Definition und Herleitung
- Definition: Eine lineare Koordinatentransformation, die das Linienelement ds (bzw. die Minkowski-Metrik ) nicht verändert (Isometrie), heißt Lorentz-Transformation.
- Lorentz-Transformationen beinhalten Boosts (Wechsel in ein mit v bewegtes Inertialsystem), räumliche Drehungen, Spiegelungen von Raum (Parität) und Zeit (Zeitinversion), jedoch keine Translationen.
Betrachtet man der Einfachheit halber eine
lineare Transformation in zwei Dimensionen, so gilt allgemein:
Nun fordert man die Lorentzinvarianz des Linienelements:
Aus dieser Forderung ergeben sich die folgenden Bedingungen für die Koeffizienten :
Man sieht leicht, dass sich diese Gleichungen durch die Wahl und erfüllen lassen. Dabei treten die Hyperbelfunktionen sinh und cosh auf. kann als imaginärer Drehwinkel interpretiert werden und bleibt noch zu bestimmen.
Betrachtet man ein Inertialsystem , welches sich zu einem ruhenden Inertialsystem mit der Relativgeschwindigkeit in x-Richtung bewegt, so sollte gelten, wobei ein konstanter Faktor ist. Gleichsetzung mit ergibt dann:
Daraus lässt sich der Winkel bestimmen. Ferner folgt:
Die Transformationsmatrix lautet also:
Dies ist die Matrix einer Boost-Transformation. Die Matrizen für Raumdrehungen, Raumspiegelungen und Zeitspiegelungen ergeben sich analog.
Entstehung der Gleichungen
Elektromagnetische Wellen breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus, und die Maxwellgleichungen sind, obwohl das zur Zeit ihrer Aufstellung unbekannt war, nur als Gleichungen einer Welt sinnvoll, in der (lokal) die spezielle Relativitätstheorie gilt. Als die Maxwellgleichungen formuliert wurden, kannte man allerdings nur den absoluten Raum und die absolute Zeit der klassischen Mechanik, in der die Galilei-Transformation für Koordinatentransformationen anzuwenden ist. Unter der Galilei-Transformation lassen sich die Maxwellgleichungen jedoch nicht transformieren.
Durch die Arbeiten von Woldemar Voigt (1887), Hendrik Antoon Lorentz (1895, 1899, 1904), Joseph Larmor (1897, 1900) und Henri Poincaré (1905) wurde die Lorentz-Transformationen als die Transformationsgleichungen erkannt, die die Gleichungen der Elektrodynamik erhalten. Zu diesem Zeitpunkt war die Ätherhypothese Grundlage zur Erklärung verschiedenster elektromagnetischer Phänomene. Es war allerdings unbekannt, woraus dieser Äther bestehen sollte. Verschiedene Experimente deuteten auf eine Mitführung des Äthers beispielsweise durch die Erde hin, andere wiederum nicht. Lorentz erkannte im Rahmen der Lorentzschen Äthertheorie, dass sich verschiedene Phänomene erklären lassen, wenn man für elektromagnetische Erscheinungen eine Verkleinerung des Längenabstandes in Bewegungsrichtung des Bezugssystems und eine etwas vergrößerte Zeit, die er Ortszeit nannte, annimmt. Ihm gelang die Formulierung einer geschlossenen mathematischen Theorie. Er hielt aber an der Vorstellung des Äthers, der in einem Koordinatensystem ruhen sollte (und dieses Bezugssystem auszeichnet) fest.
Mit Albert Einsteins Formulierung der speziellen Relativitätstheorie wurde die klassische Mechanik und die Ätherhypothese abgelöst. Er leitete die Gleichungen aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit in jedem Bezugssystem und des Nichtvorhandenseins eines ausgezeichneten Bezugssystems ab und wendete sie auch auf Phänomene aus der Mechanik an. Die Lorentz-Transformation ersetzte die alte Galilei-Transformation. Die Galilei-Transformation wiederum bleibt im Falle kleiner Geschwindigkeiten (in sehr guter Näherung) gültig.
Mathematische Formulierung
Wie Poincaré (1905) zuerst erkannt, bilden die Lorentz-Transformationen eine Lie-Gruppe, deren Elemente ein (pseudokartesisches) Koordinatensystem in ein anderes transformieren. Diese speziellen Koordinatensysteme werden in der Regel als Inertialsysteme bezeichnet. Die drei Raumkoordinaten x1=x, x2=y, und x3=z und die Zeitkoordinate x4=ict, die ein so genanntes Ereignis in unserer Welt beschreiben, werden zu einem Vierervektor zusammengefasst, der Element des Minkowskiraumes ist (siehe auch Lorentz-Transformation und Minkowski-Raum). Auch alle anderen Vierervektoren, also nicht nur Viererortsvektoren, werden durch die gleiche Lorentz-Transformation transformiert. Im Folgenden wird die Transformation an einem Viererortsvektor exemplarisch dargestellt.
