Theorie
Althusser, der unter anderem von der Psychoanalyse Jacques Lacanss, von der politischen Theorie Antonio Gramsci, von der Philosophie Spinozas sowie von der Epistemologies Gaston Bachelard beeinflusst war, unterzog das Werk von Karl Marx einer strukturalistischen Analyse.
Althusser spielte in den marxistischen Diskussionen Frankreichs, Italiens und Lateinamerikas eine wichtige Rolle, doch in DDR und BRD blieb Althusser die Anerkennung weitgehend verwehrt. Auch wenn er zwischendurch immer wieder in Vergessenheit zu geraten scheint, beeinflusst Althussers Denken wichtige Debatten. In den vergangenen Jahren integrierten zum Beispiel Judith Butler und Slavoj Žižek Althussers Begriff 'Anrufung' ('Interpellation') in ihre Subjekt-, Ideologie- und Gesellschaftstheorie. Die postmarxistischen Theoretiker Ernesto Laclau und Chantal Mouffe greifen außerdem seine Verwendung des psychoanalytischen Begriffs der Überdeterminierung auf. Elemente sind dann überdeterminiert, wenn sie nicht auf eine einfache Ursache zurückzuführen sind oder eine eindeutige Bedeutung haben, sondern sich aus mehreren Quellen speisen und sich gegenseitig beeinflussen.
Für Althusser gründen dialektischer wie historischer Materialismuse auf dem Prinzip des Vorrangs der Arten von Praxis. Alle Ebenen der sozialen Existenz sind verschiedene Praxen. Praxis bedeutet die Transformation eines (politischen, symbolischen, ökonomischen, 'natürlichen') Ausgangsmaterials durch bestimmte Akteur, welche in einem spezifischen Kontext bestimmte (politische, symbolische, ökonomische, ...) Produkte herstellen. Sie ist immer das determinierende Moment im Produktionsprozess. Althusser unterscheidet mehrere Arten von Praxis: theoretisch-wissenschaftliche, politische, ideologische und ökonomische. Die Konfiguration aller Praxisformen bildet die jeweilige Gesellschaftsformation. Die Akteure sind die in Klassen situierten und organisierten Menschen, die im Kontext historisch spezifischer Produktionsverhältnisse sowie politischer und ideologischer Verhältnisse agieren, so Althusser in Das Kapital lesen. Wissenschaften versuchen, theoretische Ideologien in (wissenschaftliches) Wissen zu transformieren.
Ideologische Staatsapparate (ISA)
Althusser entwickelt in seinem Text Ideologie und ideologische Staatsapparate die These, dass im Kapitalismus die Wiederherstellung der Arbeitskraft auch ideologisch geleistet werden müsse. Diese geschehe jedoch nicht nur durch das vom Überbau vermittelte falsche Klassenbewusstsein, sondern habe dort auch eine eigene materielle Existenz in Form der ideologischen Staatsapparate (z.B. Familie, Schule, Kirche). Die Macht der ideologischen Staatsapparate wirke durch aufgezwungene Rituale und durch die Anrufung der Subjekte durch Institutionen des großen Anderen (Jacques Lacan), beispielsweise Partei, Nation und Gott. Ideologie sei nicht einfach nur repressivee, sondern gebe den Individuen die Möglichkeit, sich als Subjekt innerhalb einer Gesellschaft zu konstituieren – wenn auch ideologisch als Verkennung der tatsächlichen (Klassen-)Position. Ideologie sei nach Althusser nicht nur 'Manipulation', sondern konstituiere überhaupt erst Subjekt – und diese verstünden sich trotz bzw. wegen ihrer Unterwerfungen als frei.
Althussers Schüler Michel Foucault konnte hieran anknüpfend seine Theorie des Diskurses (vgl. Diskursanalyse) und eine eigene Theorie der Macht entwickeln, die ähnlich der Ideologie bei Althusser auch materielle, d.h. körperliche und institutionelle Effekte produziere.
Zitate über Althusser
Slavoj Žižek nannte ihn einmal einen 'verschwindenden Vermittler' zwischen marxistischer Tradition und den neuen, um 'Entunterwerfung' kämpfenden sozialen Bewegungen und ihrem theoretischen Pendant, für das die Bezeichnung 'Poststrukturalismus' gebräuchlich sei. Althusser habe dafür gestritten, dass 'der Marxismus endlich beginnt, sich zu erkennen, wie er ist, und sich verändern wird'. In der in künftigen Klassenkämpfen anstehenden Transformation des Marxismus werde Althusser selbst vermutlich so etwas wie eine 'abwesende Ursache' sein, anwesend in den Wirkungen der Herausbildung einer neuen revolutionären Theorie und Praxis, die das Erbe von Marx und Lenin aus der episteme des neunzehnten Jahrhunderts löse, um es in einen Bezugsrahmen einzubinden, der die Gesamtheit der Unterwerfungen, Einsperrungen und Disziplinierungen, die die Arbeitskraft als Ware konstituierten, an den Wurzeln packe.
Henning Böke schreibt: „Althussers bleibende Leistung als marxistischer Philosoph, der den revolutionären Marxismus immer als eine Art 'Gegen-Marxismus' begriff, ist die, dass er, wohl ohne es selbst zu wissen, als Erster systematisch innerhalb des Marxismus jenen Paradigmenwechsel vollzogen hat, den als linguistic turn zu bezeichnen sich eingebürgert hat, indem er das aus der klassischen Philosophie überkommene Subjekt-Objekt-Paradigma durch ein diskursanalytisches ersetzte.“
Siehe auch
Werke (Auswahl)
- Für Marx. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968 (Original: Pour Marx. 1965)
- Mit Etienne Balibar: Das Kapital lesen. Hamburg: Rowohlt 1972 (Original: Lire le Capital. Warnung: die deutsche Übersetzung ist sehr schlecht und oft missverständlich!)
- Elemente der Selbstkritik, Westberlin 1975
- Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie. Hamburg/Westberlin: VSA 1977. Darin v.a. der Aufsatz Ideologie und ideologische Staatsapparate (1970), auch als pdf
in anderer Übersetzung
- Die Krise des Marxismus. Hamburg/Westberlin: VSA 1978
- Philosophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler (Schriften Band 4), Hamburg: Argument 1985
- Machiavelli. Montesquieu. Rousseau. (Schriften Band 2) Hamburg: Argument 1987
- Écrits philosophiques et politiques. Tome I et II. Paris 1994 und 1995.
- Die Zukunft hat Zeit. Hamburg: Fischer (Original: L´avenir dure longtemps. geschrieben 1985, veröffentlicht 1992)
Literatur
- Henning Böke/Jens Christian Müller/Sebastian Reinfeldt (Hrsg.): Denk-Prozesse nach Althusser. Hamburg: Argument 1994
- Isolde Charim: Der Althusser-Effekt. Entwurf einer Ideologietheorie.'' Wien: Passagen 2002
- Thomas Lemke: Konturen einer „Nicht-Philosophie“. Zur Neuaneignung des marxistischen Philosophen Louis Althusser., in: Das Argument, Nr. 223, 1997, auch online
- Robert Pfaller: Althusser. Das Schweigen im Text. München: Fink 1997
- Tobias Bevc: Louis Althusser. In: Gisela Riescher (Hg.): Politische Theorie der Gegenwart in Einzeldarstellungen von Adorno bis Young. Stuttgart 2004. S. 8-11.
Weblinks