Der Symbolbegriff
Die Vereinbarung, was unter dem Begriff
Symbol zu verstehen ist, ist selbst in der Zeichentheorie durchaus nicht einheitlich. So sind Missverständnisse die Folge, wenn nicht im jeweiligen Diskurs vorab geklärt wird, in welchem Sinne der Symbolbegriff zu verstehen ist. Ganz allgemein kann angenommen werden, im Symbol seien die
Gestalt und die
Bedeutung 'zusammengeworfen' oder vereinigt worden, wie in 'Siegel und Siegelabdruck' (Urbedeutung des altgriechischen Wortes
symballein, auch i. S. von
Vertrag zweier Parteien).
Zu klären ist weiterhin, ob der Begriff Symbol im Sinne von z. B. Ernst Cassirer, Jean Piaget[Literatur zu Piagets Symbol-Begriff: Hans G. Furth: Intelligenz und Erkennen. Die Grundlagen der genetischen Erkenntnistheorie Piagets., ISBN 3518077600.], oder Charles S. Peirce verwendet wird, wobei die häufigste Konfliktursache wohl die Opposition Symbol vs. Zeichen zu sein scheint, weil hier ein Konkurrenzverhältnis konstruiert wird, das so nicht gegeben ist.
In der neueren Semiotik hat sich die Auffassung von Charles Sanders Peirce durchgesetzt, der als einer der »Väter« der Semiotik gilt. Bei Peirce ist der Begriff Zeichen als Überbegriff zu verstehen. Symbol ist dann eine der drei Unterkategorien | Symbol | Index | Ikon |. Besonders hervorzuheben ist hier, dass die fachspezifische Verwendung des Begriffs Symbol im Bereich verschiedener Disziplinen verschiedenes meinen kann.
Während in der Kunst-Didaktik der Symbolbegriff eher von Piagets Symbolverständnis abgeleitet wird, hat sich in der Ausbildung der Kommunikations-Designer (Kommunikationsdesign, das der Semiotik näher steht) der Peirce-Symbolbegriff etabliert. Wenn also ein Kunsterzieher und ein Kommunikationsdesigner von Symbol reden, haben sie einen erheblichen Klärungsbedarf.
Dass ein Symbol nicht im Sinne einer Bedeutungs-Verdichtung zu verstehen ist, wird deutlich bei Jacques Lacans Darstellung der Symbolisierungsfunktionen. Die symbolische Ordnung wird nach Lacan über drei Register organisiert, die zueinander in einem wechselseitigen und unauflösbaren Verhältnis stehen. Es sind dies die »drei Register der symbolischen Ordnung« | Reales | Symbolisches | Imaginäres |. Lacan hat ihr Verhältnis zueinander in Form eines Knotens dargestellt. Der »Borromäische Knoten« ist ein zentrales Element in der Lehre Lacans und dient dem Verständnis dreier möglicher Organistation der Psyche im Rahmen dreier psychischer Verfasstheiten: | Neurose | Psychose | Perversion |.
Nach Lacan weist zudem jede symbolische Ordnung einen nicht symbolisierbaren Rest auf, der zugleich den Überschuss und den Mangel des Systems verkörpert. Dieser nicht integrierbare Rest ist das „Symptom des Begehrens“, welches das System als Ganzes bestimmt. Der Begriff Symbol als Bezeichnung für eine Entität löst sich damit auf. Lacan hat auch eine Reihe weiterer Theoreme im Zusammenhang mit der Organistation von Zeichen | Symbol | Diskurs entwickelt, die neben der Psychoanalyse vor allem für Kulturdisziplinen (Cultural Studies) relevant sind.
Das Symptom (siehe Lacan: »Sinthome«) kann in einer kulturrelevanten Lesart als das aufgefasst werden, was als „Ästhetik“ bezeichnet wird, wobei sich hier das Schweigen des »Großen Anderen« zeigt. [Einstiegslektüre zu der Darstellung der Symbolierungsfunktionen nach Lacan: Peter Widmer: Subversion des Begehrens. o. A.]
So gesehen erscheint jede Diskussion darüber, was ein Symbol ist, obsolet, weil Diskussionen dieser Art von einer Illusion getragen werden, die auf der Suggestivwirkung eines kopulierenden Verbs basieren: des Verbs »ist« und seiner Modifikationen.
Besondere Bedeutung kommt Symbolen traditionell in der chinesischen Kultur zu.
Ursprung
Die
Ursprungsbedeutung leitet sich von einem antiken
Brauch ab: Ein Gast reichte seinem Gastgeber zum Abschied eine zerbrochene Tontafel oder einen Tonring (vgl. auch 'tessera hospitalis'). Sie dienten als Erkennungszeichen bei einem möglichen Gegenbesuch eines Mitglieds aus dem Gastgeberhaushalt bei dem ehemaligen Gast: Durch das
Zusammenfügen der beiden Bruchstücke konnte sich der ehemalige Gastgeber (oder einer aus seiner Familie) als solcher zu erkennen geben. Der
Ring als Symbol weist so über sich hinaus auf die Bedeutung „
Ehe“.