Die Sprache der Lorentz-Transformation ist folgendermaßen: Der Vierervektor , im Ausgangskoordinatensystem S, hat im Zielkoordinatensystem S' die Koordinaten . Von eigentlichem Interesse sind Transformationen zwischen zwei Systemen S und S', die sich relativ zueinander mit konstanter Geschwindigkeit bewegen. (Transformationen zwischen Systemen, die zueinander unbewegt sind, wie etwa zueinander gedreht, lassen sich nach den bekannten Regeln der Drehgruppe berechnen. Wenn man die Lorentz-Transformation um Verschiebungen (Translationen) erweitert, erhält man die Poincarégruppe, welche die Geometrie des Minkowskiraumes definiert. Lorentz-Transformationen ohne Drehung der Bezugssysteme werden auch als 'Lorentz-Boosts' bezeichnet.)
Wenn die Achsen der Koordinatensysteme parallel zueinander stehen und sie sich entlang der x1-Achse mit der Geschwindigkeit v relativ zueinander bewegen, dann nimmt die Lorentz-Transformation folgende Gestalt an:
Hierbei ist der Lorentzfaktor mit und , wobei c die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum ist.
Demnach ergeben sich die Gleichungen der Lorentz-Transformation zu
-
-
-
Um umgekehrt von S' nach S zu transformieren wird entsprechend die inverse Lorentz-Transformation benutzt, mit
Wobei sich hier die Gleichungen
-
-
-
ergeben.

Gammafaktor
Es gilt . Für Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit wird sehr groß. Für kleine Geschwindigkeiten (im Alltagsleben beobachtete Geschwindigkeiten sind in diesem Sinne immer klein) ist . Die Lorentz-Transformation wird für , und daher , zur Galilei-Transformation. Bemerkenswert ist auch, dass für , dass also die Lorentz-Transformation gerade die Galilei-Transformation wäre, wenn sich das Licht instantan fortpflanzen würde. Das bedeutet, dass es die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit ist, die die Effekte der Speziellen Relativitätstheorie hervorruft.
Ein allgemeiner Lorentz-Boost für zwei Bezugssysteme, die sich mit einer Relativgeschwindigkeit zueinander bewegen, ist gegeben durch:
-
Dabei ist
Wie man sieht gibt es verschiedene mathematische Schreibweisen, um die Lorentz-Transformation auszudrücken. Teilweise ist die Zeitkoordinate die erste Koordinate des Vierervektors; teilweise wird in Einheiten der Lichtgeschwindigkeit gerechnet, das heißt
c wird gleich 1 gesetzt, und die Geschwindigkeit
v ist dann eine Zahl zwischen 0 und 1; teilweise wird die Zeitkoordinate im Minkowskiraum als imaginäre Zahl behandelt.
Ganz allgemein kann man jede Lorentz-Transformation als eine Abbildung definieren, die einen Vierervektor V transformiert:
-
derart, dass
-
ist. Hier bezeichnet
die Matrix-Transposition.
ist der
Metrische Tensor (das Pseudo-
Skalarprodukt) des Minkowskiraumes. Es gibt verschiedene mögliche Darstellungen dieses Tensors; in der SRT verwendet man üblicherweise
-
\begin{bmatrix}
1 & 0 & 0 & 0 \\
0 & 1 & 0 & 0 \\
0 & 0 & 1 & 0 \\
0 & 0 & 0 & -1 \\
\end{bmatrix}
Eine andere Möglichkeit der Darstellung ist die invariante Länge des Lorentz 4-Vektor als Determinante einer Matrix zu schreiben.
-
\begin{bmatrix}
x^0 + x^3 & x^1 - i x^2 \\
x^1 + i x^2 & x^0 - x^3 \\
\end{bmatrix}
wobei
die Paulimatrizen und
die Einheitsmatrix beschreiben.
Bei einer Lorentztransformation muss nun nur noch die Determinante erhalten bleiben. Die mathematische Gruppe mit dieser Eigenschaft ist die SL(2,C) (eigentliche lineare Gruppe), mit den Pauli-Matrizen (Drehung) und den mit komplexem i multiplizierten Pauli-Matrizen (Boost) als Erzeugenden.
Lorentzinvarianz
Größen oder Gleichungen, die sich unter der Lorentz-Transformation nicht verändern, werden als Lorentzinvarianten bezeichnet, lorentzinvariante Größen auch 'Lorentzskalare'.
