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Geändert: 2007-12-10
Kategorie: Baudenkmalpflege

Rekonstruktion

Rekonstruktion der Frauenkirche in Dresden

Rekonstruktion der Frauenkirche in Dresden

Rekonstruktion ist der Vorgang des neuerlichen Erstellens oder Nachvollziehens von etwas mehr oder weniger nicht mehr Existierendem oder Unbekanntem beispielsweise eines verloren gegangenen Werkes der Musik, Literatur oder Kunst, eines zerstörten Gebäudes, eines Tathergangs oder eines Datenbestandes. Die „Rekonstruktion“ ist nicht nur der Vorgang, sondern auch sein Ergebnis. Beim Rekonstruieren ist es unabdingbar, sich an erhaltenen Fragmenten, Quellen oder auch nur Indizien zu orientieren. Aufgrund der Menge und Qualität der Annahmen hat eine Rekonstruktion immer hypothetischen Charakter.

In der Abtasttheorie ist die Rekonstruktion das Gegenteil der Abtastung.

1 Architektur und Denkmalpflege
2 Digitale Rekonstruktionen
3 Weitere Arten der Rekonstruktion
4 Weitere Bedeutungen des Begriffs

Architektur und Denkmalpflege

]] Besonders im Bauwesen haben in den letzten Jahren spektakuläre Rekonstruktionen von sich reden gemacht. Auf keinem anderen Gebiet der Kultur gibt eine ähnliche größe Anzahl von Rekonstruktionen wie in der Architektur. Sie sind - zumindest in Deutschland - sehr umstritten.

Arten der Rekonstruktion von Bauwerken

Noch heftig umstritten: die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses

Noch heftig umstritten: die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses

Es gibt verschiedene Vorgehensweisen bei der Rekonstruktion, die sich im Grad der Originaltreue und in der Sensibilität der Umsetzung unterscheiden. Doch selbst wenn ein Gebäude weitgehend originalgetreu wiederentsteht: Baurechtlich kommt eine Rekonstruktion einem Neubau gleich und ist daher (in Deutschland) kein Baudenkmal im Sinne des Denkmalschutzgesetzes. Georg Mörsch bezeichnet in der Architektur die Rekonstruktion als eine „wissenschaftliche Methode der Quellenausbeute zur Neuherstellung untergegangener Dinge, unabhängig von der Zeit, die seither verstrichen ist“. (siehe Literatur)

Bei der originalgetreuen Rekonstruktion wird nach aufwendiger Quellenforschung das Bauwerk möglichst originalgetreu wiedererrichtet. Oft werden noch vorhandene Originalbauteile verwendet. Diese Art der Rekonstruktion findet sich vor Allem bei kulturhistorisch bedeutenden Bauwerken, die dann als Anschauungsobjekt dienen und museal genutzt werden. Ähnlich geht man bei der Anastilosis vor, allerdings wird dem Bauwerk dabei ein neues Tragwerk verpasst.

Bei der interpretierenden Rekonstruktion wird auf der Grundlage der historischen Quellen ein neuer Entwurf gemacht. Es entstehen Gebäude, die dem Charakter und Gesamteindruck des Originals entsprechen, ohne zu versuchen, sie eins zu eins zu kopieren. Ein Beispiel ist der Prinzipalmarkt in Münster. Die Ziergiebel der Häuser wurden neu entworfen, der Gesamteindruck des Marktes blieb jedoch erhalten.

Generelle Probleme bei der Rekonstruktion von Bauwerken

Unabhängig davon, welche Art der Rekonstruktion vorgenommen wird, gibt es einige Probleme und Fragestellungen, die immer wieder auftauchen.
  • Die Originalbauwerke wurden oft nur unvollständig dokumentiert, also müssen die fehlenden Teile neu erdacht werden.
  • Die Baustoffe oder Bautechniken, die bei der Errichtung des Originals zur Verwendung kamen, sind heute nicht mehr verfügbar oder finanziell nicht mehr erschwinglich.
  • Das Original entspräche nicht den Raumanforderungen, die die neue Nutzung des Gebäudes stellt. Daher wird das Gebäude im Inneren neu strukturiert und gegliedert.
  • Das „Original“ entspräche nicht mehr den heutigen statischen Sicherheitsanforderungen, also muss man das Tragwerk verändern. Ein Beispiel ist die Frauenkirche (Dresden), bei der eine geringe Menge Stahlbeton verwendet wurde.
  • Das „Original“ entspräche nicht mehr heutigen Komfortansprüchen (Klima, Elektrotechnik, Sanitärinstallationen), also wird der Originalentwurf dementsprechend angepasst.

