Ansätze, die die ‚Verschlüsselungsmechanismen’ oder die ‚Tiefenstrukturen’ von Texten behandeln: beispielsweise die
Dekonstruktion,
close reading, literarische
Semiotik, Theorien kultureller Identität und Alterität, und die
Hermeneutik Gadamers.
Kontextzentrierte Theorien
Alle Ansätze, die Texte nicht als Primärgebilde, sondern sekundäre Ableitungen oder 'Symptome' historischer und sozialer Zusammenhänge begreifen. Beispiele sind die
marxistische Literaturinterpretation (
Marxistische Literaturtheorie), der
New Historicism,
Kulturwissenschaft und der
Postkolonialismus.
Geschichte
Es ist generell schwierig, die Geschichte der Literaturtheorie abzulösen von der der philosophischen
Ästhetik,
Poetik,
Hermeneutik und
Rhetorik. Literaturtheoretische Fragestellungen ergeben sich oft im 'Fahrwasser' solcher größeren ideengeschichtlichen Einheiten, sind aber dennoch von ihnen abstrahierbar.
Allgemein wird die Literaturtheorie in der klassischen griechischen Poetik und Rhetorik verortet; insbesondere bei Gorgias, Plato und Aristoteles. Mit Sicherheit sind die Normen religiöser Textinterpretation, wie sie Mischnah (Wiederholung) und Midrasch (Auslegung) der jüdischen Tora darstellten, wichtige historische Wurzeln der modernen Literaturtheorie. Als erste Dichtungstheorie gilt gemeinhin Aristoteles Poetik, die bis ins 18. Jahrhundert einflussreich ist. Bis zu diesem Zeitpunkt sind die Poetiken Regelbücher, in der rhetorischen Tradition stehende Anleitungen zum richtigen Dichten. Erst mit der Entstehung des Geniegedankens im 18. Jahrhundert und dem idealistischen Gedankengut der Romantiker wird Dichtung nicht mehr als an klare Regeln (normative Poetik) gebundene Tätigkeit, sondern als individuelle Leistung gesehen. Das hat zur Folge, dass später Dichtung dahingehend analysiert wird, wie sie effektiv aussieht und was sie leistet, nicht ob sie sich an vorgebene Normen und Konventionen hält.
Ein weiteres frühes Beispiel ist die Schrift Über das Erhabene des Pseudo-Longinus. Elemente einer Literaturphilosophie finden sich bei Cicero und Quintilian. Horaz’ Poetik widmet sich Fragen der Gattungstheorie.
Im Mittelalter dominiert die orthodoxe Theorie vom vierfachen Schriftsinn, welche den Sinn einer Aussage der Bibel streng reglementiert: er darf in wörtlicher, allegorischer, moralischer und anagogischer (heilsgeschichtlicher) Hinsicht gedeutet werden.
Literaturtheorie im modernen Sinne wird erst seit 1915 durch den Russischen Formalismus betrieben, der die erste Schule darstellte, die dezidiert danach fragte, was das Literarische an einem literarischen Text (Literarizität) im Gegensatz zu alltagssprachlichen Texten sein. Seit etwa den Fünfzigern des 20. Jahrhunderts wurde der Russische Formalismus weiterentwickelt als die von Ferdinand de Saussure inspirierten linguistischen Strömungen mit der traditionellen akademischen Philologie kollidierten und das Projekt strukturalistischer Literaturforschung begonnen werden konnte.
Siehe auch
Literarizität,
Literarisch,
Dichtung,
Poesie,
Literatur,
Literaturwissenschaft
Einführende Literatur
- Jonathan Culler: Literaturtheorie. Eine kurze Einführung. Stuttgart, Reclam 2002, ISBN 3-15-018166-6
- Oliver Jahraus / Stefan Neuhaus (Hg.): Kafkas 'Urteil' und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Stuttgart, Reclam 2002, ISBN 3-15-017636-0
- Ansgar Nünning (Hg.): Literaturwissenschaftliche Theorien, Modelle und Methoden. Eine Einführung. Trier 2004.
- Martin Sexl (Hg.): Einführung in die Literaturtheorie. Wien 2004.
Weblinks