Die einfachste lorentzinvariante Größe ist der relativistische Abstand (hier vom Koordinatenursprung)
- ,
der im transformierten System zu
- ,
wird.
Unter einer Lorentz-Transformation ist dieser Abstand per Definition erhalten, das heißt
- .
Der relativistische Abstand ist gleich der Quadratwurzel des Skalarproduktes des Viererortsvektors mit sich selbst. Auch alle anderen Skalarproduke zwischen Vierervektorenen (beispielsweise Viererortsvektor, Vierergeschwindigkeit, Viererbeschleunigung, Viererimpuls, Minkowskikraft, Vierervektorpotential) sind lorentzinvariant. Lorentzskalare können als Vierer
tensor nullter Stufe angesehen werden und somit auch durch
Verjüngung von Tensoren höherer Stufe entstehen.
Zwei weitere wichtige Beispiele für Lorentzskalare sind die elektrische Ladung und die Ruhemasse. Die Energie ist kein Lorentzskalar, ihr Wert hängt von der Wahl des Inertialsystems ab.
Die Maxwellgleichungen sind ebenfalls lorentzinvariant. Sie behalten in allen Inertialsystemen die gleiche Form.
Folgerungen für spezielle Vierervektoren
Die Lorentz-Transformation vermischt, anders als die Galilei-Transformation, die ersten drei Komponenten eines Vierervektors mit der letzten Komponente. Das hat einige auf den ersten Blick unanschauliche Folgen.
Viererortsvektor
Bei der Lorentz-Transformation eines Viererortsvektors werden die Ortskoordinaten mit der Zeitkoordinate vermischt. Deshalb ist im Rahmen der Relativitätstheorie keine absolute Gleichzeitigkeit räumlich getrennter Ereignisse mehr definiert. Einzig der Viererabstand s zweier Ereignisse und damit ihre Eigenschaft, raumartig (s²>0), lichtartig (s²=0) oder zeitartig (s²<0) zueinander zu sein, bleibt durch die Transformation erhalten. Das bedeutet, dass zwei Ereignisse, die in einem Bezugssystem zum selben Zeitpunkt an unterschiedlichen Orten stattfinden, in einem dazu bewegten zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden können. Zu jedem raumartig getrennten Ereignispaar gibt es ein Bezugssystem, in dem die Ereignisse gleichzeitig stattfinden, und zu jedem zeitartig getrennten Ereignispaar gibt es eines, in dem die Ereignisse am gleichen Ort stattfinden. Lichtartig getrennte Ereignisse finden entweder in allen oder in keinem Bezugssystem zur gleichen Zeit und am gleichen Ort statt.
Zeitdilatation und Längenkontraktion sind die unmittelbaren Folgen der Lorentz-Transformation der Viererortsvektoren.
Vierergeschwindigkeit
Die vierte Komponente der Vierergeschwindigkeit ist , enthält also neben der Geschwindigkeit keine weitere physikalische Größe. Die Geschwindigkeit selbst (in den ersten drei Komponenten, multipliziert mit ) wird aber wiederum anders transformiert als durch die Galilei-Transformation. Die Relativgeschwindigkeit der Bezugssysteme wird nicht einfach hinzuaddiert. Falls beide Geschwindigkeiten in die selbe Richtung zeigen, addieren sich die Rapiditäten (also die Größe , siehe auch Relativistisches Additionstheorem für Geschwindigkeiten). Die sich ergebende Geschwindigkeit (auch im allgemeinen Fall unterschiedlicher Richtung) ist immer kleiner als die Lichtgeschwindigkeit, so dass diese als Grenzgeschwindigkeit anzusehen ist. Die Lichtgeschwindigkeit selbst bleibt beim Wechsel des Bezugssystems konstant, wie nicht anders zu erwarten ist, weil die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit eine Grundannahme bei der Herleitung der Lorentz-Transformation ist.
Experimentelle Nachweise
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden viele Experimente zur Messung der Lichtgeschwindigkeit angestellt, unter anderem von Michelson und Morley, die 1888 in ihrem berühmten Experiment (Michelson-Morley-Experiments) eine Genauigkeit über 10-5 erreichten. (Später ließen sich beispielsweise mit Hilfe des Mößbauer-Effekt noch wesentlich höhere Genauigkeiten erzielen.) Diese Experimente ergaben die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit unabhängig vom Bewegungszustand der Erde, des Beobachters usw. Hilfsannahmen wie die Mitführung des Äthers als Medium für die Ausbreitung von Licht können nicht alle Phänomene erklären.
Im Bereich der Elementarteilchen lässt sich die Zeitdilatation als Verlängerung der Lebensdauer direkt nachweisen.
Weblinks