In der
Ästhetik ein Erkennungszeichen, einfach in der Form, reich und tief im Sinn. Auf Denk- und Grabmälern nicht unüblich. Beispiel: Der „Lindenbaum“ im Lied
„Am Brunnen vor dem Tore“ von
Franz Schubert/
Wilhelm Müller. Nach Dietrich
Ritschl sind Symbole
„Produkte bewusster, reifer Erkenntnisleistung durch Repräsentanzen in Form von Worten, Handlungen oder Gesten. Symbole vermitteln, was anders nicht artikuliert werden kann.“ (
Zur Logik der Theologie, München 1984, 22). Hiergegen steht die These der
Psychoanalyse, besonders
Sigmund Freud,
Jacques Lacan und
Ernest Jones, dass sich die Symbole hauptsächlich im
Unbewusten strukturieren, um das Ich/Bewusstsein auf diesem nonverbalen Wege über die Bedürfnisse des 'ES' (ein Begriff für das wissenschaftliche Verständnis der
Seele) zu informieren. Erkrankungen der Psyche (u. a. die
Neurose) führen zu einer Verundeutlichung der sonst spontan verständlichen symbolischen Botschaft, ihrer Zensur oder gar gänzlichen Verdrängung, deren Umkehr aber über das Verfahren der
Traumdeutung machbar sei, nach Freud der 'Königsweg in das
Unbewusste.'
Der Philosoph Jacques Derrida nimmt Symbole als wirkend an und schuf für das wirkende Zeichen den Begriff der Differance.
Der Literaturtheoretiker Kenneth Burke versucht, Symbole als rhetorische Strategien zu begreifen, die dazu dienen, Konflikte der individuellen Psyche in die Gesellschaft zu entlassen.
Mit der Symbolik, der Erforschung des Wesens und der Arten der Symbole, hat sich bahnbrechend Ernst Cassirer befasst.
Walter Benjamin bestimmt das Symbol als 'die Identität von Besonderem und Allgemeinem' und setzt es im Gegensatz zur Allegorie: die Allegorie markiere hingegen die Differenz zwischen Besonderem und Allgemeinem. [ Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1987, Bd. 1, S. 352 ]
- Alle Religionen drücken Kerngedanken in Symbolen aus, z. B. das Rad (als Symbol der ewigen Wiederkehr), das leere Grab (als Symbol der Auferstehung), der Weg (als Symbol der Lebensgeschichte oder der Lebensführung).
- Daneben gibt es in den christlichen Kirchen Glaubenssymbole, das sind Glaubensbekenntnisse. Dies leitet sich von einer Nebenform des griechischen Wortes sýmbolon, dem symbólaion (griechisch συμβόλαιο[ν]), ab: der Vertrag, die Übereinkunft. Diese Symbola sind als verbindliche Glaubensurkunden zu verstehen (z. B. das Apostolikum und die Confessio Augustana). Auch eine Zahlensymbolik durchzieht das theologische Denken, deren Grundlage die Drei als Zahl der Dreieinigkeit und der theologischen Tugenden, und die Vier als Zahl der Welt bilden. Es gibt vier Tages- und Jahreszeitenen, Himmelsrichtung, Elemente, Lebensalter, vier christliche Kardinaltugendesen (Glaube, Liebe, Hoffnung, Barmherzigkeit), vier Ströme des Paradies (Euphrat, Tigris, Pison, Geon), als Männer mit Wasserkrügen z. B. am Taufbecken des Hildesheimener Doms abgebildet. In der Vierzahl kommen auch die großen Prophet und die Evangelistenen vor. Drei und vier ergeben addiert sieben, multipliziert zwölf. In der Siebenzahl treten die Tugendnen, die Todsünde und die freien Künste (artes liberales) auf, zu zwölfen die Monate, die Stämme Israels, die kleinen Propheten, die Jünger Jesu.
Religiöse Symbole sind
konstitutive Elemente religiöser Identifikation, Sprache und Handlungen.
Paul Tillich hat darauf hingewiesen, dass alle 'Religiöse Sprache' im Wesentlichen symbolisch sei, weil die Religion sich ja meist auf die Transzendenz bezieht und damit alles Vordergründige (also die Immanenz) übersteigt.

Religiöse Symbole
Beispiele
Religiöse Symbole sind u. a.:
Beispiele „Religiöser Handlungen“ sind
Sakramente wie
Taufe und
Abendmahl.
... werden, wie in der
Religion, Symbole verwendet, die auf
Transzendenz verweisen. Mit ihrer Erforschung befasst sich vor allem die
Tiefenpsychologie in der Tradition von
Carl Gustav Jung und die Vergleichende
Mythologie. Auf der Arbeit Jungs beruhen z. T. auch die Forschungen von Mythologen wie
Joseph Campbell, der die Symbole in Religion und
Mythos als innere und geistige Wahrheiten im Gegensatz zu historischen Fakten interpretiert und zu den wichtigsten Vertretern der Vergleichenden Mythologie (Comparative Mythology) zählt. Laut Campbell
enthält die Bildsprache von Mythos und Religion selbst keine absolute Wahrheit, sondern
verweist auf eine Wahrheit jenseits von Bildern, Bedeutungen, Ideologien, Theologien und Konzepten. Insofern ist das mythische Symbol ein Hilfsmittel, um das Bewusstsein zu transformieren und zu erweitern im Hinblick auf Transzendenz. Es steht damit im Gegensatz zur ideologischen oder manipulativen Verwendung von Symbolen, wie sie zum Teil in Politik oder Religion zu beobachten ist.