Gründe

Es gibt sehr unterschiedliche Motive, die hinter dem Wunsch nach Rekonstruktionen stehen:
  • nostalgische Motive: Deutschland hat durch die Bombardements im Zweiten Weltkrieg und die weiträumigen Stadtumbauten der Nachkriegszeit wie kein zweites Land eine Menge an baulichem Erbe verloren. Zu wenig ist insbesondere von den Städten,die bis zum Krieg teilweise zu den schönsten der Welt zählten, erhalten.
  • kunsthistorische Motive: viele zerstörte Objekte waren kunsthistorisch von so herausragender Bedeutung, dass sie als Beispiel verlorener Werte rekonstruiert werden sollten.
  • ästhetische Motive:
    • die meisten Menschen finden historisierende Architektur schöner und haben keinen Bezug zu zeitgenössischer Architektur.
    • historisch entstandene Baulücken werden als Makel im Städtebau empfunden. Beispiel: das Schloss in Berlin wird von vielen Berlinern als unentbehrlich für die städtebauliche Situation im Herzen Berlins gesehen.
  • emotionale Motive:
    • Identifikation: bestimmte, verlorengegangene Gebäude werden für die Identität eines Ortes als prägend empfunden, die Bewohner identifizieren diese Gebäude als unentbehrlichen Teil ihrer Stadt.
    • Symbolische Bedeutung: Die Frauenkirche in Dresden wurde zum Symbol der Versöhnung nach dem zweiten Weltkrieg und ein wichtiger Bestandteil der Identität der Stadt.
  • kommerzielle Motive:

Diskussion

In der Architektur und Denkmalpflegen ist die Rekonstruktion von Gebäude sehr umstritten. Es stehen sich sehr unterschiedliche ästhetische Vorlieben und Wertvorstellungen gegenüber.

Kritiker

Zunächst gibt es grundsätzliche Kritik an der Idee der Rekonstruktion: warum sollte man etwas wiederentstehen lassen, das nun einmal zerstört ist, wenn man doch statt dessen ein neues Gebäude errichten kann, das den Anforderungen der Nutzer viel besser entspricht und wahrscheinlich auch preiswerter ist?

Die Kritiker sagen, unsere moderne Gesellschaft benötige eine Architektur, die den modernen Lebensumständen und Bedürfnissen gerecht werde und entspräche. Man könne nicht so tun, als lebe man noch im 18. Jahrhundert. Zeitgenössische Architektur sei ein Ausdruck gesellschaftlicher Identität, und die entwickele sich kontinuierlich weiter.

Zudem ist das Argument der Ästhetik, dass historisierende, rekonstruierte Gebäude 'schöner' seien, für viele der Kritiker nicht nachvollziehbar, da sie zeitgenössische Architektur als ebenso ästhetisch empfinden.

Weiterhin finden sie, dass ein rekonstruiertes Gebäude kaum kulturellen und ideellen Wert habe und die Errichtung einer Kulissenarchitektur (oft wird abschätzig und unpräzise von Disneyland gesprochen) zur Verklärung der Vergangenheit und zum Verlust der Authentizität führe.

Befürworter

Die Befürworter argumentieren mit der Bedeutung im Stadtbild oder der ideellen Bedeutung eines Gebäudes.
Darüber hinaus wird darauf hingewiesen, dass die als Alternative zu einer Rekonstruktion denkbaren Entwürfe im Stile zeitgenössischer Architektur den ästhetischen Vorlieben des Großteils der Bevölkerung nicht entspreche.

Dem Argument, dass ein rekonstruiertes Gebäude nicht „echt“ sein könne, wird entgegengehalten, dass einerseits an keinem alten Gebäude alle Bestandteile echt seien, da zwangsläufig immer wieder Reparaturen oder Ergänzungen vorgenommen werden, an vielen alten Gebäuden sei sogar über die Jahrhunderte hinweg betrachtet kaum ein Stein mehr original. Außerdem dürfe die Echtheit nicht rein materialistisch gedacht werden, das heißt nur auf das Material bezogen, sondern müsse auch ideell gedacht werden, d.h. auf die Idee bezogen, und lägen alte Pläne vor, so hätte man die Idee eines Gebäudes, das heißt eine Rekonstruktion bezöge sich dann auf die Idee des Gebäudes und wäre genauso echt genauso echt wie ein anderes Gebäude, das früher nach demselben Plan gebaut worden wäre. Im öffentlichen Bewusstsein verschwindet die Tatsache der Rekonstruktion eines Gebäudes relativ schnell, wenn man von so spektakulären Beispielen wie der Dresdner Frauenkirche absieht. Im allgemeinen Bewusstsein sind, etwa bei der relativ frühzeitig rekonstruierten Münchner Klosterkirche St. Anna im Lehel, Zerstörung und anschließende Rekonstruktion nicht mehr als eine Episode in der Geschichte des Bauwerks.

Alternativen

Es gibt Beispiele, die Alternativen zur Rekonstruktion von zerstörten Gebäuden aufzeigen. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, ein Mahnmal gegen den Krieg. Oder die Kuppel des Reichstagsgebäudes, die zum Wahrzeichen des wiedervereinigten Deutschland geworden ist, was eine reine Rekonstruktion wohl nicht geschafft hätte.

Ausland

In Polen begann man bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg mit Rekonstruktionen kriegszerstörter Gebäude. Die Altstädte von Breslau, Danzig und Warschau wurden weitgehend wiederaufgebaut. Die vorwiegend in den Jahren 1946 bis 1953 erfolgte Rekonstruktion der Warschauer Altstadt wurde als eine Meisterleistung gewürdigt. Die Altstadt ist heute als Weltkulturerbe von der UNESCO anerkannt. Auch das Warschauer Schloss wurde nach dem Krieg wiederaufgebaut.

Beispiele

Die rekonstruierte Ecke der Bauakademie mit der Ergänzung des Gebäudes als Kulisse, 2004. Daneben die Friedrichswerdersche Kirche

Die rekonstruierte Ecke der Bauakademie mit der Ergänzung des Gebäudes als Kulisse, 2004. Daneben die Friedrichswerdersche Kirche

Siehe auch

Literatur

  • Zur Begriffsklärung und Abgrenzung der Rekonstruktion im Bauwesen gegenüber anderen Begriffen wie Wiederaufbau siehe: Mörsch, Georg, Aufgeklärter Widerstand. Das Denkmal als Frage und Aufgabe. Basel, Boston, Berlin 1989, p. 97ss
  • Zur aktuellen Diskussion um die Legitimität der Rekonstruktion in der Architektur: Heinrich Magirius/Böhme, Ulrich: Meinungsstreit: Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche oder Erhaltung der Ruine als Denkmal?, in: DKD 49.1991 (pp. 79-90)
  • Hartwig Schmidt: Wiederaufbau (Architekturreferat des Deutschen Archäologischen Instituts. Denkmalpflege an archäologischen Stätten Band 2), Konrad Theis Verlag, Stuttgart 1993, ISBN 3-8062-0588-4

Weblinks

  • Stadtbild Deutschland Weblinks Die Seite eines Vereines, der sich eindeutig pro Rekonstruktionen positioniert und viel Material zum Thema anbietet.

Digitale Rekonstruktionen

Die digitale oder auch virtuelle Rekonstruktion dient zur Darstellung zerstörter Gebäude, Städte oder historischer Vorgänge. Die digitale Auferstehung zerstörter beziehungsweise beschädigter Kulturgüter wird mit CAD und Rendering-Software erstellt und dient der Veranschaulichung. Einen Sonderfall stellt die digitale Simulation historischer Entwürfe dar, die ungebaut blieben, wie zum Beispiel die „Sternkirche“ von Otto Bartning (1922).

Die digitale Rekonstruktion nicht länger existenter (Architektur-) Objekte im stadträumlichen Kontext, kommt einer „virtuellen Wiedergewinnung“ gleich. Irreversible Zerstörungen, welche über die Zeiten hinweg identitätsstiftende Bauwerke aus dem Stadtraum entfernten, bilden nicht selten den Anlass für eine digitale Rekonstruktion. Im Zuge der Rekonstruktion tritt in vielen Fällen die Problematik der Zuverlässigkeit des vorhandenen Grundlagenmaterials in den Vordergrund. Fotografien liefern aufgrund der zweidimensionalen Daten nur eingeschränkten Informationsgehalt über den Gegenstand der Betrachtung. Fehlende Informationen müssen ergänzt bzw. durch zusätzliche Quellen ersetzt werden.

Das dreidimensional rekonstruierte Objekt offeriert ungleich erweiterte Möglichkeiten im Umgang als etwa ein „Pappmodell mit aufgeklebter Fassadenfotografie“. Wesentlich ist jedoch, dass es erst die vollständige digitale Modellstruktur gestattet, die plastische Erscheinungsform einer Architektur in konkreter Form zu veranschaulichen. Darüber hinaus kann ein virtuelles Modell in Teilmodelle zerlegt werden, ohne dass diese „Zerlegungen“ einen Vernichtungsprozess nach sich führen. Abseits dessen gestattet das virtuelle Modell die Generierung von unterschiedlichen Rekonstruktionsvarianten hinsichtlich Farbe und Material. Die Implementierung computergenerierter Baustrukturen in eine zusammengefügte Realbildumgebung vermag es, ergänzt durch „Navigation in Echtzeit“ eine Wirklichkeitsnähe zu erlangen, welche sich den komplexen Vorgängen menschlicher Wahrnehmung annähert.

Beispiele

Siehe dazu auch

Weitere Arten der Rekonstruktion

Mammut, Rekonstruktion

Mammut, Rekonstruktion

Weitere Bedeutungen des Begriffs

In der Wirtschaftssprache der DDR bedeutete Rekonstruktion die Erneuerung vorhandener Produktionsmittel nach dem modernsten Stand von Wissenschaft und Technik, um hohen ökonomischen Nutzeffekt erzielen zu können. Der Begriff bezog sich nicht allein auf einzelne Betriebe, sondern erstreckte sich auf alle Bereiche der Wirtschaft.

Bei der Deutschen Reichsbahn sowie den Straßenbahnen in der DDR wurde die durchgreifende Modernisierung von Eisenbahnfahrzeugen ebenfalls als Rekonstruktion, abgekürzt REKO, bezeichnet. Dies betraf auch die Berliner S-Bahn.

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