Die bildende Kunst verwendet seit den frühesten Beispielen von
Höhlenmalerei bis in die Gegenwart hinein Symbole. In
sakraler Kunst folgt die Symbolik dabei den Vorgaben von
Religion und
Theologie. Es gibt häufig eine verbindliche
Ikonographie. In der
Moderne tritt dagegen der individuelle und freie Umgang mit Symbolen an die Stelle traditioneller Bildprogramme.
Nach der von
Jürgen Link entwickelten
Theorie der Kollektivsymbolik besitzen alle Mitglieder einer Gesellschaft einen Vorrat an Kollektivsymbolen. Damit steht ihnen ein Archiv von Bildern zur Verfügung, mit der sich jeder ein Gesamtbild von der gesellschaftlichen Wirklichkeit oder von der politischen Landschaft machen kann. In der kritischen
Diskurstheorie spielt die Analyse der Kollektivsymboliken ein wesentliche Rolle.
Auch die Wissenschaft verwendet Symbole, indem Wirklichkeit in Form von symbolischer Repräsentanz abgebildet wird.
Ernst Cassirer deutet den gesamten Bereich menschlicher Kultur in Form von
symbolischen Formen: Auch in den Wissenschaften wird mit sinnlichen Zeichen gearbeitet, die zum Träger von geistigen Bedeutungen und damit von Sinn werden.
finden Symbole häufige Verwendung (z. B. in Gestalt nationaler
Fahnen), siehe auch
politisches Symbol
Beispiele
Beispiele für politische Symbole:
In manchen Staaten (z. B. in
Frankreich), ist das Tragen von politischen oder religiösen Symbolen in öffentlichen Gebäuden verboten.
Siehe auch: Nationale Symbole, Meinungsfreiheit, Kopftuchstreit
sind Symbole zumal am Erfolg von
Marken beteiligt (z. B. der
Erdal;-Frosch,
Mercedes-Stern). Logografien sind wichtige Symbole der Corporate Identitys (Erkennungszeichen eines Unternehmens). Doch auch allgemeine Symbole existieren, wie das Standbild zum Zeichen des Marktfrieden - der '
Roland' - in deutschen Städten (heute noch unter anderem in
Bremen und
Wedel, einige im Ausland).
In der Technik
sind eher Allegorien als Symbole von großer Bedeutung, vereinfachte Darstellungen als Repräsentanten real existierender Teile oder Systeme. (Aus ihnen geht hervor, um welches prinzipielle Teil es sich handelt, unabhängig davon, ob die reale Ausführung modernisiert ist, wie z. B. der Papierkorbeinstellung in der
Desktop.) Doch haben einige davon auch symbolische Kraft gewonnen (die
Silhouette einer Dampflokomotive, der Zirkel in der Fahne der DDR).
Im
Wettkampf haben sich etliche Symbole durchgesetzt (z. B. die
Goldmedaille bei Sieg, Silber für den zweiten, Bronze für den dritten, dem vierten bleibt nur die „blecherne“ Medaille).
Siehe auch
- Allegorie
- Bezeichnung, Kennzeichen (Begriffsklärung)
- Symbolik, Sinnbild, Ikonographie
- Semiotik
- Signographie
- Heraldik, Sphragistik, Vexillographie
- Einheitenzeichen, Formelzeichen, mathematische Symbole, Icon, Dingbats
- Schriftsymbol, Zahlensymbol, Symbolisierung
- Symbolischer Interaktionismus in der Soziologie
- Symbolismus (Symbole in der Literatur)
- Chinesische Symbole
- Code
- Stigma (Begriffsklärung)
Quellen
Literatur
- Winfried Nöth: Handbuch der Semiotik. o. A. ISBN 3-476-01226-3
- Umberto Eco: Einführung in die Semiotik. o. A. ISBN 3-7705-0633-2
- Udo Becker: Lexikon der Symbole. Freiburg 1992. ISBN 3-89836-219-1
- Manfred Lurker (Hrsg.): Wörterbuch der Symbolik. 5. Aufl. Stuttgart 1991.
- Carl Gustav Jung et al.: Der Mensch und seine Symbole. o. A. ISBN 3530565016
- Peter Widmer: Subversion des Begehrens. o. A. ISBN 3-85132-150-2
- Clare Gibson: Zeichen und Symbole - Ursprung, Geschichte, Bedeutung. 2005 ISBN 3-8331-1496-7
- Sven Frotscher: '5000 Zeichen und Symbole der Welt', Bern 2006 ISBN 3-258-06802-X
- Dirk Hülst: Symbol und soziologische Symboltheorie. Opladen 1999 ISBN 3-8100-2045-1
Weblinks